«Hand in Hand» – oder wenn wenigstens drei Stunden bezahlt sind
Von Adrian M. Moser. Aktualisiert am 20.10.2011
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Elisabeth Bühler hebt den Kopf und lächelt zur Begrüssung. Dann wendet sie sich wieder ihrer Lismete zu. Bedächtig lässt sie das gelbe Garn um ihren Zeigefinger gleiten. Die 84-Jährige sitzt im Rollstuhl. Seit sie vor zwei Jahren gestürzt ist, ist sie rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen.
Neben Elisabeth Bühler sitzt – Elisabeth Bühler, genannt Lisa. Seit dem Unfall pflegt die 60-jährige Schwiegertochter die Mutter ihres Mannes. Das Besondere daran: Seit einem Jahr tut die ausgebildete Pflegefachfrau dies nicht mehr nur als Verwandte, sondern als Angestellte der Spitex Region Köniz.
Dass sie ihre Schwiegermutter zu Hause pflegen würde, sollte sie dereinst pflegebedürftig werden, hatte Lisa Bühler mit ihrer Familie bereits beschlossen, bevor der Unfall passierte. «Sie hat uns schon vor fünf Jahren gefragt, ob wir zu ihr schauen würden, wenn sie Hilfe brauchen sollte», sagt Bühler. «Wir haben es ihr versprochen.»
Rückkehr aus Übersee
Als es dann so weit war, mussten die Bühlers einige Verrenkungen machen, um das Versprechen einlösen zu können. Denn: Seit 18 Jahren lebt die Familie in den USA, genauer in New Bern. Elisabeth Bühler führte dort mit ihrem Mann ein Schweizer Restaurant mit Bäckerei. «Man weiss zwar, dass dieser Moment irgendwann kommt», sagt sie rückblickend. «Aber dann ist er plötzlich da.» Nach dem Unfall der Schwiegermutter kehrte Elisabeth Bühler also in die Schweiz zurück, nach Niederscherli. Ihr Mann blieb vorerst in Übersee, ist aber dabei, das Geschäft zu verkaufen, und wird ebenfalls zurückkehren.
An ihrer Arbeit mit der Schwiegermutter änderte sich nichts mit der Anstellung bei der Spitex – wie zuvor ist Bühler auch heute rund um die Uhr um ihre Betreuung und Pflege besorgt. Und wie zuvor übernimmt am Wochenende die Spitex – oder seit einem Jahr eine andere Spitex-Mitarbeitende als Lisa Bühler – die Körperpflege. Der Unterschied: Seit ihrer Anstellung wird Bühler, wie die Spitex-Leute am Wochenende, für ihre Pflegestunden bezahlt – es sind zwei bis drei pro Tag. Für alles weitere – kochen, putzen, betreuen, unterhalten – hatten die beiden bereits zuvor einen Vertrag abgeschlossen, der Elisabeth Bühler einen bescheidenen Lohn für ihren Rund-um-die-Uhr-Service zusichert. Gemäss einem Mustervertrag der Pro Senectute erhält sie von ihrer Schwiegermutter jeden Monat 2000 Franken plus Kostgeld. Dass sie damit nicht weit kam, liegt auf der Hand. «Zuerst dachte ich, ich würde nebenbei noch anderswo arbeiten», sagt sie. «Aber das ging nicht. Also musste ich mich drehen und wenden und konnte doch kaum existieren.»
Kein Lohn trotz Ausbildung
Unter diesen Umständen sah sich Bühler gezwungen, nach kreativen Lösungen zu suchen. Während die Spitex ihren Pflegeaufwand der Krankenkasse verrechnen kann, konnte Bühler das nicht – trotz ihrer Qualifikation als Pflegefachfrau. So wandte sie sich an die Spitex Region Köniz und schlug vor, sie für die Pflege ihrer Schwiegermutter anzustellen. Im vergangenen November unterzeichnete sie ihren Arbeitsvertrag und pflegt ihre Schwiegermutter seither als Spitex-Mitarbeiterin.
Am 1. Januar 2011 hat die Spitex Region Köniz das, was mit der Anstellung von Elisabeth Bühler im November seinen Anfang genommen hatte, als Projekt «Hand in Hand» definitiv lanciert. Es umfasst drei Punkte: Zum Ersten können sich Menschen wie Elisabeth Bühler, die zu Hause einen Angehörigen pflegen und über eine pflegerische Ausbildung verfügen, von der Spitex anstellen und im Stundenlohn bezahlen lassen. Die Könizer Spitex sei schweizweit «wohl die erste», die diese Möglichkeit biete, sagt Projektleiterin Brigitte Hadorn. Zum Zweiten bietet die Spitex Region Köniz allen pflegenden Angehörigen – auch jenen ohne Pflegeausbildung – zweimal im Jahr einen Freizeit-Gutschein an. Lösen sie einen solchen ein, übernimmt für drei Stunden eine dem Angehörigen vertraute Spitex-Mitarbeitende dessen Betreuung. Zum Dritten gewährt die Spitex pflegenden Angehörigen kostenlose Beratung. Finanziert werden die letzten beiden Angebote aus dem Spendenfonds der Spitex und im ersten Jahr zur Hälfte von der Gesundheitsförderung Schweiz.
Überfordert und unter Druck
Brigitte Hadorn erklärt, weshalb es ein Projekt wie «Hand in Hand» braucht: «Pflegende Angehörige sind häufig am Rande ihrer Kräfte, überfordert und gleichzeitig unter Druck, die Arbeit nicht an jemand anderen abzugeben, weil die Angehörigen am liebsten von ihren eigenen Leuten gepflegt werden wollen.» Nach knapp zehn Monaten zieht sie eine positive Zwischenbilanz. Der Freizeit-Gutschein werde rege benützt und die Zahl der Beratungsgespräche nehme zu, sagt sie. Angestellt wurden bisher drei Frauen. Dies entspreche ihren Erwartungen, sagt Hadorn. «Wäre die Pflegeausbildung nicht Bedingung, könnten wir natürlich viel mehr Angehörige anstellen.» Was mit dem Vertrag geschieht, wenn die pflegebedürftige Person stirbt, werde von Fall zu Fall entschieden, sagt Hadorn. Es sei aber durchaus denkbar, dass sie als «reguläre» Spitex-Mitarbeiterinnen weiterarbeiten könnten.
Die Anstellung von pflegenden Angehörigen ist ein erster zaghafter Versuch, die meist unentgeltlich geleistete Angehörigenpflege angemessen zu entlöhnen. Doch es stellt sich die Frage, ob es nicht unfair ist, dass vorerst nur Angehörige mit Pflegeausbildung diese Möglichkeit erhalten. Brigitte Hadorn sagt: «Für die Pflege, die über die Grundversicherung der Krankenkassen abgerechnet wird, dürfen wir nur ausgebildete Pflegepersonen einsetzen.» Um auch die vielen nicht ausgebildeten Angehörigen für ihre Pflegestunden entschädigen zu können, müsse auf anderen Ebenen nach einer Lösung gesucht werden.
Sie möchte es nicht anders haben
In Niederscherli ist Elisabeth Bühler noch immer am Stricken. Mit der Anstellung bei der Spitex habe sich einiges zum Besseren gewandelt, sagt ihre Schwiegertochter. «Nun bin ich finanziell abgesichert, bekomme Unterstützung, wenn ich sie brauche, und bin zurück im Berufsleben.» Ausserdem bewirke die Entlöhnung, dass sie in schwierigen Situationen nicht nur als Angehörige, sondern auch als Pflegefachfrau handle.
Gefragt, ob ihr wohl sei, hebt die Schwiegermutter wieder den Kopf und sagt: «Ich möchte es nicht anders haben.» Zum Abschied lächelt sie wieder. Dann strickt sie weiter. (Der Bund)
Erstellt: 20.10.2011, 09:01 Uhr
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