Bern

Kein genereller Personalmangel in Heimen

Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 04.02.2011

Ein Pfleger hat über hundert Behinderte sexuell missbraucht. Das ist jedoch kein Indiz für einen allgemeinen Personalnotstand in Heimen.

Der Personalmangel im Betreuungsbereich ist momentan nicht so gross wie in anderen Bereichen des Gesunheitswesens. (Valérie Chételat)

Der Personalmangel im Betreuungsbereich ist momentan nicht so gross wie in anderen Bereichen des Gesunheitswesens. (Valérie Chételat)

Da arbeitet ein Sozialtherapeut in mehreren Institutionen, wird von Station zu Station gereicht, weil er sich nie richtig im Team integrieren lässt, begeht zahlreiche Übergriffe, die jedoch unentdeckt bleiben. Im Internat Tannhalde der Nathalie-Stiftung in Gümligen wird Therapeut S. – mit anderen männlichen Angestellten – im Jahr 2003 verdächtigt, sexuelle Übergriffe begangen zu haben. Im Netz der Untersuchungen bleibt einer hängen, aber es ist nicht S., sondern ein anderer Mann. Diesem wird gekündigt. Die anderen werden entlastet. Auch S.

2004 kommt es zu einer Kündigung. Aber es ist nicht die Stiftung, die S. entlässt, sondern er reicht selbst die Kündigung ein. Wie Walter Zuber, seit 2008 amtierender Direktor der Nathalie-Stiftung, dem «Bund» sagt, wollte S. eine Weiterbildung absolvieren. Dies wäre neben dem bisherigen Arbeitspensum nicht möglich gewesen, weshalb S. die Stelle kündigte. Allerdings fragte die damalige Internatsleiterin S. an, ob er als Aushilfe im Rahmen von 20 bis 30 Prozent weiterarbeiten wolle. S. nahm das Angebot an.

Für Zuber ist es besonders erschütternd, dass die Machenschaften von S. nicht aufgeflogen sind, obwohl sich das Heim im Nachgang des 2003 aufgedeckten Missbrauchsfalls intensiv mit dem Thema sexuelle Übergriffe beschäftigte. Mit externen Fachstellen habe die Stiftung Konzepte entwickelt, wie solche Vorkommnisse zu verhindern seien, legt Zuber dar. Alle Mitarbeiter waren involviert, arbeiteten mit, befassten sich intensiv mit dem Thema – auch S.

Für die Nachtwache wurden fortan keine Männer mehr eingesetzt. S. war im Tagteam tätig. Und trotzdem beging er wieder Übergriffe. Zuber erklärt sich dies so, dass bei S. «ein Krankheitsbild mit Suchtcharakter» vorliege: «Er täuschte Kollegen und Leitung.»

Sind Heime zu wenig wählerisch?

Die berufliche Biografie von S. wurde als problematisch geschildert: die Wechsel, die mangelnde Teamfähigkeit. Zuber relativiert den Eindruck: «In seinen Zeugnissen deutete nichts darauf hin.» Es sei nicht so, dass Heime jeden Bewerber nähmen. «Die These einer dauernden Personalknappheit stimmt nicht.» Richtig sei, dass einem «gutes Personal nicht die Bude einrennt», dass gut ausgebildete und erfahrene Fachkräfte «nicht wie Sand am Meer» vorrätig seien.

Michel Horn, Abteilungsleiter Kinder und Jugendliche vom Alters- und Behindertenamt des Kantons Bern (Alba), bestätigt, es bestehe «kein allgemeiner Notstand», jedoch sei das Finden von qualifiziertem Personal «nicht mit Fingerschnippen» gemacht. Einen eklatanten Mangel gebe es nicht. Wäre dies anders, bekämen die Heime laut Horn Probleme wegen der Betriebsbewilligung, die einen Zweidrittelanteil an ausgebildetem Personal verlange. Horn sagt, das Alba überprüfe bei der Anstellung lediglich die Dossiers der Heimleiter. Diese müssten durch das Alba gutgeheissen werden. Die Auswahl des Personals auf den unteren Ebenen falle nicht in die Verantwortung des Kantons, sagt Horn.

Laut Curaviva, dem Verband Heime und Institutionen Schweiz, ist der Personalmangel momentan nicht vergleichbar mit anderen Bereichen des Gesundheitswesens. «Man kann nicht sagen: Wir nehmen jeden, der sich meldet», sagt der Sprecher Dominik Lehmann.

S. hatte ein Diplom als Sozialtherapeut, das heute nicht mehr genügen würde. Nathalie-Direktor Zuber ist froh, dass Ausbildungen heute länger dauern und höhere Standards erfüllen. «Trotzdem würde ich nie die Hand ins Feuer legen, dass nie mehr ein Pädophiler angestellt wird.» Ein Restrisiko bleibe, denn gerade in einem Bereich, «der Vertrauen und menschliche Nähe voraussetzt, kann es keine totale Kontrolle geben». (Der Bund)

Erstellt: 04.02.2011, 07:18 Uhr


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