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«Im Kern muss die Zeitung Zeitung bleiben»

Die Zukunft der abonnierten Presse war Thema des 19.?Berner Medientags.

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Eine Zeitung, deren Auflage 1, deren Chefredaktor der einzige Journalist, deren Verleger ihr einziger Leser ist. Eine Zeitung, so klein, dass sie ins Portemonnaie passt. So malte sich Satiriker Heinz Däpp, Autor des «Schnappschusses» von Radio DRS, am 19. Berner Medientag den «Bund» des Jahrs 2029 aus. Der Blick zwanzig Jahre in die Zukunft, den Däpp bei einer Wahrsagerin erhalten haben will, verhiesse für die Zeitungsbranche nichts Gutes. Vergangenen Samstag stimmten die Teilnehmer des Medientags aber nicht den Abgesang auf einen verlorenen Berufsstand an.

«Ausgepresste Presse – Ist die abonnierte Zeitung am Ende?» lautete das Motto der Veranstaltung im Radiostudio Bern, welche journalistische Berufsorganisationen mit der SRG und dem Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Bern organisierten. Unter der Moderation von Journalist Roland Jeanneret diskutierten Beat Soltermann, Wirtschaftsredaktor bei Radio DRS, Ueli Eckstein, Leiter der Espace Media Groupe, Artur K. Vogel, Chefredaktor am «Bund», sein Vorgänger, Publizist Hanspeter Spörri, This Born, Redaktor der «Berner Zeitung», sowie Urs Rueb, Geschäftsführer der Werbefirma Media Plus AG.

Im Boot mit den Privatbankiers

«Den Autoherstellern, den Privatbankiers und den Zeitungsverlegern ist eines gemeinsam», meinte Beat Soltermann. Die drei Branchen erlebten eine strukturelle Krise, einen «Kulturschock». Ihr traditionelles Geschäftsmodell sei plötzlich am Ende. Das Bewusstsein für den Klimawandel beende das Geschäft mit dem Benzinmotor, das bröckelnde Bankgeheimnis und eine offene Steuerpolitik bedrängten das Kundengeschäft der Privatbanken. Der Zeitung sind in den letzten Jahren, besonders in der Wirtschaftskrise, die Inserenten abhanden gekommen. Weil hinter diesen Problemen nicht nur wirtschaftliche Flauten, sondern strukturelle Schwächen steckten, seien Innovationen und Investitionen gefragt, sagte Soltermann. Doch dazu fehle den Verlagen der Mut.

Zwei Drittel der Kosten einer Zeitung deckte bis anhin der Werbemarkt, ein Drittel zahlen die Abonnenten. «Die drei grössten Märkte – die Autobranche, der Liegenschafts- und der Stellenmarkt – sind weggebrochen», sagte Ueli Eckstein. Heute koste eine Abo-Zeitung Fr. 1.50 pro Ausgabe, ohne Werbung aber müssten Leser für ein Abonnement 2000 Franken zahlen, sagte Eckstein. Das scheint unmöglich. Die Verlage suchen stattdessen durch Kooperationen und Stellenabbau eine günstigere Produktion.

Verantwortlich für den wirtschaftlichen Niedergang der Tageszeitung sei weder die Gratiszeitung noch das Internet, lautete der Tenor auf dem Podium. Eckstein räumte aber ein, dass die Verlage die Entwicklung des Internets versäumt hätten.

«Selber schuld an der Krise»

Provokative Töne schlug Hanspeter Spörri an. «Wir sind selber schuld an der Krise», sagte er. Er plädierte für die Rückkehr zum kritischen und unabhängigen Journalismus. Die Zeitung versuche hilflos, dem Publikum zu gefallen. Sie folge dem Mainstream, sei zu eitel und selbstverliebt. «Wir biedern uns an», sagte er. Zu viel Management lenke heute von den wirklichen Stärken der Journalisten ab. Statt Inhalten würde austauschbarer «Content» produziert. In den Umstrukturierungen sei vergessen gegangen, dass Zeitungen Persönlichkeiten seien. Der Personalabbau bei den Tageszeitungen bezeuge, dass Erfahrung im Journalismus nicht mehr zähle und der Beruf keine Zukunft mehr biete. «Es ist zu schnell, zu schäbig abgebaut worden», sagte Spörri. «Wir sollten uns mit der Wirklichkeit und ihren Widersprüchen beschäftigen, nicht mit Management.»

Auch eine Votantin aus dem Publikum kritisierte, dass nicht über Inhalte gesprochen werde. «Die Verleger sind nicht bereit, Geld für Qualitätsjournalismus zu zahlen», sagte sie. Der Berufsstand werde geringgeschätzt. Artur K. Vogel wies die Kritik zurück. Das treffe schlicht nicht zu. Dem spürbaren Unmut über die Priorität des Wirtschaftens trat Vogel entgegen. An gewinnbringendem Wirtschaften führe kein Weg vorbei. «Wir leben in einer kapitalistischen Welt», sagte er. Wolle eine Zeitung überleben, müsse sie letztlich selbstständig Gewinn machen.

«Kleine Brötchen backen»

In den Verlagen seien Experimente gefragt, sagte Beat Soltermann. «Innovation kommt aber oft nicht aus der Branche selbst.» Es brauche dazu den Anstoss von aussen, etwa durch neue Technologie. Eine mögliche Zukunft der Tageszeitung sieht This Born in der mobilen elektronischen Form. Er hat sich mit der Idee eines «E-Papers» auseinandergesetzt. Neue Technik könnte in einigen Jahren eine Zeitung auf einem faltbaren Plastiktablett erscheinen lassen. Vergangene Woche erst kündigte die Swisscom an, dass sie in Zusammenarbeit mit den grössten Schweizer Verlagen und der Buchhandlung Orell Füssli ein eigenes E-Reader-Produkt entwickeln wird. Kommt die Zeitung der Zukunft ohne Papier aus? Borns Umfragen weisen nicht in diese Richtung. Auch Urs Rueb meinte: «Der Konsument ist konservativ.»

Verleger und Journalisten können nur erahnen, wohin die Zukunft geht.Die Zeitungsmacher sollten aber nicht glauben, sie dürften keine Fehler machen, so Spörri. Dem pflichtete Soltermann bei. Mit Blick auf den gescheiterten Versuch der Tamedia, mit TV3 ins Privatfernsehen einzusteigen, meinte er: «Man kann auch kleinere Brötchen backen.» Der Zeitungsmacher dürfe seinen Beruf nicht vergessen und müsse seine ursprüngliche Aufgabe wahrnehmen. In dieselbe Kerbe schlug Eckstein. Er glaubt nicht an das Ende der Tageszeitung. «Im Kern muss die Zeitung Zeitung bleiben», sagte er. Sie müsse jeden Morgen überraschen können und zum Nachdenken anregen. «Ich glaube, da geht es um ganz alte Werte», sagte er.

(Der Bund)

Erstellt: 16.11.2009, 07:56 Uhr

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