«Jede Religion diskriminiert ihre Frauen»

Von Felicie Notter. Aktualisiert am 27.05.2010 1 Kommentar

Die Politologin und Autorin Elham Manea diskutiert heute im Käfigturm über Minarette, Menschenrechte und Demokratie.

Kritischer Geist: Elham Manea. (Adrian Moser)

Kritischer Geist: Elham Manea. (Adrian Moser)

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Elham Manea

1966 in Ägypten geboren, lebte und forschte die Politologin Elham Manea im Iran, im Jemen, in Marokko, Kuwait und den USA. In der Schweiz arbeitete sie zunächst als Journalistin für Swissinfo (früher: Schweizer Radio International SRI). Sie doktorierte in Zürich, wo sie heute in verschiedenen Forschungsprojekten tätig ist. Sie lebt mit ihrem Mann und der 10-jährigen Tochter in Bern. Letztes Jahr erschien im Herder-Verlag ihr Buch «Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte», in dem sie einen «humanistischen Islam» fordert. (fen)

Die Podiumsdiskussion «Grundrechte in multikulturellen Gesellschaften» findet heute Abend von 19.15 bis etwa 21 Uhr im Politforum Käfigturm in Bern statt.

Frau Manea, Sie sind jemenitisch-schweizerische Doppelbürgerin. Was haben Sie persönlich für ein Verhältnis zum Islam?

Einerseits ist der Islam meine Religion und Teil meiner Kultur. Andererseits erforsche ich den Islam als Politologin. Mich interessiert es sehr, Wege zu finden, die es uns Muslimen ermöglichen, diese Religion zu reformieren.

Wie leben Sie Ihren Glauben?

Da verfolge ich eine Art «Cut and paste»-Ansatz – ich gestalte meine Religion gemäss meinen Bedürfnissen: Wenn ich beten möchte, dann bete ich. Wenn nicht, dann eben nicht. Ich lebe eine Mischform: Religiöse Rituale sind nicht sehr präsent in meinem Leben, aber die spirituelle Inspiration kann ich immer erleben.

An der heutigen Podiumsdiskussion vertreten Sie die Sichtweise einer hier lebenden feministischen Muslimin. Schliessen sich Koran und Feminismus nicht gegenseitig aus?

Manchmal schon. Deswegen bin ich der Meinung, dass man den Koran in seinem historischen Kontext betrachten muss. Die Verse wurden von Menschen ausgewählt mit teils politischen Motivationen. Um den Feminismus mit dem Koran vereinbaren zu können, muss ich die Grenzen der religiösen Texte anerkennen: Sie bieten mir keine Lösungen für meinen Alltag. Nur weil etwas im Koran steht, heisst das nicht, dass es heute relevant ist. Das ist wie beim Alten Testament.

Heute Abend diskutieren Sie über den Schutz von Grundrechten. Sind Menschenrechte gefährdet, wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen?

Nein, das denke ich nicht. Aber es braucht klare Rahmenbedingungen, damit die Grundrechte respektiert werden. Erstens braucht es einen Konsens über die Trennung von Staat und Religion. Es gibt gute Gründe für den Säkularismus: Sobald der Glaube in der Politik eine Rolle spielt, gibt es Konflikte und sogar Kriege. Zweitens müssen die Menschenrechte und die Gleichberechtigung Vorrang haben vor der Religion. Dabei ist es ohne Belang, von welcher Religion wir sprechen.

Der islamische Zentralrat dürfte dies anders sehen.

Wir sind zwei Gegenpole: Ich teile die Ansichten dieses Rates überhaupt nicht. Für mich ist es eine fundamentalistische Strömung innerhalb des Islam. Seine Weltanschauung in Bezug auf Frauen und seine Lösungsvorschläge für unser gesellschaftliches Zusammenleben widersprechen nach meiner Auffassung dem hiesigen sozialen Modell. Man muss diese Leute gut beobachten. In anderen Ländern waren solche Gruppierungen eine Brutstätte für die Radikalisierung.

Stehen die Menschenrechte denn auch über der Demokratie?

Beim Minarettverbot hatte die Demokratie den Vorrang. Es ist eine heikle Frage. Hier ging es nicht um Religionsfreiheit, sondern um die Diskriminierung einer Gruppe. Aber ich stehe der direkten Demokratie in der Schweiz positiv gegenüber. Schliesslich hat sie sich im Verlauf der Geschichte selber reguliert: Auch Katholiken wurden früher ausgegrenzt.

Sollte es Einschränkungen geben?

Die vorhandenen Instrumente müssen angewendet werden. Man kann ja auch nicht eine Initiative für Sklaverei zur Abstimmung kommen lassen.

Also stehen die Menschenrechte doch über der Demokratie.

Ja, die Menschenrechte sind das Wichtigste. Das dritte Prinzip, damit diese Rechte in einer multikulturellen Gesellschaft gewahrt werden, ist die Gleichheit. Da steht Europa den USA noch um einiges nach: Es dauert hier sehr lange, bis man akzeptiert wird. Da sind Massnahmen notwendig, um die Gleichheit zu garantieren. Es darf beispielsweise bei der Lehrstellensuche keine Rolle spielen, ob der Name auf «-ic» endet oder ob man Mohammed heisst. Die Dossiers sollten anonymisiert vorgelegt werden können.

Müssen sich hier lebende Muslime einer «christlichen Leitkultur» unterordnen?

Nicht einer christlichen, sondern einer säkularen Leitkultur, die auf Menschenrechten und Gleichberechtigung basiert. Diese Regeln gelten innerhalb der Gesellschaft auf allen Ebenen: zwischen Religionen, aber auch zwischen Kindern und Erwachsenen, Frauen und Männern. Gerade die Frauenfrage ist universell. Jede Religion diskriminiert ihre Frauen.

Nun diskutiert auch die Schweiz ein Burka-Verbot. Ist das ein starkes Signal für die Befreiung der Frau oder die Einschränkung ihrer Religionsfreiheit?

Ich sehe die Burka nicht als religiöses Symbol. Es ist ursprünglich ein beduinischer Brauch. Frauen können aus verschiedenen Gründen die Burka tragen. Viele – das habe ich im Jemen erlebt – tragen sie nur, weil sie müssen. Aber es gibt andere, die das freiwillig machen. Der Handlungsbedarf ist gegeben durch die ideologische Komponente. Ich möchte aber keine Sonderregel für eine bestimmte Gruppe. Es gibt ja ein Vermummungsverbot – setzen wir dieses durch: für Frauen und Männer, egal welcher religiösen Zugehörigkeit.

(Der Bund)

Erstellt: 27.05.2010, 08:42 Uhr

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1 Kommentar

Luzia Sutter Rehmann

31.05.2010, 15:00 Uhr
Melden

Vielen Dank für den Beitrag! Eine Debatte um Menschenrechte, Frauenrechte in einer Demokratie wie der Schweiz schliesst sich hier nahtlos an. So lange ist es noch gar nicht her, dass die Schweizerinnen kein Stimmrecht hatten... Insofern muss ich Frau Manea widersprechen: es sind nicht die Religionen, die "ihre" Frauen diskriminieren. Es ist das Patriarchat - das hat mit Religion nichts zu tun. Antworten



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