«In meinem Leben gibt es im Moment nur ein Ziel: Den Meistertitel»
Zur Person
Der 28-jährige Argentinier Emiliano Ariel Dudar ist in der Hauptstadt Buenos Aires aufgewachsen und spielte in seiner Jugend für Vélez Sársfield. Ab 2003 war er bei Independiente, Banfield und Tigre unter Vertrag; alles Klubs aus dem Grossraum Buenos Aires. 2006 wechselte er nach Brasilien, zu Vasco da Gama (Rio de Janeiro). Nach einem Gastspiel beim FC Chiasso kehrte er 2008 für ein halbes Jahr nach Argentinien zurück, bevor er 2009 bei der AC Bellinzona unterschrieb. Seit Beginn dieser Saison spielt Dudar als zentraler Verteidiger bei YB.(ruk)
Emiliano Dudar, schauen Sie sich den Match YB - Bellinzona im Stadion an oder bleiben Sie zu Hause?
Ich werde im Stadion sein, und und ich werde bestimmt ganz nervös sein.
Können Sie sich Ihren Aussetzer gegen Aarau erklären?
Ich habe einen Fehler gemacht und habe keine Erklärung für mein Verhalten. Ich fluche manchmal auf dem Platz, aber was da passiert ist, das ist nicht meine Art. Ich will schliesslich auch nicht, dass mich andere Spieler treten. Ich habe auch mit meiner Frau über den Zwischenfall gesprochen - auch sie wusste keine Antwort.
Sie kamen 2008 vom brasilianischen Spitzenklub Vasco da Gama, wo sie zusammen mit dem Starstürmer Romario spielten, im Tessin zum FC Chiasso. Was bewog Sie dazu, zu einem kleinen Klub in der Schweiz zu wechseln?
Bei Vasco klappte alles gut, bis ich mir im Juni 2007 den Meniskus riss. Nach der Verletzung hatte ich grosse Mühe, meinen Rhythmus wieder zu finden. Mir erschien deshalb die Möglichkeit attraktiv, in einer europäischen Mannschaft erste Erfahrungen zu sammeln. Ich wusste, dass ich in der Lage bin, bei einem stärkeren Verein als Chiasso zu spielen. Aber manchmal muss man einen Schritt zurück machen, bevor es wieder vorwärts geht.
Sie sind italienisch-argentinischer Doppelbürger. Haben Sie wegen der Sprache ins Tessin gewechselt?
Nein, ich habe in der Schweiz Italienisch gelernt.
Aber Sie haben einen italienischen Pass?
Ja, weil meine Familie von Italien nach Argentinien ausgewandert ist. Dudar ist ein ukrainischer Name. Der Vater meines Vaters war Ukrainer, seine Frau Italienerin. Der Vater meiner Mutter war Pole, auch seine Frau war Italienerin. Eine schöne Mischung.
Sie leben nun mit Unterbrüchen schon fast zwei Jahre in der Schweiz. Wie gefällt es Ihnen hier?
Es gefällt mir gut, und ich gewöhne mich langsam an das hiesige Leben.
Was sind die grössten Unterschiede zu Argentinien?
Die Leute sind distanzierter und der zwischenmenschliche Dialog ist anders, als ich ihn von Argentinien her kenne. Aber ich respektiere die hiesigen Gewohnheiten.
Gibt es Dinge, die Ihnen in Bern fehlen?
Ja, klar. Meine besten Freunde, meine Eltern und Geschwister. Mit meinen Eltern telefoniere ich einmal pro Woche.
Waren Ihre Eltern schon einmal in Bern?
Nein. Ich hoffe aber, dass sie im August kommen können, wenn mein Sohn Santino drei Jahre alt wird und auch ich Geburtstag habe. Aber das ist nicht einfach zu organisieren, auch wegen der Arbeit meines Vaters, der seit 30 Jahren bei der Eisenbahn angestellt ist.
Was machen Sie, wenn Sie nicht Fussball spielen?
In meiner Freizeit bin ich gerne mit meinem Sohn und meiner Frau zusammen. Manchmal unternehmen wir Ausflüge. Und Santino will ständig zu den jungen Bären im Bärenpark.
Sind Sie befreundet mit anderen Argentiniern, die in der Schweiz spielen?
Mit David Abraham und Marcos Gelabert vom FC Basel habe ich in Argentinien zusammen gespielt, Franco Costanzo bin ich als Gegner gegenübergestanden. Da spricht man zusammen, wenn man sich sieht. Grundsätzlich suche ich mir meine Freunde nicht im Fussball. Von den Leuten, die mir wirklich viel bedeuten, sind die meisten Freunde aus der Kindheit.
Haben Sie hier in Bern neue Freunde gefunden?
Nein, das ist schwierig, vor allem wegen der Sprache. Die Verständigungsprobleme limitieren einen sehr. Aber ich gebe ich mir grosse Mühe, das Beste aus der Situation zu machen.
Bern muss als Stadt winzig sein für einen wie Sie, der in Metropolen wie Buenos Aires und Rio de Janeiro gelebt hat.
Natürlich ist Bern klein im Vergleich zu Buenos Aires, dafür hat die Stadt eine hohe Lebensqualität. Zugegeben: Im Winter ist es kalt hier. Niemand hat Lust rauszugehen. Das ist schon etwas hart für einen Grossstadtmenschen wie mich. Doch ich mag mich nicht beklagen - umso mehr als jetzt der Frühling begonnen hat und wieder mehr Leute draussen anzutreffen sind.
Auch rund um den Fussball geht es in der Schweiz weniger emotional zu und her als in Argentinien. Fehlt Ihnen nicht manchmal die totale Leidenschaft für den Fussball?
Im Laufe des Lebens verschieben sich die Prioritäten. Heute geniesse ich die Ruhe. Hier in Bern kann ich mich auf das Spiel konzentrieren und muss nicht dauernd auf die Tribüne spähen, um Ausschau zu halten, ob eine wüste Schlägerei droht oder ob gar meine Familie in Gefahr ist.
Gab es in Argentinien Momente, in denen Sie als Spieler Angst hatten?
Ja, die gab es. Ich spielte einmal mit Independiente in Rosario, wir gewannen 1:0. Wütende gegnerische Fans haben darauf Steine geworfen und die Scheiben unserer Garderobe zerschlagen. Ich wurde leicht im Gesicht verletzt.
Würden Sie trotzdem gerne irgendwann wieder in Argentinien spielen?
Ja. Aber im Moment sehe ich keinen Grund, nach Argentinien zurückzukehren.
Für welchen Klub Ihres Heimatlandes würden Sie am liebsten spielen?
Da gibt es verschiedene. Mein Vater ist ein Fan der Boca Juniors, meine Mutter unterstützt meinen Jugendverein Vélez Sársfield, ich bin eigentlich ein Fan von River Plate.
Es ist also nicht so, dass man entweder für die Boca Juniors oder für River Plate sein muss.
Es gibt Spieler, die nie von einem Klub zu einem anderen gehen würden. Es gibt aber auch einige, die schon für River und Boca gespielt haben. Mich interessieren diese Rivalitäten ehrlich gesagt nicht wirklich.
Also könnten Sie es sich auch vorstellen, dereinst für Basel zu spielen?
Das ist etwas komplizierter (lacht). Im Moment gibt es überhaupt keinen Grund dazu, ich bin hundertprozentig zufrieden bei den Young Boys.
Ist Ihrer Meinung nach die individuelle Qualität im Kader von YB grösser als jene beim FC Basel?
Ja.
YB und Basel liefern sich einen harten Zweikampf um den Titel. Welches der beiden Teams hat mehr Qualitäten?
Ich denke, wir haben das bessere Team. Und wir haben mit Doumbia und Yapi zwei Spieler mit aussergewöhnlichen Qualitäten. Doch es bringt nichts, grosse Reden zu schwingen. Wörter verlieren sich im Fussball schnell in der Luft, wenn man ihnen nicht Taten folgen lässt auf dem Feld.
Sie sind jetzt 28 Jahre alt und haben in Ihrer Karriere noch keinen Titel gewonnen.
Das stimmt. In meinem Leben gibt es deshalb im Moment kein anderes Ziel, als mit den Young Boys den Meistertitel zu gewinnen.
Auch nicht ein zweites Kind?
Nein (lacht). Nur den Titel.
Emiliano Dudar: «Ich gewöhne mich langsam an das hiesige Leben. Foto: M. Zingg (Der Bund)
Erstellt: 12.04.2010, 10:52 Uhr
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