Klettersteige werden oft unterschätzt
Von Dölf Barben. Aktualisiert am 19.08.2010
Mehrheit der Geretteten ist unverletzt
Zwischen 2000 und 2009 mussten in der Schweiz 167 Personen aus einem Klettersteig geborgen oder gerettet werden. In der gleichen Zeit wurden mehr als ein Dutzend schwerwiegende Zwischenfälle verzeichnet, 4 davon mit Todesfolge. Rund 30 weitere Personen erlitten Verletzungen ohne Lebensgefährdung, doch war ein Spitalaufenthalt nötig. Dies geht aus einer Zusammenstellung von Ueli Mosimann hervor, der im Schweizer Alpen-Club (SAC) die Fachgruppe Sicherheit im Bergsport vertritt. Darin sind die wichtigsten Bergsportorganisationen vertreten. Beim grössten Teil der Zwischenfälle (knapp 70 Prozent) handelt es sich aber nicht um eigentliche Unfälle. Die 113 Personen blieben allesamt unverletzt, kamen aber aus verschiedenen Gründen nicht mehr weiter – sei es, weil sie erschöpft oder aufgrund von Angstzuständen blockiert waren. Gewisse Passagen auf Klettersteigen seien «extrem exponiert», so Mosimann. An einem solchen Ort seien bei unerfahrenen Personen Anfälle von Panik durchaus möglich. Im Zusammenhang mit Tyroliennes ereigneten sich 11 (der insgesamt 167) Unfälle, 2 endeten tödlich – der eine Anfang Oktober 2009 in Fiesch, der andere vor anderthalb Wochen in Saas Fee. In beiden Fällen sind laut Mosimann elementare Sicherheitsregeln missachtet worden.
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Eine junge Britin ist am vorletzten Sonntag im Wallis auf einem Klettersteig tödlich verunfallt. An einer sogenannten Tyrolienne war sie ohne Bremsvorrichtung losgesaust und in einen Fels geprallt. Bereits vor einem Jahr war es – ebenfalls im Wallis – zu einem tödlichen Unfall mit einer Tyrolienne gekommen.
Klettersteige haben seit 1993, als oberhalb der Sustenpassstrasse der erste in der Schweiz eingeweiht wurde, einen Boom erlebt. Mittlerweile gibt es rund 60 davon, 11 alleine im Kanton Bern. Anders als in Kletterhallen und Klettergärten bewegen sich auf Klettersteigen zahlreiche Personen, die keine oder wenig Erfahrung im Klettern haben. Daniel Anker, Bergjournalist aus Bern, der eben ein Buch über die Klettersteige in der Schweiz veröffentlicht hat, spricht von «Wanderern, die einmal die Vertikale erleben wollen». «Richtige» Kletterer und Bergsteiger dagegen meiden Klettersteige eher, sie fühlen sich durch die Sicherheitskabel und Hilfsvorrichtungen eingeengt. Die junge Lehrerin aus der Region Bern, die letzte Woche im Klettergarten Wilderswil ums Leben kam, war eine Sportkletterin.
«Kaum für ängstliche Anfänger»
Doch wie gefährlich sind Klettersteige, auf denen sich mehrheitlich Personen ohne Klettererfahrung bewegen? Die vom Schweizer Alpen-Club (SAC) erfassten Unfallzahlen erscheinen niedrig. Ausserdem handelt es sich bei der Mehrzahl der Zwischenfälle nicht um eigentliche Unfälle (siehe Kasten). Das Sicherheitskonzept ist vom Prinzip her das Gleiche wie in Seilparks: Die Berggänger sind – ausser bei ganz einfachen Passagen – dauernd mit einem Sicherheitsseil verbunden; einer von zwei Karabinerhaken muss immer eingehängt sein. Und etwas anderes fällt auf: Die Tyrolienne-Vorrichtungen sind in der Schweiz keineswegs stark verbreitet. Im Kanton Bern gibt es bloss deren zwei, und beide gehören zum Klettersteig Kandersteg-Allmenalp, wie Daniel Anker sagt. Gemäss seinem Buch ist dieser Steig, der mit jährlich rund 7000 Begehungen zu den beliebtesten gehört, «kaum für ängstliche Anfänger geeignet».
Aber: Wer den Klettersteig Allmenalp benutzt, kann ohne weiteres auf den Gebrauch der Tyrolienne verzichten. Die eine, welche über ein 110 Meter langes Seil zu einem gleich hoch gelegenen Endpunkt führt, ist als «Zückerchen» für Gäste gedacht, die mit Bergführer unterwegs sind; nur diese erhalten einen Schlüssel, um die Vorrichtung zu entsperren. Zwischenfälle habe es noch nie gegeben, sagt Bergführer Jürg Martig, der Erbauer des Klettersteigs. Die andere Tyrolienne, die jedermann benutzen darf, aber ebenfalls umgangen werden kann, ist 50 Meter lang. Sie weist ein leichtes Gefälle auf und verfügt über ein «ausgeklügeltes Bremssystem». Sie sei «nicht ganz unproblematisch», sagt Martig. In den sechs Betriebsjahren haben denn auch mehrere Personen vorab Fussverletzungen erlitten, vier wurden mit Frakturen hospitalisiert. Einige haben laut Martig im Nachhinein angegeben, sie hätten die Gefahr unterschätzt und das Bremsen vernachlässigt.
Gemessen an der grossen Zahl der Begehungen erreigneten sich auf Klettersteigen sehr wenig Unfälle, sagt Ueli Mosimann, Sicherheitsverantwortlicher beim SAC. «Grosse Sorgen» bereitet ihm etwas anderes: Mit all den Metalleinrichtungen sei ein Klettersteig «ein einziger Blitzableiter». Mosimann rät, bei Gewitterneigung unbedingt auf Klettersteig-Touren zu verzichten. In den Dolomiten seien letztes Jahr sechs Personen durch einen einzigen Blitz getötet worden.
Druckfrisch: Die Klettersteige der Schweiz von Eugen E. Hüsler und Daniel Anker, AT-Verlag und SAC Schweiz. (Der Bund)
Erstellt: 19.08.2010, 07:34 Uhr
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