Initiationsriten für Berner Buben
Von Klaus von Muralt. Aktualisiert am 17.05.2011 11 Kommentare
Infoveranstaltung
Morgen Mittwoch findet im Burgerspittel Bern um 17.30 Uhr eine Informationsveranstaltung zu Boys to Men statt.
Zuerst wird im Spittelsaal die preisgekrönte Dokumentation «Journeyman» gezeigt.
Im Anschluss gibt es eine offene Diskussion zum Thema «Buben in der Krise?».
Eintritt frei.
Weitere Informationen zu Boys to Men: www.boystomen.ch
Wann wird ein Bub zum Mann? Und wie können Buben auf dem Weg zum Mannwerden begleitet werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die gemeinnützige Organisation Boys to Men. 1996 im kalifornischen San Diego gegründet, ist sie seither kontinuierlich gewachsen und verfügt heute über Netzwerke in den USA, Kanada, Südafrika, England, Deutschland und seit 2009 auch in den Schweizer Kantonen Tessin und Zürich. «Im Alltag vieler Buben fehlen die Väter und somit auch Vorbilder, die den Buben eine Richtung vorgeben im Leben», sagt Stefan Hermann, Direktor von Boys to Men International. Gleichzeitig nehme der mediale Reizüberfluss durch Handys, MP3-Player, Playstation, Internet und Fernsehen ständig zu. Folge dieser Orientierungslosigkeit seien oft Probleme wie exzessiver Alkoholkonsum, sexuelle Übergriffe auf Mädchen und häusliche Gewalt.
Boys to Men versucht diesem Trend entgegenzuwirken, indem das natürliche Selbstwertgefühl der Jugendlichen gestärkt wird, ihnen Werte wie Ehrlichkeit und Respekt gegenüber ihren Mitmenschen sowie der Sinn für Gemeinschaft vermittelt werden. Zu diesem Zweck bietet die Organisation Mentoringprogramme für Buben im Alter von 12 bis 17 Jahren an. Dabei bekommen die Buben erwachsene Männer als Mentoren zur Seite gestellt. Diese pflegen einen regelmässigen Kontakt mit ihnen und begleiten sie zu den alle zwei Wochen stattfindenden Gruppentreffen. Ausgebildet für diese verantwortungsvolle Aufgabe werden die Mentoren an internen Seminaren.
Wieso gerade in Bern?
Neu will Boys to Men nun auch im Kanton Bern unter dem Namen «Boys to Men Mentoring Bern» ein Netzwerk aufbauen und dereinst Mentoringprogramme durchführen. Unterstützt wird dieses Anliegen zum einen von der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion, die eine Finanzierung über drei Jahre hinweg zugesprochen hat – und damit den Budgetbedarf von Boys to Men zu einem Drittel deckt. Zum anderen walten die Alt-Nationalräte Roland Wiederkehr (zuletzt parteilos) und Remo Galli (CVP) als Schirmherren des Projekts; Letzterer als offizieller Präsident. «Die Männer von heute haben Mühe, sich in der Gesellschaft zu positionieren», erklärt er sein Engagement. «Es gibt keine Grossfamilien mehr, in denen Buben männliche Vertrauenspersonen wie Onkel, ältere Brüder oder Cousins als Ansprechpartner haben. Das führt zu Individualismus. Die Buben aber müssen an andere Gemeinschaftsmöglichkeiten glauben können», so Galli.
Gemäss Programmdirektor Hermann ist es vor allem dem guten Beziehungsnetz von Roland Wiederkehr zu verdanken, dass Boys to Men nach Bern kommt. Genau in diesem Punkt wolle man aus vergangenen Fehlern lernen, sei doch das Projekt in Zürich aufgrund der fehlenden Vernetzung mit lokalen Partnerorganisationen ins Stocken geraten. Ausserdem hätten sie es dort mit einem «zu amerikanischen Ansatz» versucht, der die kulturellen Verhältnisse in der Schweiz zu wenig berücksichtigte.
Buben überwinden Ängste
Unter die Kategorie «zu amerikanisch» könnten auch die Abenteuerwochenenden fallen, mittels derer Boys to Men jeweils neue Mitglieder einführt. Die Buben spielen im Schlamm, stemmen Schwerter in die Luft oder bemalen sich mit Körperfarbe. Auch eine Mutprobe als Initiationsritus gehört dazu: Ein Bube lässt sich mit verbundenen Augen aus dem Stand nach hinten fallen, im Vertrauen darauf, dass die anderen ihn auffangen. Passt das nach Bern? «Warum nicht?», findet Hermann: «Früher haben die Naturvölker ihre jungen Männer ja auch durch Initiationsriten in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Die Buben lernen bei diesen Mutproben, ihre inneren Ängste zu überwinden, und deshalb sind sie ein wichtiger Bestandteil unseres Programms.»
Die Mentoren können meist keine Fachausbildung vorweisen. Sie werden an Wochenendkursen auf ihre Tätigkeit bei Boys to Men vorbereitet. Hermann sieht dies eher als Vorteil denn als Nachteil: «Gerade dieses unkomplizierte Element ermöglicht den Aufbau einer authentischen und vertrauensvollen Beziehung zwischen Buben und Mentoren.» Und was tut Boys to Men gegen die mögliche Gefahr sexuellen Missbrauchs oder Gewaltanwendungen seitens der Betreuer? «Unsere Mentoren müssen einen einwandfreien Leumund vorweisen, zudem setzen wir auf die gegenseitige Kontrolle unter den Mentoren. In 15 Jahren Boys to Men hat es nur einen kritischen Fall gegeben», so der Programmverantwortliche.
«Ansatz erfolgversprechend»
Laut Urs Urech, Projektleiter und Geschäftsleitungsmitglied des in der Deutschschweiz aktiven Netzwerks für Schulische Bubenarbeit (NWSB), hat die Arbeit von Boys to Men «durchaus ihre Berechtigung». Ein Bedarf an solchen Mentoringprogrammen sei in der Schweiz sicherlich vorhanden. «Unser Verein konzentriert sich auf die Bubenarbeit in der Schule, Boys to Men setzt den Fokus auf Freizeit und Familie, wir ergänzen uns also», so Urech. Auch Jürg Häberli, Leiter vom Jungendamt Stadt Bern, erachtet den Ansatz von Boys to Men als «erfolgversprechend». Man stehe deshalb voll und ganz hinter dem in Kooperation mit Boys to Men eingereichten Finanzierungsgesuch ans Bundesamt für Sozialversicherung.
Auf wenig Gegenliebe stösst das Projekt hingegen beim kantonalen Jugendamt. Für Jugendsekretär Hans Ochsenbein ist die von der Gesundheits- und Fürsorgedirektion zugesicherte Finanzierung «schwer nachvollziehbar». Es gebe schon genug Fachstellen auf kantonaler Ebene, die sich um solche Angelegenheiten kümmerten. «Sinnvoller wäre eine Stärkung des bereits bestehenden Angebots», so Ochsenbein. Ähnliche Bedenken hat Ueli Dürst vom Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung der kantonalen Erziehungsdirektion: «Sportklubs, Schulorchester, Musikgruppen oder die örtliche Pfadi sind unserer Meinung nach die besseren Methoden, um den Gemeinschaftssinn bei Buben zu fördern.» (Der Bund)
Erstellt: 17.05.2011, 09:03 Uhr
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11 Kommentare
Haha! Es gibt tatsächlich noch Menschen, die glauben, dass Buben von Geburt an das Bedürfnis haben, sich im Schlamm zu wälzen. Was für ein Kausalzusammenhang: Des Bubes Kampfesgeist stärken = Gemeinschaftssinn bilden! Ich und meine drei Töchter würden uns aber auch gerne im Schlamm wälzen, mit Schwertern kämpfen, um sozialer zu werden! Ich werde meinen Mann überreden müssen! Girls goes to boys ;-D Antworten
Eben, wer sagt es denn, es fehlen die Väter, und nicht etwas weil diese nicht wollen, sondern weil immer mehr allein erziehende Frauen das Sagen haben. Beim kleinsten Pieps wird geschieden, der Vater zum Teufen gejagt, soll nur zahlen, darf das Kind nur alle 2 Wochen sehen. Und sogar HSs sollen Kinder haben dürfen. Die Gesellschaft wir zunehmend dekadenter, Egoismus und Karriere, das zählt nur. Antworten
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