Bern

«Heute sind die Lehrer die Prügelknaben»

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 23.06.2009

Primarlehrerin Brigitte Kohli hat am neuen Leitfaden zur Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus mitgearbeitet. Im Interview spricht sie über desinteressierte und überengagierte Eltern, die Kritikfähigkeit der Lehrer und das «Lehrer-Hasser-Buch».

«Eltern sollten zugunsten des Kindes ein Bündnis mit der Schule eingehen und nicht nur fordern und kritisieren», sagt Brigitte Kohli, Primarlehrerin in Bern. (Valérie Chételat)

«Eltern sollten zugunsten des Kindes ein Bündnis mit der Schule eingehen und nicht nur fordern und kritisieren», sagt Brigitte Kohli, Primarlehrerin in Bern. (Valérie Chételat)

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Zur Person

Brigitte Kohli unterrichtet seit 15?Jahren 1. bis 4. Klassen am Berner Sulgenbachschulhaus. Sie ist Mitglied der Pädagogischen Kommission des Berufsverbands Lebe und hat an der Broschüre zur Schule-Eltern-Zusammenarbeit mitgewirkt. Die 62-jährige zweifache Mutter und Grossmutter wohnt in Bern.

«Bund»: Frau Kohli, trügt der Eindruck oder ist das Verhältnis zwischen Schule und Eltern tatsächlich angespannter geworden?

Brigitte Kohli: Noch vor 15 Jahren gab es gar keine institutionalisierte Zusammenarbeit. Die Einführung der Elternräte hat dies verändert. Die Beziehung musste sich aber zunächst entwickeln, und wie in jeder Beziehung gibt es Spannungen. Schade ist, wenn sich die Elternmitwirkung weiterhin auf das Kuchenbacken für Schulfeste beschränkt.

Viele Lehrkräfte beklagen sich über Eltern, die überall mitreden und mitbestimmen wollen.

Ja, es gibt Eltern, die nicht akzeptieren, dass gewisse Bereiche in der alleinigen Verantwortung der Lehrkräfte liegen. Das ist, wie wenn ich dem Velomechaniker oder der Krankenschwester vorschreiben würde, wie sie ihre Arbeit zu tun haben.

Wie wirkt sich ein schlechtes Verhältnis auf das Kind aus?

Ein Kind, das merkt, dass es zwischen Lehrperson und Eltern ein Spannungsverhältnis gibt, kann nicht gut lernen. Darum hat die Schule das grösste Interesse an einem guten Verhältnis zu den Eltern – und umgekehrt. Eltern sollten zugunsten des Kindes ein Bündnis mit der Schule eingehen und nicht nur fordern und kritisieren.

Sie verlangen von den Eltern auch, dass sie das Kind ausgeschlafen und mit einem Frühstück im Bauch in die Schule schicken. Ist das nicht selbstverständlich?

Das würde man meinen, ist aber nicht so. Es gibt Kulturen, in denen die Kinder bis um Mitternacht aufbleiben und am Morgen nichts essen. Und es gibt Migrantenfamilien, die zu Hause auf dem Fussboden leben und dem Kind keinen geeigneten Arbeitsplatz für die Hausaufgaben zur Verfügung stellen können.

Welche Eltern sind Ihnen lieber: Jene, die sich überhaupt nicht um die Schule kümmern oder jene, die überall mitreden wollen?

Die dazwischen. Eigentlich habe ich aber schon lieber Eltern, die sich einmischen und animiere sie auch, Schulbesuche zu machen. Ich wundere mich aber immer wieder, wie wenige das auch tun.

Wo liegen die Grenzen von dem, was die Eltern dürfen?

Beim Unterrichtsstoff und bei den didaktischen Methoden dürfen sie zwar ihre Meinung sagen, aber nicht mitbestimmen.

Es gibt immer noch Lehrkräfte, denen Elternarbeit ein Gräuel ist.

Ja, aber die sterben langsam aus. Das entspricht überhaupt nicht mehr dem heutigen Berufsbild.

Junge Lehrkräfte sind aber oft überfordert, wenn sie sich gegen deutlich ältere Eltern durchsetzen müssen.

Ja, das kann schwierig sein. Am Anfang fehlt vielleicht die Erfahrung und das Selbstvertrauen, um auf gleicher Ebene zu diskutieren. Vernünftige Eltern, die sich als Bündnispartner der Schule verstehen, nutzen das nicht aus.

Es wird gemeinhin angenommen, dass sich Ausländereltern eher weniger, gut ausgebildete Schweizer dafür manchmal zu stark für die Schule interessieren. Stimmt das?

Teilweise. Die gut ausgebildeten Schweizer arbeiten aber oft sehr viel und haben keine Zeit, sich um die Schule zu kümmern. Ausländereltern engagieren sich tatsächlich eher selten für die Schule, da spielt vor allem Unsicherheit und Unwissenheit eine Rolle. Sie haben oft selber eine ganz andere Schule erlebt.

In welchen Bereichen gibt es Spannungen zwischen den Eltern und der Schule?

Vor allem bei den Klasseneinteilungen. Gewisse Eltern haben genaue Vorstellung davon, in welches Schulhaus und zu welcher Lehrperson sie ihr Kind schicken wollen. Das gibt jedes Jahr zahlreiche Beschwerden und Rekurse. Das andere grosse Thema ist die Selektion. Manchen Eltern fällt es schwer zu akzeptieren, wenn ihr Kind in die Real statt in die Sek kommt.

Wie weit gehen Eltern in ihren Einflussversuchen?

Sie gehen oft ungeschickt vor und reklamieren nicht bei der Lehrkraft, sondern gleich bei der Schulkommission oder beim Schulamt. Es gibt die uralte Angst, dass das Kind Nachteile erleidet, wenn man bei der Lehrkraft reklamiert.

Ist diese Angst berechtigt?

Nein, im Gegenteil. Erstens kann eine professionell agierende Lehrkraft sehr gut zwischen Kind und Eltern unterscheiden, und zweitens ist ein solches Hintenherumverhalten keiner Beziehung zuträglich.

Wenn die Kinder in der Schule Probleme machen, sind die Lehrer schuld. Kennen Sie diese Haltung?

Selbstverständlich, und es kann ja auch stimmen. Sehr oft aber ist die Ursache woanders zu suchen. Die Lehrkräfte als Profis merken genau, wenn in der Familie etwas nicht gut läuft. Wenn ich dann die Eltern darauf anspreche, heisst es aber meist, es gebe keine Probleme. Sehr oft stellt sich erst im Nachhinein heraus, dass doch etwas war.

Wie reagieren Sie auf solche Schuldzuweisungen?

Das erträgt man einfach. Es bringt nichts, wenn man versucht, Recht zu bekommen.

Wie kommt es dazu, dass in Deutschland das «Lehrer-Hasser-Buch» zum Bestseller wurde?

Das wundert mich nicht. Viele Eltern haben sich in ihrer eigenen Schulzeit einmal vom Lehrer ungerecht behandelt gefühlt. Davon ist ihre heutige Meinung über die Schule geprägt. Das erklärt auch, warum sich negative Dinge über Lehrpersonen so schnell verbreiten und für wahr betrachtet werden.

Nehmen die heutigen Lehrerinnen und Lehrer die Bedürfnisse der Eltern genügend ernst?

Sie müssen, davon hängt ihr Berufserfolg ab. Aber wie bei der Verkäuferin, die jeden Kunden freundlich begrüssen sollte und das nicht immer tut, entsprechen Lehrerinnen und Lehrer auch nicht in jedem Moment dem Ideal. Hilfreich für das Verständnis von Elternsorgen kann die eigene Elternrolle sein.

Wie gut können Lehrerinnen und Lehrer mit Kritik umgehen?

So wie alle Menschen.

Also nicht sehr gut?

Doch, vielleicht sogar überdurchschnittlich gut, weil sie sich Kritik gewohnt sind.

Tragen Elternräte zu einem guten Verhältnis zwischen Schule und Eltern bei?

Da hört man Unterschiedliches. Bei uns läuft es sehr gut. Ich empfinde den Austausch von Ideen und Erfahrungen als hilfreich. Wenn der Elternrat aber gegen die Schule arbeitet, dann ist das nicht fruchtbar.

Was halten Sie von Bussen für Eltern, die sich nicht an Abmachungen halten und zum Beispiel nicht zu Elterngesprächen erscheinen?

Manchmal wäre es bestechend, ein solches Druckmittel zu haben. Trotzdem wäre es ungerecht: Fremdsprachige, die nicht verstehen, um was es geht, würde eine Busse hart treffen. Für die gut Verdienenden, die sich keine Zeit für die Schule nehmen wollen, wäre sie hingegen praktisch und für die Sache kontraproduktiv.

Es scheint insgesamt, als ob es die Schule noch nicht geschafft hätte, die Beziehung zum Umfeld auf eine neue Basis zu stellen, nachdem der Lehrer als unangefochtene Respektsperson vom Sockel gestossen worden ist.

Für mich ist es umgekehrt: Das Umfeld hat es nicht geschafft, die Beziehung zur Schule auf eine neue Basis zu stellen. Früher hat das Kind einen «Chlapf» riskiert, wenn es sich zu Hause über den Herrn Lehrer beschwert hat, heute sind Lehrerinnen und Lehrer die Prügelknaben. Wir werden nicht als Fachleute wahrgenommen, wie jeder Banker oder Spengler. Dabei beherrschen wir unser anspruchsvolles Handwerk genau so gut wie diese das ihre. (Der Bund)

Erstellt: 23.06.2009, 14:13 Uhr

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