«Kinderpornografie ist das grösste Problem im Internet»

Internet-Fahnder müssen sich täglich schreckliche Bilder von missbrauchten Kindern ansehen. Doch die Arbeit lohnt sich: Sie trugen zur Aufklärung des grössten bernischen Falls von Kinderpornografie bei.

Ein Mitarbeiter der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität sucht nach verbotenem kinderpornografischem Material. (Valérie Chételat)

Ein Mitarbeiter der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität sucht nach verbotenem kinderpornografischem Material. (Valérie Chételat)

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1,5 Millionen kinderpornografische Bilder hatte der Mann auf seinem Computer abgespeichert. Die Ermittlungen im grössten Fall von Kinderpornografie im Kanton Bern sind abgeschlossen, teilte die Kantonspolizei kürzlich mit. Hinweise, dass der Mann auch selber Kinder missbraucht habe, hätten sich nicht erhärtet. «Hinter jedem Bild ist ein Kind, das missbraucht wurde», sagt Tobias Bolliger, Mitarbeiter der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik) in Bern. Deshalb förderten Konsumenten von Kinderpornografie diese auch, denn für sie werde das Angebot geschaffen. Der Mann, den die Polizei mithilfe der Kobik überführte, ist ein Wiederholungstäter. Er wurde auffällig, nachdem den Schweizer Behörden in Zusammenarbeit mit der Kobik vor gut zwei Jahren ein Schlag gegen eine riesige Pädophilen-Plattform gelungen war. Der entscheidende Hinweis war über Interpol aus Wien gekommen. «Es dauerte Tage, bis wir nur all die Daten der Plattform gespeichert hatten», sagt Thomas Walther, stellvertretender Abteilungschef bei der Bundeskriminalpolizei. Eine Mitarbeiterin war eine Woche lang damit beschäftigt, das Material nach einzelnen Straftatbeständen zu sichten.

Opfer werden selten gefunden

Für die zehn Mitarbeitenden der Kobik ist das Sichten der schrecklichen kinderpornografischen Bilder ein Teil der täglichen Arbeit. Ein kleines Mädchen, die blonden Haare seitlich zu zwei kleinen Pferdeschwänzen gebunden, hat einen Penis im Mund. Ein anderes, ein paar Jahre älteres Mädchen hängt nackt und gefesselt kopfüber, die Beine weit gespreizt. «Die Schweiz ist kein klassisches Produktionsland kinderpornografischer Bilder», sagt Bolliger. Aber die Kobik habe zur Aufklärung von Missbrauchsfällen in der Schweiz beigetragen. Erst kürzlich hätten sie einen Fall aufgedeckt, bei dem Bilder, die in der Schweiz gemacht wurden, auf einer russischen Seite gefunden worden seien. Auch wenn man immer versuche, die Opfer zu identifizieren, sei die Aufklärung von Kindsmissbrauch schwierig. Die meisten Bilder lieferten kaum Hinweise auf Ort und Zeit der Entstehung. «Das Schlimmste ist für einen Fahnder, wenn er zuschauen muss, wie ein Opfer älter und älter wird», sagt Walther.

Überprüfung rund um die Uhr

Seit 2003 kämpft die Kobik, die bei der Bundeskriminalpolizei angesiedelt ist, gegen die Internetkriminalität. Nebst der Kinderpornografie suchen die Fahnder vor allem auch nach Spamern oder Betrügern auf den vielen Auktionsplattformen. Kriminelle hätten das Internet längst für sich entdeckt, sagt Bolliger. «Kinderpornografie ist aber das grösste Problem im Internet. An Spam hat man sich leider fast gewöhnt.» Ein Teil der Arbeit der Internetfahnder besteht darin, zu prüfen, ob die via Meldeformular eingehenden Hinweise möglicherweise strafrechtlich relevante Internetinhalte betreffen und ob sie einen Bezug zur Schweiz haben. Im vorletzten Jahr erreichten die Kobik 7456 solche Meldeformulare aus der Bevölkerung. Daraus erstellte die Kobik nebst vielen Meldungen an Interpol 85 Verdachtsdossiers, die sie den entsprechenden Kantonspolizeien zur weiteren Ermittlung weiterleitete. Meistens steht für die Polizei dann eine Hausdurchsuchung an, wobei etwa Computer beschlagnahmt werden. Oder die Polizei versucht eine verdächtige Person zu treffen, die sich in einem Chatroom in Unkenntnis mit einem Internet-Fahnder statt mit einem Kind verabredet hat.

Immer wieder fündig wird die Kobik aber auch mit eigenen Recherchen auf bekannten Internetseiten oder in sogenannten Peer-to-Peer-Netzwerken. Diese Netzwerke bestehen aus mehreren Computern, die einander die Ressourcen zur Verfügung stellen und beliebt sind für den Austausch von legalem pornografischem, aber eben auch kinderpornografischem Material. Die Überprüfung von diesen Netzwerken wurde automatisiert und läuft rund um die Uhr. «Gesucht wird unter anderem nach Schlagwörtern, mit denen Personen nach den einschlägigen Bildern suchen», erklärt Bolliger. Fällt eine Person auf und lädt nicht nur einmal ein kinderpornografisches Bild herunter, gerät sie ins Visier der Kobik-Mitarbeiter. All diese Fahndungsmöglichkeiten führten 2009 zu 240 Verdachtsdossiers, die die Kobik an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet hat. 90 Prozent davon führten zu Hausdurchsuchungen durch die Polizei und fast ebenso viele Dossiers am Ende zu einem Strafverfahren mit einer Verurteilung. Der Kantonspolizei Bern wurden 2009 21 Verdachtsdossiers weitergeleitet.

Professionellen Blick entwickelt

Derzeit werde eine automatisierte Auswertung kinderpornografischer Inhalte entwickelt, sagt Walther. Zum einen, weil das Internet und die Fülle von verbotenen Inhalten unvorstellbar gross sind. Zum anderen aber auch, damit die Fahnder möglichst wenige dieser schrecklichen Bilder immer und immer wieder anschauen müssen. «Jeder Mitarbeiter muss sich mit dieser schwierigen Situation auseinandersetzen», sagt Bolliger. Er habe für sich eine Art professionellen Blick entwickelt und sehe nur noch das, wonach er suche. Denn nicht alles, was jung und nackt sei, sei auch Kinderpornografie. Er schaue die Bilder nur kurz an und versuche dabei das Leid auszublenden. «Es motiviert mich aber auch, weil ich weiss, dass meine Arbeit wichtig ist», sagt Bolliger. Um das Gesehene besser ertragen und verarbeiten zu können, arbeiten die Kobik-Mitarbeitenden nicht in Einzelbüros. Und ihnen steht jederzeit ein psychologischer Dienst zur Verfügung. (Der Bund)

(Erstellt: 13.01.2011, 08:53 Uhr)

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Meldeformular für eventuelle strafrechtlich relevante Internetinhalte unter www.cybercrime.ch.

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