Bern

«In der heutigen Schule fehlt es an Vertrauen»

Von Rudolf Burger. Aktualisiert am 03.12.2011

Sie führte in Schulen ein «Ideenbüro» ein. Das helfe Kindern, Mündigkeit zu praktizieren, sagt Christiane Daepp – und konstatiert im bernischen Erziehungswesen Reformitis.

«In der Schule wird das Potenzial der Kinder zu wenig genutzt»: Christine Daepp.

«In der Schule wird das Potenzial der Kinder zu wenig genutzt»: Christine Daepp.
Bild: Manu Friederich

Zur Person

Christiane Daepp, Jahrgang 1953, wurde in Frick AG als Tochter einer Pfarrfamilie geboren. Sie wuchs u. a. in Dörigen und im Liebefeld auf. Nach der Schulzeit absolvierte sie das Lehrerseminar im Marzili. 1978 trat sie ihre erste Stelle an der Schule in Tüscherz-Alfermée an, an der sie 16 Jahre lang unterrichtete. 1997 wechselte sie nach Leubringen und gründete dort 2002 das erste Ideenbüro. Von der Schule in der Plänke in Biel, wo sie heute angestellt ist, ist Daepp momentan beurlaubt, sie widmet sich ganz der Verbreitung der Idee des Ideenbüros. Als Gründerin des Ideenbüros wurde sie 2004 von der Unicef mit dem Orange Award ausgezeichnet, und gestern erhielt sie dafür in Zürich den Jacobs Best Practice Award. Christiane Daepp wohnt in Biel.

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Frau Daepp, Sie haben am Freitag den mit 200'000 Franken dotierten Jacobs Best Practice Award erhalten. Was machen Sie mit diesem Geld?
Das Geld soll helfen, das «Ideenbüro» weiterzuverbreiten. Wir möchten unseren Verein so professionalisieren und mit drei Leuten eine 100-Prozent-Stelle besetzen. Ein Teil des Geldes ist dafür reserviert, dass wir unter Schulen, die sich darum bewerben, zehn Ideenbüros verlosen können.

Sie wurden für die Idee des Ideenbüros ausgezeichnet. Was ist das genau?
Eine Anlaufstelle, ein Freiraum in einer Schule, in dem grössere Kinder einmal in der Woche Probleme der kleineren Kinder entgegennehmen. Sie laden die Kleineren ein, und eine Woche später werden diese Kinder im Ideenbüro beraten.

Und wieso ist das ein Büro?
«Büro» heisst es in Anlehnung an die Welt der Erwachsenen, weil es nichts Schulisches ist. Es gibt Anmeldeformulare, die kleineren Kinder, die beraten werden, erhalten eine Einladung und nach der Beratung ein Beratungsprotokoll, ausgefüllt von den Sechstklässlern, die im Ideenbüro arbeiten.

Was war der Auslöser für die Schaffung eines Ideenbüros?
Im Jahr 2002 hatte ich an der Schule in Leubringen ein Teilpensum an einer 2. und 3. Klasse, in der es unheimlich viele Probleme mit Mobbing und Streit gab. Eltern riefen immer wieder an. Man redete mit den Kindern, aber alles nützte nichts. Die Klassenlehrerin wurde krank, musste ins Spital, die Stellvertreterin weinte fast jeden Tag. Wir waren ratlos. Ich erinnerte mich, dass die Viertklässler, die ich als Klassenlehrerin in der 1. und 2. Klasse betreut hatte, sehr sozialkompetent gewesen waren. Also fragte ich sie, ob sie mir bei den Problemen mit der 2. und 3. Klasse helfen würden.

Und das war der Beginn des Ideenbüros.
Ja. Diese Viertklässler waren geehrt und stolz und haben mir ihre Hilfe sofort zugesagt. Sie waren näher bei den Kindern und wussten besser, wie man mit ihnen umgehen sollte. Sie kamen in diese 2. und 3. Klasse, und die Kleineren mussten erklären, was es mit dem Mobbing und dem Streit auf sich hatte. Die Älteren machten Notizen, zogen sich in den Korridor zurück und schlugen dann vor, dass sich jedes Kind bis zum nächsten Mal ein Ziel setzen müsse. Das wurde befolgt, und die Situation in dieser schwierigen Klasse besserte sich schlagartig.

Im Ideenbüro lösen Kinder die Probleme von Kindern.
Die grösseren die Probleme der kleineren. Zunächst war das nur eine Notlösung, aber die Viertklässler waren so begeistert, dass sie darum baten, auch weiter beigezogen zu werden.

Heisst das auch: Die Lehrer werden entlastet?
Auf jeden Fall. Ich habe kleinere Kinder schon gefragt, wieso es für sie einfacher sei, sich mit ihren Problemen an grössere Kinder statt an Lehrpersonen zu wenden. Ich erhielt zur Antwort, dass sie nicht wüssten, was es für Konsequenzen habe, wenn sie eine Lehrperson informierten. Es könne ja sein, dass es schlechtere Noten gebe oder sich die Beziehung zur Lehrperson verschlechtere. Diese Unsicherheit entfällt, wenn sich kleinere Kinder an grössere wenden.

Ist das Ideenbüro letztlich auch eine Folge davon, dass Lehrpersonen ihren Pflichten nicht mehr nachkommen können oder wollen?
So würde ich es nicht sagen. Der Lehrberuf ist sehr belastend geworden, es gibt viel mehr Probleme als früher. Zum Beispiel kommt es oft vor, dass in der grossen Pause etwas passiert ist und die Lehrperson eigentlich nicht mit Unterricht weiterfahren sollte, bevor das Problem gelöst ist. Dafür fehlt die Zeit, der Unterricht geht vor, und mit den Kindern zu reden, nützt häufig nichts, sie versprechen zwar, ihr Verhalten zu ändern, aber nach kurzer Zeit taucht das gleiche Problem wieder auf.

Um welche Probleme geht es denn im Allgemeinen?
Mobbing, Streit, Auslachen, Regeln nicht einhalten.

Was heute als Mobbing bezeichnet wird, hat es immer gegeben. Ist das wirklich schlimmer geworden?
Klar hat es das schon früher gegeben. Aber heute gibt es keine sicheren Werte mehr, die heutige Gesellschaft ist ein Dschungel, alles ist möglich, scheinbar nichts verboten und doch wenig erlaubt. Es ist sehr schwierig, sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden.

In Biel gibt es eine hohe Ausländerquote. Haben Probleme zwischen Schweizern und Ausländern bei der Schaffung des Ideenbüros auch eine Rolle gespielt?
Nein, eigentlich gibt es bei allen Kindern in etwa die gleichen Probleme. In der Schule, in der ich am Schluss gearbeitet habe, in der Plänke Biel, waren fast 80 Prozent Ausländer. Ich habe gestaunt, wie gut sie beraten, wie gut sie aufeinander eingehen konnten. Ich habe nie erlebt, dass es Probleme zwischen Schweizern und Ausländern gegeben hätte.

Im Ideenbüro beraten ältere Kinder die jüngeren. Wer berät die älteren Kinder, wenn sie einmal Probleme haben?
Die älteren erklären, es helfe ihnen, dass sie durch ihre Arbeit in der Beratung sähen, was hinter den Problemen stecke. Sie würden besser erkennen, wenn bei ihnen ein Problem entstehe, und könnten so rechtzeitig reagieren.

Sicher gibt es auch Kinder, die beim Ideenbüro nicht mitmachen und sich nicht beraten lassen wollen.
Das gibt es. Die Beratung geschieht immer auf freiwilliger Basis. Wir stellen den Kindern die Idee vor, wer mitmachen will, meldet sich, aber gezwungen wird niemand.

Sagt Ihnen Ihre Erfahrung, dass es einem Ideenbüro immer gelingt, das Schulklima zu verbessern?
Messen kann man das nicht, aber fühlen. Man realisiert, dass Kinder mit einem Ideenbüro viel aktiver sind, dass sie mitdenken, dass sie für die ganze Schule Verantwortung übernehmen und achtsamer sind gegenüber den Kleineren. So wird das Klima besser, in der Schule wie in der Klasse.

Gibt es tatsächlich weniger Gewalt auf dem Pausenplatz und auf dem Schulweg?
Es wäre anmassend zu sagen, die Gewalt verschwinde. Aber wenn Gewalt ausbricht, sind diese Schüler betroffen, sie denken mit, was zu tun wäre. Sie stellen sich der Verantwortung, sie schauen nicht weg. Ohne Ideenbüro sind Kinder der Ansicht, es sei Sache der Lehrer, zum Rechten zu sehen.

In einer Ihrer Präsentationen ist vom achtjährigen Claudio die Rede, der ein Ideenbüro führt und in den ersten zwei Wochen 10 Fälle gelöst hat. Das tönt nach Superman.
Das war tatsächlich ein kleines Wunder. Ich habe mit dieser Klasse gearbeitet, in der es viele Probleme gab. Ich merkte, dass Claudio auf eine gute Art ein Leader war. Ich habe vorgeschlagen, ein Ideenbüro einzuführen. Das wurde begrüsst, und die Mitschüler fanden, sie würden Claudio als Berater akzeptieren. Er hat fortan mit Begeisterung das Ideenbüro geführt. Das passiert immer wieder: Der Funke springt über, ich brauche nicht mehr viel tun, die Kinder sind Feuer und Flamme für das Ideenbüro.

So wie Sie das schildern, ist ein Ideenbüro das Wundermittel gegen sämtliche Schulprobleme.
Nein, das Ideenbüro ist kein Wunderwaschmittel, es stillt aber das Bedürfnis der Kinder, mitzugestalten, mitzubestimmen und eigene Ideen einzubringen. Das Ideenbüro füllt eine Lücke, die im Unterricht nicht abgedeckt wird.

Kommt keine Kritik von Eltern, dass fürs Ideenbüro wertvolle Unterrichtszeit verloren gehe, die fürs Lernen gebraucht würde?
Mitmachen im Ideenbüro ist freiwillig, aber durch den Lehrplan abgedeckt: Die oberste Leitlinie ist die Erziehung zur Mündigkeit. Das Ideenbüro ist ein wunderbares Objekt, um Mündigkeit zu praktizieren.

Sie schreiben in Ihren Unterlagen, von der Erziehung zur Mündigkeit sei in der Schule wenig zu spüren. Tatsächlich?
Ja. Ich bin kritisch gegenüber der Schule und dem Erziehungssystem. Ich weiss, dass es viele sehr gute Lehrpersonen gibt, für die die Erziehung zur Mündigkeit ein grosses Anliegen ist. Manchmal sind das aber in einem Kollegium Einzelpersonen, die durch die Eltern unter Druck kommen – etwa wenn Eltern reklamieren, ihre Kinder würden bei diesen Lehrern nichts lernen, da würden nur so Dinge wie eben das Ideenbüro gemacht. Viele Eltern haben Angst, ihre Kinder könnten etwas verpassen.

Aber im Grossen und Ganzen sind die Eltern auf Ihrer Seite?
Ja, wenn sie gut informiert sind, um was es beim Ideenbüro geht. Ohne Informationen haben einige das Gefühl, da werde Zeit verplempert.

Wie viele Ideenbüros gibt es?
Etwa 43. Die ersten haben wir vor fünf, sechs Jahren eingeführt, es kann sein, dass einige davon auch wieder eingegangen sind. Ideenbüros sollten freiwillig sein und nicht unter Zwang ein- oder weitergeführt werden müssen.

Ideenbüros gibt es vor allem im Kanton Bern. Sind andere Kantone weniger empfänglich?
Das kommt davon, dass ich an der Pädagogischen Hochschule Bern (IWB) in der Lehrerfortbildung arbeite, die das Ideenbüro im Kursangebot hat.

Haben Sie schon die Idee gehabt, die Ideenbüros ins Ausland oder in die welsche Schweiz zu exportieren?
Wir arbeiten daran. Aber das geht nur mit Personen, die von dieser Idee infiziert sind. In der Westschweiz fängt jemand mit Übersetzungsarbeiten an. Ideenbüros gibt es schon in den Kantonen Zürich, Aargau, Graubünden und Uri. Und natürlich gibt es x «wilde Ideenbüros», wie ich denen sage: Lehrpersonen haben von der Idee erfahren und setzen sie irgendwie um.

Im bernischen Schulsystem gibt es neuste Entwicklungen: Um zu sparen, sollen für 2.- bis 4.-Klässler eine Stunde Werkunterricht und für 5.- und 6.-Klässler eine Stunde Natur-Mensch-Mitwelt wegfallen.
Das ist katastrophal, falsch gedacht. Das Ideenbüro zeigt, was auch Neurowissenschaftler und Reformpädagogen immer wieder schreiben, dass nämlich das Potenzial der Kinder zu wenig genutzt wird. Genau diese Fächer wären für die Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig. Ich verstehe aber die Angst, die heute viele Eltern und Lehrpersonen angesichts der Wirtschaftssituation haben: die Angst, man verpasse etwas. Also setzt man auf einseitige Leistung und «Bulimie-Lernen», wie ich dem sage.

Und was ist das?
Wenn Stoff hineingestopft und gleich wieder von sich gegeben wird, wenn Gelerntes nur für kurze Zeit abrufbar ist.

Wo würden Sie denn sparen, wenn gespart werden muss?
Schwierige Frage. Statt zu sparen, sollten wir im Bildungssystem aufstocken.

Herrscht im bernischen Erziehungswesen Reformitis?
Das stimmt, die Belastungsgrenze ist erreicht. Vielfach – zum Beispiel bei der Integration – sind Reformen einfach verhängt worden, ohne dass die Schulen parat gewesen wären.

Sie sprechen den Artikel 17 im Volksschulgesetz an, der verlangt, möglichst alle Schüler in Regelklassen zu integrieren.
Ja, das war für viele Schulen eine totale Überforderung. Das System ist für Integration gar nicht bereit, dafür müsste man jedes Kind wahrnehmen können, wo es steht, man müsste ihm Zeit geben, man müsste akzeptieren, dass nicht alle den gleichen Lernstand haben. Dafür wäre ein ganz anderer Unterricht notwendig, der die Einzelnen dort abholt, wo sie stehen. Die Selektion macht das Gegenteil.

Müssen die Lehrer heute auch zu viele Berichte schreiben, zu viel administrieren?
Das ist so. Alles wird kontrolliert, damit es bewertet werden kann. In der heutigen Schule fehlt es an Vertrauen.

Vertrauen in was?
Vertrauen in die Lehrer, dass sie ihren Beruf richtig ausüben, dass nicht alles mit einem Berichtlein belegt werden muss. Es sollte mehr Freiräume geben. Eine meiner Ideen wäre zum Beispiel, Lehrpersonen frisch ab der pädagogischen Hochschule zwei Jahre lang mit Lehrpersonen, die kurz vor der Pensionierung stehen, im Teamteaching zusammenzuführen. So würde der Erfahrungsschatz der älteren an die jüngeren weitergegeben – und umgekehrt. Damit würde die Schule gestärkt. Von den Lehrpersonen hängt eigentlich alles ab, dabei sind heute viele so ausgebrannt, dass sie kaum noch in der Lage sind, das Potenzial der Kinder wahrzunehmen.

Ist es richtig, dass in der Schule Leistungen benotet werden?
Ich gebe immer den Kindern eine Stimme: Wenn Kinder Noten für sich als gut erachten, sind sie richtig. Wenn Eltern Noten brauchen, um die Kinder unter Druck zu setzen, sind sie falsch.

Sie würden den Kindern, die keine Noten wollen, keine Noten geben?
Ja. Es gibt andere Beurteilungsformen: Gespräche führen, die Kinder Selbstbeurteilungs-Berichte schreiben lassen, ein Portfolio zusammenstellen, in dem Kinder ihre Leistungen sammeln und sich selber entscheiden können, wann sie für eine Prüfung mit Noten bereit sind. Der Weg zu Noten dürfte nicht nur über Drill laufen.

Die Wirtschaft kritisiert, die Schule erfülle ihre ursprüngliche Aufgabe, Basiswissen zu vermitteln, nicht mehr. Viele Jugendliche könnten kaum noch schreiben und rechnen.
Das ist ja nicht so, weil es keine Noten mehr gibt, sondern obschon es Noten gibt. Heute ist Sozialkompetenz wichtig geworden: Ein Jugendlicher, der sozialkompetent ist, kann sich das Wissen, das ihm fehlt, aneignen.

Das heisst, die grundsätzliche Kritik an der Schule ist nicht berechtigt?
Doch, aber es ist nicht einfach, Schuldige zu finden. Es ist ein gesellschaftliches Problem.

Das sagt man immer dann, wenn man nicht mehr weiter weiss.
(lacht) Das Problem ist komplex. Was soll man von Kindern in einer Welt verlangen, in der niemand mehr weiss, wo die Reise hinführt?

Bis 2016 möchten Sie laut Ihren Unterlagen auf 500 Ideenbüros kommen. Das ist ein hochgestecktes Ziel.
Wir haben das einmal so festgelegt. Mittlerweile finde ich, dass nicht die Quantität, sondern die Qualität zählt. Lieber weniger Ideenbüros, aber dafür gut betreute mit einer positiven Wirkung.

Sie sind heute so etwas wie eine Schweiz-Reisende in Sachen Ideenbüro. Das hätten Sie sich 2002 auch nicht träumen lassen.
Nein. Damals habe ich gedacht, die Idee würde vielleicht drei Monate lang laufen, und war bereit, auch wieder aufzuhören. Aber diese eine Klasse wollte weiterfahren. Ein Schüler drehte einen super Film, und mit diesem Film plus den guten Erfahrungen in zwei Jahren konnte man das Ideenbüro nicht mehr stoppen. In dieser Idee steckt viel mehr, als ich am Anfang dachte.

Was möchten Sie unbedingt noch erreichen?
Jetzt muss ich mich erst einmal von diesem Preis «erholen». Es wäre schön, wenn diese ausserordentliche Anerkennung Früchte tragen würde. Ich könnte mir vorstellen, der Bildungslandschaft auf gute Art zu helfen, vielleicht mit einer Art Modellschule, in der das Ideenbüro zur Lernumgebung wird und selbstorganisiertes Lernen in altersgemischten Gruppen stattfindet. Mein Traum wäre es, ein solches Schulmodell zu entwickeln. (Der Bund)

Erstellt: 03.12.2011, 10:18 Uhr

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