Grosses Warten im Bärengraben
Von Lena Rittmeyer. Aktualisiert am 23.07.2010 1 Kommentar
Nächste Vorstellung
Heute Freitag um 20.15 Uhr.
Weitere 17 Vorstellungen bis Fr, 13. August, (Derniere). www.baerengrabentheater.ch.
Vorverkauf: www.starticket.ch
Es ist kurz nach der Pause, der Himmel hat sich bereits verdunkelt, und nach wenigen Minuten beginnt es auch schon in Strömen zu regnen. Im Bärengraben unten gibt es kein Entkommen. Während sich das Publikum immerhin mit am Eingang verteilten Pelerinen zu schützen versucht, sind die beiden Landstreicher Wladimir und Estragon den Launen der Natur und insbesondere der des Herrn Godot auf den Felsen unten im Bärengraben gänzlich ausgeliefert.
Besagter Herr glänzt dabei allerdings während zweier Stunden durch Abwesenheit. Die Frage, wer denn dieser Godot tatsächlich ist, lässt Samuel Beckett in seinem 1952 erstmals publizierten Stück «Warten auf Godot» bewusst offen, und auch in der Inszenierung des Bärengrabentheaters wagt Regisseur Michael Oberer keinen Interpretationsversuch.
Abenteuer mit Fragezeichen
Die abenteuerliche Spielstätte des Bärengrabens spiegelt mit ihren hohen Steinmauern zwar in der Tat die Ausweglosigkeit der beiden Wartenden wider. Nur bleibt dabei fraglich, ob es in Becketts Stück nicht eher um den absurden, weil eben gerade freien Entschluss von Estragon und Wladimir geht, an einer schmucklosen Stelle im Nirgendwo aus unergründlichen Gründen auf einen ihnen völlig unbekannten Mann zu warten. Genau genommen ist es also keine äussere Gegebenheit, die Didi und Gogo, wie sich die Freunde untereinander auch nennen, dazu zwingt, zu bleiben, sondern ihr eigener und wiederholt gefällter Entscheid, nicht einfach weiterzugehen, sondern auf Godot zu warten. Das Eingepferchtsein der Darsteller sowie des Publikums zeugt von symbolischer Aussagekraft, geht inhaltlich dann aber doch nicht ganz auf.
Die dunklen Wolken vergessen
Was dabei allerdings besonders funktioniert, ist der quengelnd-kindliche Estragon (Marcus Signer) im Zusammenspiel mit dem standhaften Wladimir in improvisierten Outdoor-Klamotten (Horst Krebs), der Ersteren gerne mal zurechtweist oder ihn an ihre gemeinsame Mission erinnert. Hier wird die Inszenierung nicht nur Becketts gewitzten Dialogen gerecht, sondern lässt auch den Zuschauer stellenweise die dunklen Wolken am Abendhimmel vergessen.
Das Warten verkürzt zudem der behäbige Pozzo (Uwe Schönbeck), der mit Peitsche und in Schnürstiefeln seinen Sklaven Lucky vor sich hertreibt und dabei polternde Reden schwingt. Während Schönbeck die Darstellung des in der Figur angelegten Spagats zwischen selbstverliebten Machtgebärden und zuvorkommender Gutmütigkeit gelingt, bleibt Alexander Muheim als Lucky daneben leider ziemlich farblos.
Zu wenig ausgeschöpft
Grundsätzlich hätten dem Theaterabend, vor allem angesichts des ungewöhnlichen Spielorts, einige Wagnisse gutgetan. So bleibt zum Schluss der Eindruck, dass die Wahl des Bärengrabens als Theaterkulisse doch etwas zu unmotiviert ist. Die potenziellen Möglichkeiten des originellen Spielortes scheinen insgesamt zu wenig ausgeschöpft.
(Der Bund)
Erstellt: 23.07.2010, 10:35 Uhr
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1 Kommentar
"wagt Regisseur Michael Oberer keinen Interpretationsversuch." - Hallo!? Es geht ja gerade darum, dass die Interpretation dem Besucher überlassen wird. Ob es denn god+ot, oder godeau, oder überhaupt nur das Leben ist, auf dass gewartet wird, darf doch kein Regisseur festlegen. Antworten
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