Bern

«Grüne Spinner» feiern 75-Jahr-Jubiläum

Von Sebastian Meier. Aktualisiert am 06.09.2010

Die Metzgerei Au Cochon Rose gehörte zu den Vorreitern der Biobewegung.

Trudi, Werner, Brigitta und René Wegmüller (v.l.n.r.) in der Metzgerei Au Cochon Rose in der Länggasse. (Valérie Chételat)

Trudi, Werner, Brigitta und René Wegmüller (v.l.n.r.) in der Metzgerei Au Cochon Rose in der Länggasse. (Valérie Chételat)

Spätsommer 1935: Metzgermeister Werner Wegmüller packt die bestellten Entrecotes ein, schwingt sich auf sein Militärvelo und kämpft sich den steilen Lederstutz beim Berner Rossfeldquartier hinauf zu seinem Kunden. So beginnt die Geschichte eines Familienunternehmens, das als eines der wenigen in seiner Branche den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft hat. Die Metzgerei Au Cochon Rose – heute mit Standort an der Länggassstrasse – feiert in diesen Tagen ihr 75-jähriges Bestehen.

Auch der sechsjährige Sohn war bald mit Militärvelo und Fleischlieferung im Quartier unterwegs. Jahre später übernahm Werner Wegmüller junior die Metzgerei, die sich zum beliebten Quartiertreffpunkt mit treuer Stammkundschaft entwickelt hatte. Der zweiten Generation blies aber bald ein eisiger Wind entgegen: Rund 50 Konkurrenten in der Innenstadt warfen in den Nachkriegsjahrzehnten das Handtuch. Grossverteiler hatten den Quartiermetzgereien die Kundschaft abgegraben, fallende Preise machten die Mieten unbezahlbar und den Beruf für den Nachwuchs unattraktiv.

Mit Biolabel gegen Lädelisterben

Früher als die Konkurrenz habe er deshalb nach Nischen im Fleischmarkt gesucht und diese im Label «Porco Fidelio» gefunden, sagt Werner Wegmüller heute. Fortan verpflichtete er sich zur Einhaltung ökologischer und ethischer Produktionsstandards, «und dies noch bevor es den Begriff ‹Bio› überhaupt gab». Es sei ein Schritt gewesen, für den er von manch einem Berufskollegen als «grüner Spinner» belächelt worden sei. Doch die Bioprodukte seien auf reges Interesse gestossen, und Krisen der Branche, die manch einem Konkurrenten das Genick brachen (etwa Skandale um Viehtransporte oder der Rinderwahnsinn BSE), seien für die Biometzgerei zum Kundenmagnet geworden. Eine gewisse Genugtuung darüber, dass die meisten seiner Kritiker im Wettbewerb auf der Strecke geblieben sind, könne er sich nicht verkneifen, sagt Wegmüller.

1984 übernahm die dritte Generation das Zepter. Werner Wegmüllers Sohn René war eigentlich nach Übersee ausgewandert und hatte die kanadische Staatsbürgerschaft schon fast im Sack, als an der Länggassstrasse 36 ein weiterer Konkurrent das Handtuch warf. René Wegmüller übernahm den Standort, blieb dem bewährten Geschäftskonzept treu und betreibt heute zusammen mit Ehefrau und Eltern die – neben der Metzgerei Lehmann – vorletzte von einst 13 Metzgereien im Quartier. Die dritte Generation dürfte allerdings die letzte sein. Keiner seiner Söhne habe eine Metzgerkarriere eingeschlagen, sagt René Wegmüller. (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2010, 15:03 Uhr

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