Bern

Im Haus Tobias lief vieles aus dem Ruder

Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 17.02.2011

Die Schliessung des Hauses Tobias in Niederbipp steht im Schatten der bekannt gewordenen sexuellen Missbräuche in Behindertenheimen. Auch dieser Fall zeigt aber, dass im Heimwesen einiges im Argen liegt – zum Nachteil der Behinderten.

Auch Essenssituationen führten im Haus Tobias offenbar zu Streit und Chaos. (Keystone)

Auch Essenssituationen führten im Haus Tobias offenbar zu Streit und Chaos. (Keystone)

Im Haus Tobias ist es kalt. Seit der Kanton das Behindertenheim in Niederbipp Ende letztes Jahr von einem Tag auf den anderen geschlossen hat, werden die meisten Räume nicht mehr geheizt. Das umgebaute Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert steht seither leer. Nur noch Paul Cohen, ehemaliger Leiter des Hauses Tobias, wohnt in den oberen Etagen. Zuletzt waren im Heim sechs schwerbehinderte Erwachsene untergebracht. Sie wurden mit der Schliessung notfallmässig umplatziert.

Ausgelöst wurde die plötzliche Schliessung des Behindertenheims durch einen ehemaligen Mitarbeiter, dem Cohen in der Probezeit gekündigt hatte. Der Mitarbeiter wandte sich an die Gemeinde Köniz, weil ein Könizer Mündel im Haus Tobias lebte. Köniz leitete die Gefährdungsmeldung an den Kanton weiter, welcher dann rasch die Schliessung anordnete. Zu den genauen Umständen, die zur Schliessung geführt hatten, will das Alters- und Behindertenamt (Alba) nichts sagen. «Es hat aber sicher nichts mit den sexuellen Übergriffen zu tun, die kürzlich bekannt geworden sind. Es ist eine andere Geschichte», sagt Claus Detreköy, Leiter Abteilung Erwachsene Behinderte beim Alba.

Im Hintergrund stünden Geldforderungen des entlassenen Mitarbeiters, die er mit dieser Geschichte erpressen wolle, sagt Cohen. Obwohl der Mitarbeiter nur zwei Monate zu einem 50-Prozent-Pensum gearbeitet habe, fordere er trotz eines Vorschusses von 3000 Franken noch weitere 12 500 Franken – unbegründeterweise, wie ein Schlichtungsgericht festgestellt habe.

Probleme mit Aggressionen

Konkret vorgeworfen wird dem Haus Tobias Gewaltanwendung bei den Bewohnern, Essenszwang und Essensentzug. Cohen hat für alles eine scheinbar einfache Erklärung. Freiheitsbeschränkende Massnahmen wie Schlafsäcke mit Fixierbändern und Zwangsjacken seien bei drei Heimbewohnern angewandt worden, etwa während des Essens oder auf der Toilette. Diese Massnahmen seien aus den früheren Heimen übernommen worden und nach wie vor medizinisch angezeigt sowie mit den Rechtsvertretern abgesprochen gewesen.

Dass eine Bewohnerin nach dem Mittagessen gefesselt auf einem Sofa sass, darüber wunderte sich Hans-Georg Bernegau. Er ist Pflegedienstleiter bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern und Trainer für Aggressionsmanagement. Cohen habe ihn Anfang Dezember kontaktiert, weil er Unterstützung im Umgang mit Aggressionen im Haus Tobias brauche, sagt Bernegau. Doch sei er zu spät gekommen. Als er die Institution deswegen besucht habe, sei die Schliessung des Heims bereits im Gang gewesen. Auf die gefesselte Bewohnerin habe er die verantwortlichen Personen angesprochen, worauf es unter Mitarbeitern zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen sei. «Ich habe die Mitarbeitenden, die dafür verantwortlich sind, wegen Nötigung und Freiheitsberaubung angezeigt», sagt Cohen zu diesem Vorfall. Ein Konzept zum Umgang mit Aggressionen und Gewalt gab es laut Bernegau im Haus Tobias nicht.

Zwei Bewohner seien manchmal zum Essen gezwungen worden, damit sie das Gewicht nicht verlieren und keine Verdauungsprobleme bekommen würden, sagt Cohen. Oder man habe das Essen auf später verschoben oder sei zum Essen in einen anderen Raum gegangen – wenn ein Chaos auszubrechen drohte.

Der Zahn, der plötzlich fehlte

Der Fall des ehemaligen Mitarbeiters, der mit einer Gefährdungsmeldung an die Gemeinde Köniz gelangte, war im Haus Tobias nicht die einzige personelle Veränderung. Cohen hatte auch der Pflegeverantwortlichen gekündigt. Ein weiteres Arbeitsverhältnis wurde Ende Dezember ebenfalls in der Probezeit aufgelöst, und eine vierte Person kündigte selbst. Die Anzahl und die Ausbildung der Mitarbeitenden seien mit ein Grund für die Schliessung, sagt Detreköy. Für die sechs schwer- und mehrfachbehinderten Dauergäste im Haus Tobias standen pro Tag drei Betreuungspersonen sowie zwei Mitarbeitende in Küche und Haushalt im Einsatz. Ab August half die Spitex-Organisation Prevento aus Langenthal aus. Prevento sei zur Entlastung engagiert worden und weil in Bezug auf die Betreuung einer Heimbewohnerin Kritik laut geworden sei, sagt Cohen. Die Vermutung liegt nahe, dass Prevento engagiert wurde, nachdem eine behinderte Frau beim Duschen einen Zahn verloren hatte. Unter welchen Umständen dies passierte ist unklar; dass ihr plötzlich ein Zahn fehlte, bestätigt aber ihr Vater. Seine behinderte Tochter, die er regelmässig im Haus Tobias besucht habe, könne nicht sprechen und den Vorfall deshalb auch nicht schildern.

Schliessung – ein Schnellschuss?

Cohen war mit seinem Personal unzufrieden. Eine Mitarbeiterin habe zu lange und zu viele Pausen gemacht. Und obwohl diese eine ehemalige Heimleiterin gewesen sei, sei sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen gewesen. «Der Koch aus Bangladesh hat viele Situationen mit den Behinderten besser gemeistert als die diplomierte Mitarbeiterin», sagt er. Zudem scheint er viel von seinen Angestellten verlangt zu haben. So mussten die Mitarbeitenden etwa selber nach Ersatz suchen, wenn sie krank waren. Und Cohen kontrollierte sein Personal, selbst an Tagen, an denen er freihatte, weil er im Haus wohnt. Streit gab es offensichtlich auch zwischen dem Sohn von Cohen und Mitarbeitenden. Nach dem Tod seiner Frau sein Sohn habe sich verpflichtet gefühlt, im Heim mitzuhelfen. Er ist ausgebildeter Koch.

Paul Cohen führt durchs leere Haus. Er zeigt die Lieblingsplätzchen der ehemaligen Bewohner, den Bewegungsraum, das Malatelier und den Garten mit den gross angelegten Omega und Alpha, welchen die Bewohner manchmal entlanglaufen mussten. Er verstehe nicht, wie der Kanton behaupten könne, die Bewohner hätten alle «ein neues Zuhause» gefunden. Die Bewohner wohnten teils seit vielen Jahren im Haus Tobias. Sie wurden auf Kranken-, Alters-, Behinderten- und Pflegeheime verteilt. Unterdessen hätten bereits wieder zwei Personen umplatziert werden müssen, sagt Cohen. Zudem würden zwei ehemaligen Bewohnern nun Psychopharmaka verabreicht – entgegen jahrelanger Praxis im Haus Tobias. Auch Bernegau, der zwischenzeitlich mehrmals von Cohen kontaktiert wurde, bedauert die Schliessung der Institution, weil die Behinderten unter solchen Schnellschüssen leiden würden. «Die Bewohner waren in einer Situation, die man nicht verantworten konnte», sagt Detreköy. Recherchen haben ergeben, dass der Kanton seit längerem mit der Schliessung des Heims rechnete. So wusste der Kanton etwa auch, dass dem Haus Tobias eine unabhängige Trägerschaft fehlte. (Der Bund)

Erstellt: 17.02.2011, 12:05 Uhr

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