Historisches Bern

Der 10. Band des Historischen Lexikons der Schweiz widmet sich unter anderem Ranflüh, der Shoppingmeile Lyssach – und auch lebenden Legenden.

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Adrian von Bubenberg und Rudolf von Erlach haben es geschafft. Ruhmreiche Siege auf dem Schlachtfeld und heldenhafte Erzählungen über ihr Wirken als selbstlose Ritter und staatsmännische Diener des Vaterlandes brachten ihnen ein Standbild in Bronze ein. Und einen Eintrag im zweiten, respektive vierten Band des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS) - der Geschichts-Enzyklopädie schlechthin. Der neuste, 10. Band des HLS beweist aber: Es muss nicht unbedingt Blut fliessen, damit jemand Eingang ins Regelwerk findet. Schweiss hingegen schon.

Wer sich einreihen will ins «Who is who» der historischen Grössen, muss auch Grosses geleistet haben. Ein Hochhaus geplant haben zum Beispiel. Besser noch eine ganze Siedlung. So wie Gret und Hans Reinhard, das Berner Architektenehepaar. Sie haben Berns Westen in den 1960er- und 1970er-Jahren ein Gesicht gegeben, waren sie doch massgeblich an der Konzeption der Grossüberbauungen Tscharnergut, Gäbelbach, Schwabgut, Fellergut und Holenacker beteiligt. In Wertschätzung ihres Werks wurden sie im neusten Band des historischen Lexikons berücksichtigt.

Einst ein bedeutender Ort

Insgesamt 2942 Einträge zählt der 10. Band des HLS - von «Pro» bis «Schawischwili». Nicht weniger als 281 Stichworte nehmen dabei Bezug auf bernischen Themen, die im Lichte der Histoire totale für den heutigen Kanton als prägend angesehen werden. So etwa Ranflüh, das Dorf am rechten Emmenufer am Ramisberg. Einst ein bedeutender Ort mit Hoch- und Niedergericht, wo zu burgundischen Grafschaftszeiten das Landgericht tagte. Wo damals Schädel gespalten wurden, steht heute nunmehr ein gespaltenes Dorf. Die nördliche Hälfte von Ranflüh zählt politisch wie kirchlich zur Gemeinde Lützelflüh, die südliche zur Gemeinde Rüderswil. Letztere hat denn - wie rund 40 weitere bernische Gemeinden mit Anfangsbuchstaben P, R, S und Sch - im aktuellen Schmöker ebenfalls einen Eintrag erhalten.

Alle Gemeinden der Schweiz werden, gleich den Kantonen, automatisch mit einigen Zeilen bedacht, wie Marco Jorio, Chefredaktor des HLS, sagt. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass selbst die Shoppingmeile in Lyssach samt den Möbelhäusern Conforama und Pfister im Lexikon verewigt wurde. Indirekt zwar, aber immerhin. Unter dem Gemeindeeintrag zu «Rüdtligen-Alchenflüh» fand die Meile Erwähnung - nebst einem Hinweis auf die einst gleichenorts angesiedelte regionale Kartoffelzentrale.

Nur Siege reichen nicht

Höher als bei den Ortsartikeln liegt die Hürde bei den beiden Kategorien Biografie- und Familienartikel. Persönlichkeiten, denen es gelingt, einige der für die Gesamtausgabe vorgesehenen eine Million Zeilen auf sich zu vereinen, waren entweder von geistiger, geistlicher oder gesellschaftlicher Grandeur: Feldherrn, Nobelpreisträger, Bischöfe, Künstler, Unternehmer, oder Sportler - wobei letztere mehr als nur gut in ihrer Disziplin sein müssen. «Nur eine Goldmedaille zu gewinnen reicht nicht», sagt Jorio.

Wer im Lexikon figuriert, ist nicht nur ein Gewinnertyp, sondern Identifikationsfigur. So wie Jo Siffert, Ferdy Kübler und Hugo Koblet. Keine Berner zwar, aber Sportler, deren Kampfgeist, Durchhaltewillen und Erfolge legendär waren und die Athleten bereits zu Lebzeiten unsterblich machten. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, empfiehlt sich - wie Kübler - eben bereits zu Lebzeiten für das HLS.

«Todesprinzip» wäre aus Berner Sicht schmerzlich

Anders als historische Lexika anderer Nationen hält sich die schweizerische Ausgabe bewusst nicht an das «Todesprinzip», wie Jorio sagt. «Hätten wir uns an dieses Prinzip gehalten, so würde das Historische Lexikon der Schweiz die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend ausblenden.»

Und das wäre besonders aus Berner Sicht schmerzlich. Denn dank der «Ausnahmeklausel», dass lebend es ins Lexikon schaffen kann, wer vor 1936 geboren wurde, kann Bern im 10. Band gleich mit zwei Berühmtheiten auftrumpfen, die das Zeitgeschehen nach wie vor prägen: Der Verleger und Cartoonist Ted Scapa und die Schauspielerin Liselotte Pulver. Als «Vreneli» in Franz Schnyders Jeremias-Gotthelf-Adaptationen «Uli der Knecht» und «Uli der Pächter» spielte sich Lilo Pulver in die Herzen des Schweizer Fernsehpublikums. Bei einer Charakterschauspielerin mit internationalem Renommee - Pulver ist Gewinnerin von sechs Bambis und ausgezeichnet mit der Goldenen Kamera für ihr Lebenswerk, dem Schweizer Fernsehpreis, einer Golden Globe Nominierung, dem Bundesverdienstkreuz und einem Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin - darf der noch fast druckfrische Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz als so etwas wie die logische Folge der Geschichtsschreibung gewertet werden. (Der Bund)

Erstellt: 02.11.2011, 09:14 Uhr

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