Geschossen und entwischt: Der Schütze kann überall sein
Fieberhafte Suche
Im Einsatz in Biel stand gestern die Spezialeinheit Enzian der Berner Kantonspolizei, verstärkt durch Interventionsspezialisten aus den Kantonen Zürich und Basel. Dies weil die Kantonspolizei Bern wegen des Staatsbesuchs des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff nicht genügend Polizeiangehörige zur Verfügung hatte, wie Polizeisprecher Franz Märki auf Anfrage sagte. Über 100 Polizisten durchkämmten gestern die Umgebung von Biel, und nach dem Mann wurde national gefahndet.
Der sichtlich betroffene Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) äusserte sich gestern im Grossen Rat zum verletzten Polizisten: Dieser sei trotz Tragens eines Helms am Kopf getroffen worden. Er sei operiert worden, sein Zustand sei stabil. Wie seine Zukunft aussehe, könne zurzeit nicht beurteilt werden. Polizeisprecher Märki wollte zur Art der Verletzung nichts Näheres sagen. Nur so viel: Die Polizeibeamten seien mit entsprechender Schutzmontur ausgerüstet gewesen, also auch mit schussÂsicheren Westen. «Einen integralen Schutz kann es aber nie geben», sagte Märki. Bedeckt gab er sich auch bei der Frage nach dem Zeitpunkt der Flucht des Rentners aus dem Haus. Möglich sei, dass er direkt nach der Schussabgabe geflohen sei. «Schliesslich war es dunkel, und die Beamten waren in einer extremen Stresssituation.»
Drohungen ausgestossen
Offenbar war der Mann verwirrt und hätte einem Psychiater zugeführt werden sollen, der die Möglichkeit eines Fürsorgerischen Freiheitsentzugs abklären sollte. Dies sagte der Bieler Regierungsstatthalter Werner Könitzer auf Anfrage und bestätigte damit einen Bericht der Sendung «Schweiz aktuell» des Schweizer Fernsehens. Könitzer sagte, der Mann habe ihn selbst in Briefen bedroht. Aus diesem Grund habe er am Donnerstag das Regierungsstatthalteramt in Nidau überwachen lassen.
Warum das Haus, in dem sich der Mann verschanzt hatte, hätte zwangsversteigert werden sollen, konnte Könitzer nicht sagen. Allgemein könne es zu einer Zwangsversteigerung kommen, wenn Zahlungsverpflichtungen gegenüber Banken nicht erfüllt würden. Ein weiterer Grund könne ein Erbschaftsfall sein, in dem sich die Erbengemeinschaft nicht einig werde.
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Selbst die Kassiererinnen in der Bieler Migros wissen, wer alles nach dem bewaffneten 67-jährigen Mann fahndet: «Die Spezialeinheit aus Zürich ist hier, Polizisten aus Biel, Bern und Baselland. Wahnsinn!» Nur wo sich der Rentner aufhält, der in der Nacht auf gestern einem Polizisten in den Kopf schoss, das weiss niemand. Bis Redaktionsschluss befand er sich weiter auf der Flucht.
Mit Gewehr bewaffnet
Er könne überall sein, sagt Einsatzleiter François Gaudy an einer improvisierten Pressekonferenz in Biel. Nur eines ist mittlerweile sicher: Er befindet sich nicht mehr in seinem Haus am Mon-Désir-Weg im Bieler Linde-Quartier. In ebendiesem verschanzte er sich von Mittwochmorgen bis in die Nacht auf Donnerstag. Dann gelang ihm offenbar die Flucht.
Die Polizei geht davon aus, dass der Rentner weiterhin ein Gewehr auf sich trägt und dieses auch einsetzen würde – gemäss Gaudy vor allem dann, wenn der Mann sich in seiner persönlichen Integrität verletzt fühle. Ob es sich beim fraglichen Gewehr um ein Militärgewehr handelt, kann oder will die Polizei bis dato nicht bekannt geben.
Journalisten warten auf Stürmung
Nach stundenlanger, erfolgloser Fahndung wendet sich die Kantonspolizei Bern am gestrigen Abend schliesslich an die Bevölkerung: Sie solle sich vorsichtig verhalten und verdächtige Feststellungen umgehend melden. Der 67-Jährige ist Brillenträger, rund zwei Meter gross, schlank, hat weisses Haar, einen weissen Stoppelbart und trägt ein helles Hemd und eine dunkle Hose.
Ferner bittet die Polizei um Informationen aller Art über den Gesuchten und veröffentlichte zu diesem Zweck auch dessen Namen: Er heisst Peter Hans Kneubühl. Dieser habe sehr zurückgezogen gelebt. So ist auch die Antwort von Personen aus der Nachbarschaft auf die Frage, ob sie den Mann kennen würden, stets dieselbe: «Ich? Nein, nie gesehen, nie gehört.» Die Studentin Désirée Moret mutmasst sogar, dass der Rentner gar nicht im Linde-Quartier wohne. Man kenne sich hier normalerweise; das Quartier sei wie ein kleines Dorf.
Rund 40 Personen mussten das «Dorf» aus Sicherheitsgründen verlassen; die Polizei brachte sie in eine nahe gelegene Zivilschutzanlage. Viele andere Quartierbewohner verbringen den Tag in ihren vier Wänden und lugen höchstens ab und an zwischen den Vorhängen hindurch auf die Strassen vor ihren Häusern. Auf diesen tummeln sich vorwiegend Polizisten, und hinter den Absperrbändern wartet ein Pulk Journalisten – fünfzig an der Zahl. Von überall aus der Schweiz sind sie angereist, um die erwartete Stürmung der Wohnung des Rentners mitzuverfolgen. Gegen Mittag macht sich unter den Journalisten dann allerdings das Gerücht breit, der 67-Jährige sei längst über alle Berge.
Kurze Hektik
Um 13 Uhr gibt es erste Hinweise darauf, dass die Flucht des Rentners mehr als nur ein Gerücht ist: Aus dem Nichts – viele Journalisten standen längst nur noch gelangweilt herum – stürmen vier vermummte Polizisten in Kampfmontur aus der abgesperrten Zone heraus Richtung Wald, der ans Linde-Quartier grenzt. Vor den vier Männern keucht und schnauft ein Spürhund. Es sieht aus, als ob er eine Spur verfolge, die ihren ÂUrsprung in der Wohnung hat. Hinterher fährt ein blauer BMW mit verdunkelten Scheiben. Journalisten, die dem Trupp folgen wollen, werden jäh zurückgehalten. Mehr war da nicht.
Hektik kommt erst wieder auf bei der kurzfristig anberaumten Medienkonferenz. Diese findet um 14.30 Uhr wenige Meter vom Haus des Flüchtigen entfernt statt: In diesem befinde sich der Rentner mit hundertprozentiger Sicherheit nicht mehr, so Einsatzleiter Gaudy. Das Haus sei minutiös durchsucht worden – ohne Erfolg. Kurz darauf zieht der Medienpulk in alle Richtungen von dannen, und die Bewohnerinnen und Bewohner des Linde-Quartiers trauen sich wieder vermehrt auf die Strassen. Die Nachricht hat sich rasch herumgesprochen – wie alles an diesem Donnerstagnachmittag. Nur eines weiss im Fall des Bieler Rentners bis Redaktionsschluss niemand: wo er sich versteckt hält. (Der Bund)
Erstellt: 10.09.2010, 10:31 Uhr
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