Gossip treten in die Festivalfalle

Von Benedikt Sartorius. Aktualisiert am 19.07.2010

Die schwergewichtige Beth Ditto und ihre einst subversive Band Gossip übten sich in Anbiederungen beim Publikum.

1/7 Mehr Sonne, weniger Alkoholleichen
Drei ausverkaufte Tage, gutes Wetter und glückliche Künstler – die Veranstalter sind zufrieden. Einziger Wermutstropfen: der blühende Sekundärmarkt.
Bild: Gurtenfestival/Thomas Reufer

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«Scheisse, ist das heiss», verlautbarte die 1,55 Meter kleine und kugelrunde Beth Ditto in gebrochenem Deutsch, kurz nachdem ihre Band Gossip mit der Widerstandshymne «Standing in the Way of Control» bereits gleich zu Beginn des Konzerts eine ihrer Erkennungsmelodien verbraten hatte. Allein, die Wut und treibende Energie, die dieser Protestkracher einst verströmte, lockten auf der Hauptbühne das junge Publikum am frühen Freitagabend kaum mehr: Das trockene, punktgenaue Post-Punk-Schlagzeug der androgynen Hannah Blilie war auf Stadion getrimmt und verlor in der grossen Hall-Dimension die Dringlichkeit, die beinahe harmonielosen, scharfen Gitarrensounds wirkten zahnlos – und Ditto, gewandet in ein weisses, mit schwarzen Tigern versehenes Kleid, konzentrierte sich eher aufs Zurückschmeissen von aufblasbaren Sponsorenbällen als auf ihre kraftvolle und quietschende Sangeskunst. Nur wenig erinnerte am einstündigen Konzert an die widerständigen Gossip, die einst die südstaatlichen White-Trash-Wohnwagenparks verlassen hatten, um sich der feministischen, queeren Riot-Grrrl-Bewegung an der Nordwestküste der USA anzuschliessen.

Bejubelter Sündenfall

Die 29-jährige, dank Modemagazinen mittlerweile ikonisierte Ditto tigerte auf der für sie zu grossen Bühne hin und her, wagte den Moonwalk, vermasselte berührende Songs wie das verletzliche «Coal to Diamonds» mit komischem Unernst – und ergriff die Menge erst mit dem eigentlichen Sündenfall dieses Auftritts: Viel weiter kann Anbiederung – auch an einem Grossfestival mit den notorischen Mitsing- und Mitklatschspielchen – kaum mehr gehen, als Whitney Houstons Brachialschnulze «I Will Always Love You» gleich im Anschluss an den bejubelten Hit «Heavy Cross» anzustimmen. Sogar der Himmel vergoss in diesem Moment dicke Tränen. (Der Bund)

Erstellt: 19.07.2010, 07:48 Uhr

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