Bern

In der Engehalde weicht die Brache noblen Bauten

Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 09.12.2011

Ab Frühling sollen 36 Eigentumswohnungen entstehen. Das freut nicht alle.

So soll es in der Engehalde unterhalb des Stauwehrs im Mai 2013 aussehen.

So soll es in der Engehalde unterhalb des Stauwehrs im Mai 2013 aussehen.
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Mannshohe Sträucher, ansonsten nackte Erde. So sieht es hier aus, ober- und unterhalb der Engehaldestrasse, etwas aareabwärts vom Engehalde-Stauwehr. Seit zwei Jahren schon sieht es so aus. Im Frühling 2010 wurden an der Böschung zwischen RBS-Gleisen und Aare acht alte Häuser abgerissen. Weil der Hang unterhalb der RBS-Station Felsenau im Laufe der Jahre abgerutscht war, hatten dicke Risse die Mauern der 92-jährigen Häuser durchzogen. Die Bewohner der alten Bauten mussten bis Anfang 2009 ihre günstigen Wohnungen verlassen. Einige Häuser wurden daraufhin von jungen Leuten besetzt. Ende 2009 wurden auch sie zum Auszug gezwungen. Seit dem Abbruch der Häuser liegt das Land brach.

Vor kurzem nun hat die Firma Baulink ein Plakat in die Erde geschlagen. «Aare-vista» steht darauf geschrieben, der Name des Projekts. Für «Eigentumswohnungen mit Wasserblick» wird geworben. Darunter steht: «Bezug ab Mai 2013». Die Firma mit Hauptsitz in Davos hat im Frühling dieses Jahres eine Filiale am Bahnhofplatz in Bern eröffnet. Auf der Suche nach geeigneten Projekten ist sie in der Engehalde fündig geworden. Der Projektverantwortliche bei Baulink heisst Peter Caminada. Er bezeichnet die geplante Überbauung als ein «Prestigeprojekt», für Baulink sei es ein «wichtiges Startprojekt in der Stadt Bern». Die Kosten beziffert er auf «zwischen 30 und 50 Millionen Franken». Im Frühling 2012 sollen die Bauarbeiten beginnen.

Per Autolift in die Tiefgarage

Geplant sind 10 Häuser mit 36 Wohnungen – 4 grössere Häuser oberhalb der Engehaldestrasse und 6 kleinere unterhalb. Unter der Strasse soll die Tiefgarage zu liegen kommen – die Autofahrer werden sie von der Strasse aus über einen Autolift erreichen. Der instabile Aarehang unter der RBS-Station stellt bei den Bauarbeiten eine besondere Herausforderung dar. Er macht permanente Hangsicherungsmassnahmen nötig. Das werde etwas kosten, sei aber «absolut machbar», sagt Peter Caminada.

Vor wenigen Tagen hat die Firma begonnen, auf Plakaten und in Zeitungen, auf Bussen und auf Trams um potenzielle Käufer zu werben. Die Wohnungen sollen zwischen 580'000 für eine 3-Zimmer-Wohnung und 1'290'000 Franken (5,5 Zimmer) kosten. Das seien «sicher keine Billigwohnungen», sagt der Projektleiter, «aber auch keine Luxusimmobilien».

Drei Wohnungen reserviert

Bisher sind 3 der 36 Wohnungen reserviert. Peter Caminada ist zuversichtlich, dass spätestens im Frühling weitere Käufer gefunden werden können. Die Lage sei «äusserst attraktiv», wie geschaffen für Familien wie für Paare, die «die Nähe zur Stadt und gleichzeitig eine ruhige Umgebung» suchten. Zuversichtlich sei er auch, weil gerade in Bern nicht allzu viele neue Wohnungen auf dem Markt seien. Dezember und Januar seien generell schlechte Monate für den Verkauf von Immobilien, sagt Peter Caminada, «im Frühling läuft es immer besser». Und weil das Land so lange brachgelegen habe, wollten viele Leute vielleicht erst sehen, dass tatsächlich gebaut werde, bevor sie eine Wohnung reservierten, vermutet er.

«Ein gutes Geschäft»

Die Firma Baulink hat das Projekt im Sommer von der Berner Immobilienfirma Bevisa AG erworben – im Baurecht. «Wir werden das Projekt auf jeden Fall realisieren», beteuert Peter Caminada. Die Baubewilligung sei bis Ende 2012 verlängert worden – bis Ende nächstes Jahr also muss spätestens mit den Bauarbeiten begonnen werden.

Im Jahr 2006 hatte die Liegenschaftsverwaltung der Stadt Bern die alten Bauten und das Land an Bevisa verkauft. Ursprünglich wollte die Firma Ende 2008 mit dem Bau der neuen Häuser beginnen – doch bis heute ist nichts geschehen. Baulink kauft nun das Gesamtprojekt der Firma Bevisa AG ab und führt es mit demselben Architekten weiter. Im Grundsatz sei das Projekt das gleiche geblieben, sagt der Projektleiter, es seien nur kleinere Veränderungen vorgenommen worden. So würden die Häuser nun beispielsweise nach Minergie-Standard gebaut.

Jürg Aeberhard, alleiniger Verwaltungsrat der Bevisa AG, sagt auf Anfrage, der Verkauf sei für ihn die beste Option gewesen, er mache damit «ein gutes Geschäft». Auch er sei froh, dass es in der Engehalde nun vorwärtsgehe. «Es wird Zeit, das etwas geht.» Er selbst konzentriere sich nun auf andere grosse Projekte, im Aaretal und in Thun. Dass bis heute auf dem Grundstück nicht gebaut worden ist, begründet er damit, dass es drei Jahre gedauert habe, bis die Baubewilligung erteilt worden sei, und dass das Projekt danach habe erweitert, optimiert und angepasst werden müssen. Aeberhard hatte sich mit seiner Firma Aeberhard Immobilien auch um den Verkauf der geplanten Wohnungen gekümmert. Baulink arbeitet nun beim Verkauf jedoch mit einer anderen Firma zusammen. Er werde die Adressen von Kaufinteressenten an die Partnerfirma von Baulink weiterleiten, sagt Aeberhard.

Sorge um soziale Durchmischung

Catherine Weber vom Verein Läbigi Lorraine sagt auf Anfrage, es sei «gut, dass endlich etwas geht». Doch während die alten Häuser sehr gut ins Bild gepasst hätten, scheine ihr die geplanten Überbauung «zu überkandidelt», sagt die Vertreterin des Vereins aus dem Quartier, das auf der gegenüberliegenden Aareseite liegt. Es sei «schade, dass einmal mehr bezahlbarer Wohnraum zugunsten von teuren Eigentumswohnungen geopfert wird». Bezahlbare Mietwohnungen seien in der Stadt Bern weit nötiger als teure Eigentumswohnungen. Und auch für die soziale Durchmischung im Quartier wäre es ihrer Meinung nach besser gewesen, den günstigen Wohnraum zu erhalten. «Der grosse Fehler» sei passiert, als die städtische Liegenschaftsverwaltung das Land und die Gebäude im Jahr 2006 sehr günstig verkauft habe, statt die Häuser zu renovieren, sagt Catherine Weber. Thomas Beyeler, Präsident des Engehalbinsel-Leists, teilt diese Sorge: «Uns ist es wichtig, dass auf der Engehalbinsel auch Familien, die weniger gut verdienen, eine Wohnung finden», sagt er. Wenn nur noch teure Eigentumswohnungen gebaut würden, werde das immer schwieriger. (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2011, 09:38 Uhr

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