Bern

Jugendliche Straftäter unter der Lupe

Eine kürzlich publizierte Studie der Berner Fachhochschule untersucht junge Straftäter. Professor Jachen Curdin Nett erklärt, weshalb der Herkunft der Täter mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

Mehr als zwei Drittel der untersuchten Gewaltstraftaten gehen auf das Konto von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Mehr als zwei Drittel der untersuchten Gewaltstraftaten gehen auf das Konto von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Bild: Keystone

Drei Typen straffälliger Jugendlicher

Im Rahmen der Jugendkriminalitäts-Studie der Berner Fachhochschule, Bereich Soziale Arbeit, haben die Wissenschaftler die Strafakten von 378 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren untersucht. Dabei handelt es sich nicht um eine repräsentative Auswahl. Vielmehr wurden nur Fälle angeschaut, die über das Bagatellniveau hinausreichen, also zum Beispiel Fälle von Wiederholungs­tätern oder solche mit schwerwiegenden Folgen. Zusätzlich zum Aktenstudium wurden Gespräche mit Jugendlichen, Betreuern und Behörden geführt. Auf dieser Grundlage wurden drei Kategorien delinquenter Jugendlicher gebildet:

- Knapp ein Drittel fällt in die Kategorie der «Problem-Jugendlichen». Diese waren bei ihrer ersten aktenkundigen Straftat im Durchschnitt jünger – 14-jährig – und begingen innerhalb einer vergleichbaren Zeitspanne mehr Straftaten als die übrigen Jugendlichen. Überdies sind bei ihnen Gewalttaten und Verstösse gegen das Waffengesetz am weitesten verbreitet, und sie weisen den höchsten Drogenkonsum auf. Sie leben im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen am häufigsten in Haushalten, die Sozialhilfe beziehen.

- Die Gruppe der «jugendtypischen Delinquenten» umfasst rund 40 Prozent der betrachteten Fälle. Sie weisen die ­geringste Deliktintensität auf. Fast zwei Drittel der Jugendlichen dieser Kategorie – mit Abstand am meisten – leben in sogenannten «Broken Homes» – Ein­eltern-, Patchwork- oder Ersatzfamilien. Ihr Selbstbewusstsein ist unterdurchschnittlich. Die Forscher sprechen von einer «für die Adoleszenzphase typischen Problemkonstellation».

- Die dritte Gruppe, die der «Risiko-Jugendlichen», gibt den Wissenschaftlern am meisten Rätsel auf. Sie werden eher spät strafrechtlich auffällig, entwickeln aber trotz mehrheitlich intakter Familienverhältnisse, fehlender Drogenproblematik und eher positiver Selbsteinschätzung ein erhebliches kriminelles Potenzial. Wie es dazu kommt, ist laut Jachen Curdin Nett nicht abschliessend erklärbar. (bro)

Herr Nett, Sie haben jugendliche Straftäter mit überdurchschnittlicher Delinquenz untersucht. Wie würden Sie den typischen jugendlichen Straftäter beschreiben?

Das ist schwer zu verallgemeinern. Wir haben in der Studie aufgrund von Art und Anzahl der Delikte drei Täter-Typologien gebildet (siehe Text unten). Dabei haben wir festgestellt, dass sich die drei Gruppen auch hinsichtlich von Risiko- und Schutzfaktoren unterscheiden, welche Delikte begünstigen respektive unwahrscheinlicher machen. Über die drei Täter-Kategorien hinweg zeigt sich aber zum Beispiel, dass fast die Hälfte aller Delinquenten einen Migrationshintergrund aufweist. Bei Gewaltdelikten sind es sogar mehr als zwei Drittel.

Dieser Wert ist höher, als in anderen Studien festgestellt. Weshalb?

Es mag sein, dass dies mit der Schwere der untersuchten Delikte zusammenhängt. Jugendliche mit Migrationshintergrund haben im Durchschnitt mehr Vorstrafen in ihrer Akte. Es kann aber auch sein, dass es durch unsere Definition von Migrationshintergrund begründet ist. In unserer Studie ist das Merkmal bereits erfüllt, wenn ein Elternteil nicht Schweizer Herkunft ist.

Ist der hohe Anteil als Befund nicht erschreckend?

Er gibt tatsächlich zu denken. Oft wird in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass die Risiko- und Schutzfaktoren eigentlich im Vordergrund stehen. Es ist nun aber gerade so, dass diese Faktoren bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ungünstiger verteilt sind. So ist zum Beispiel ein intaktes Familiengefüge nur bei Schweizer Jugendlichen ein Schutzfaktor, nicht aber bei solchen mit Migrationshintergrund.

Welche Unterschiede konnten Sie bezüglich der Haltung der Jugendlichen feststellen?

Die Jugendlichen unterscheiden sich in ihrem Selbstverständnis. Solche mit Migrationshintergrund schätzen sich selbst als aggressiver, fitter und sportlicher, aber auch als vorsichtiger im Umgang mit anderen Menschen ein. Insgesamt bewerten sie sich und ihr Verhalten positiver. Bei Delikten, die in Gruppen begangen werden, treten solche Jugendlichen überdurchschnittlich häufig als Haupttäter auf. Ebenfalls werden sie überdurchschnittlich oft zu Wiederholungstätern.

Heisst Letzteres, dass die Arbeit mit solchen Jugendlichen häufiger unfruchtbar bleibt?

Das ist möglich, ja. Es könnte damit zusammenhängen, dass die Kooperationsbereitschaft der Eltern dieser Jugendlichen in der Regel geringer ist.

Welche Folgen haben diese Erkenntnisse für die Arbeit mit delinquenten Jugendlichen?

Es bedeutet, dass dem Migrationshintergrund mehr Beachtung zu schenken ist. Er sollte vermehrt im Zentrum stehen. Es braucht massgeschneiderte Präventionskonzepte, die sich nicht nur an den einzelnen Risikofaktoren orientieren, sondern spezifischer auf die verschiedenen Migrationshintergründe zugeschnitten sind.

Wo ist der Hebel diesbezüglich anzusetzen?

Am besten in der Schulsozialarbeit, denn da erreicht man alle Jugendlichen. Bei der Elternarbeit sind auch die Vormundschaftsbehörden angesprochen.

Eine weitere Erkenntnis aus der Studie, die aufhorchen lässt, ist, dass mehr als die Hälfte der delinquenten Jugendlichen bei ihrem ersten Delikt 14-jährig oder jünger sind. Wie ist dies zu interpretieren?

Auch dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass in der Studie primär schwere Fälle untersucht wurden. Je früher jemand straffällig wird, desto grösser ist das Risiko, dass sich dies auf starke Weise fortsetzt. Nichtsdestotrotz ist das Alter von 14 Jahren aber besonders heikel. Dann setzt die Pubertät so richtig ein und damit auch die verstärkte Aussenorientierung der Jugendlichen.

Welches Zeugnis stellen Sie der Jugendstrafrechtspflege aufgrund der Studie insgesamt aus?

Ich kann kein Urteil darüber fällen, ob die in den einzelnen Fällen ergriffenen Massnahmen zielführend sind oder nicht. Was ich sagen kann, ist, dass je nach Kategorie unterschiedlich reagiert wird. Das ist der positive Befund der Studie. So wurde beispielsweise bei 30 Prozent der «Problem-Jugendlichen» eine Schutzmassnahme wie persönliche Betreuung oder Unterbringung ergriffen. In den beiden anderen Kategorien geschah dies fünf- bis siebenmal weniger häufig. Hier stellt sich die Frage, ob den «Risiko-Jugendlichen» nicht auch vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Aus Sicht der Spezialprävention wäre eine Ausweitung der verordneten Schutzmassnahmen zu befürworten. Das kostet erst einmal. Es ist eine politische Frage, wie viel Geld in diese Prävention investiert werden soll.

Zur Person: Jachen Curdin Nett ist Professor an der Berner Fachhochschule, Fachbereich Soziale Arbeit. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem: soziale Integration, Kriminalität und Strafrechtspflege. (Der Bund)

Erstellt: 28.06.2010, 14:13 Uhr

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3 Kommentare

Hannes Geiges

28.06.2010, 10:43 Uhr
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Mir scheint der von Herrn Zimmermann angegebne Punkt der ADS/ADHS Kinder und Jungendlichen von ausserordentlicher Bedeutung. Es geht dabei nicht nur um die Erfassung dieser Kinder und Jugendlichen sondern insbesondere um die richtige Begleitung solcher Kinder in Elternhaus, Schule und Gesellschaft. Durch unsern falschen Umgang mit ihnen werden sie leider nicht selten zu Straftätern. Antworten


urs berger

28.06.2010, 09:29 Uhr
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also, gemäss Statistik sind 49.3% der Ehen in der Schweiz binational. Die Studie basiert auf dieser Definition. Und kommt zum Schluss, dass 'Über die drei Täter-Kategorien hinweg zeigt sich aber zum Beispiel, dass fast die Hälfte aller Delinquenten einen Migrationshintergrund aufweist.'... Und Herr Brönnimann findet das erschreckend. Ich auch.... Antworten


peter zimmermann

28.06.2010, 08:01 Uhr
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Wir von der Reform 91 (Selbsthilfeorganisation für Strafgefangene und Randständige) stellen fest,dass in einer geschlossenen Strafanstalt bis weit über 70% Prozent der Inhaftierten Ausländer sind. Ein weiteres Element bei der Entstehung von Kriminalität sind jugendliche Straftäter die mit einem ADS/ADHS betroffen sind und in der Vorbeugung nicht erfasst wurden. Antworten



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