Im Wilden Westen von Bern
Infos
Die Führung «Bern wildwest – von urchig zu urban» feiert diesen Samstag, 16. Mai, um 14 Uhr Premiere.
Kosten: für Einzelpersonen 20 Franken, reduzierte Tarife für Kinder.
Treffpunkt: Bushaltestelle Bachmätteli, Bernmobil-Bus Nr. 13.
Seit 1990 bietet der Verein StattLand thematische Rundgänge in und um Bern an, sei es zu bestimmten Themen oder Quartieren. Informationen zu weiteren Führungen unter www.stattland.ch.
Mit schiefen Blicken wird die Gruppe gemustert, die sich in der kleinen Einkaufsmeile der Siedlung Tscharnergut in Bümpliz-Bethlehem versammelt hat. Die Gruppe unterhält sich gerade mit einer Frau, die im Hochhaus nebenan wohnen könnte. Doch nein, die Gruppe sind nicht ein paar engstirnige Stadtberner, die mit ihren Vorurteilen gerade eine Anwohnerin gegen sich aufgebracht haben. Und auch die Frau, die sich hier etwas aufgebracht mit der Gruppe unterhält, stammt nicht aus dem Quartier, sondern ist eine Schauspielerin. Alles ist inszeniert. Die Gruppe ist unterwegs auf dem Rundgang «Bern wildwest – von urchig zu urban» des Vereins StattLand und hat seine letzte Station erreicht, das Tscharnergut.
Wegen Wohnungsnot war das «Tscharni» ab 1959 gebaut worden und bietet mit 1182 Wohnungen heute Platz für fast 3000 Personen, wie der Leiter des Rundgangs, Stefan Christen, erklärt.
Erst seit 1919 ein Teil von Bern
Zwar prägen die erwähnten Hochhäuser des Tscharnerguts das Bild des Stadtteils 6 mit Bümpliz und Bethlehem. Doch der Rundgang führt auch durch ruhige Quartiere dieses Stadtteils. Und beginnt ganz am Anfang, als hier noch keine Hochhäuser oder Einkaufs- und Freizeitzentren wie das Westside standen, sondern noch ländlich geprägt war. Der fortschreitende Städtebau hat noch nicht alle Zeugnisse aus der vergangenen Zeit beseitigt. Das Bienzgut am Kreisel Bernstrasse beispielsweise steht noch und dient heute als Begegnungszentrum. Hier stand früher ein römischer Gutshof, Überreste desselben liessen sich noch heute finden, so Christen.
Die damalige Gemeinde habe 1919 vor dem Bankrott gestanden. Denn damals seien Steuern am Arbeitsort entrichtet worden, sodass die kleine Gemeinde zwar viele Einwohner, jedoch kein Geld zur Verfügung hatte, weil der grösste Teil der Bevölkerung in der Stadt arbeitete. So musste sie sich 1919 der Stadt Bern anschliessen, erzählt Christen weiter. Die Erschliessung des Stadtteils durch ein Tram sei bereits damals versprochen worden. Fast 100 Jahre später, im 2010, soll die Linie Bern West eröffnet werden.
Weiter führt Christen die Gruppe zum Alten und zum Neuen Schloss Bümpliz – historische Bauten, um deren Bewohner sich teils amüsante Geschichten ranken. So soll das Neue Schloss gebaut worden sein, weil das Alte für den Ratsherrn Daniel Tschiffeli zu unbequem war. Nach seinem Tod ging das Gebäude an seine Tochter über, die nach diversen Liebschaften mit einem nicht standesgemässen Handelsmann durchbrannte. In den folgenden Jahren diente das Schloss dann unter anderem als Anstalt für Geisteskranke oder als Knabenerziehungsinstitut, die «Löffelschleife». Als «Löffel» wurden die noch unerfahrenen Burschen genannt, die hier in der besagten «Löffelschleife» zurechtgeschliffen wurden. Heute begeben sich vorwiegend heiratswillige Bernerinnen und Berner ins Neue Schloss, um sich auf dem Zivilstandsamt trauen zu lassen.
50 Jahre Tscharnergut
Rund acht Monate werde an der Ausarbeitung eines Rundgangs gearbeitet, erzählt der Geschäftsleiter des Vereins, Adrian Schild. Historische Fakten werden recherchiert und schauspielerische Einlagen vorbereitet. StattLand arbeitet oftmals auch mit lokalen Vereinen zusammen, beim neuen Rundgang «Bern wildwest» habe man eng mit dem Verein Westkreis 6 zusammengearbeitet, so Schild weiter: «Wir haben offene Türen eingerannt.»
Auch aus Anlass des 50-Jahre-Jubiläums des 1959 erbauten Tscharnerguts biete man die Führung an. Vorerst während zweier Jahre, je nach Nachfrage werde der Rundgang auch länger angeboten. (Der Bund)
Erstellt: 14.05.2009, 08:25 Uhr
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