Geschenke verpacken als Stresstraining
Von Marc Lettau. Aktualisiert am 09.12.2011
Silvia Glauser und Flora Saiti treten auf wie Verkäuferinnen. Aber sie sind keine Verkäuferinnen. Sie sind Teilnehmerinnen. Sie führen zwar im Pico Bollo am Bollwerk Verkaufsgespräche, tippen Beträge in die Kasse ein und verpacken das Verkaufte ganz sorgsam und hübsch. Aber sie tun es als Erwerbslose, als Teilnehmerinnen an einem Qualifizierungsprogramm, das sie wieder für den ersten Arbeitsmarkt fit machen soll.
Kunde ist nicht gleich Kunde
In Bern hetzen gegenwärtig schwer schleppende Konsumenten die Lauben hinauf und hinunter, nicht immer sehr gut gelaunt: Für das Verkaufspersonal im Allgemeinen ist der Weihnachtsverkauf eine zuweilen sehr belastende Zeit. Wie ist diese Zeit für jene, die im Pico Bollo mit anpacken? Sind sie ebenso dem Leistungsdruck ausgesetzt wie ihre regulär beschäftigten Kolleginnen im Detailhandel? Silvia Glauser, seit einem Jahr erwerbslos und seit gut drei Monaten Teilnehmerin im Pico Bollo, räumt ein, dass es oft einen richtigen Stau am Päcklitisch gebe. Mindestens fünfmal so viele Kunden wie üblich besuchen den Laden. Also wie vermutet eine belastende Zeit? Silvia Glauser winkt ab. Wenn die Schlange zu lang werde, dann schicke man die Kundinnen halt zum Kaffeetrinken. Ausserdem spüre sie: «Die Kunden wollen uns nicht stressen.» Wer in den Laden komme, begegne den hier Arbeitenden vielleicht mit mehr Respekt als «draussen» im Detailhandel: «Sie zeigen viel Geduld.» Flora Saiti pflichtet bei. Beide finden, die Kundinnen und Kunden kämen ja auch wegen des Angebots. Wegen der Produkte, «die unter anderem von Menschen mit Behinderung gemacht wurden», sagt Glauser. Wegen der schönen Spielsachen, Unikate «und Surprisen» aus sozialen Werkstätten, ergänzt Saiti.
Barbara Limberger, die als Leiterin des Pico Bollo die Teilnehmerinnen führt und begleitet, sieht in der vorweihnächtlichen Hektik nicht nur Nachteile: «Für die Teilnehmerinnen sind diese Wochen auch ein Stresstraining für den Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt.» Zudem treffe der Andrang die hier Beschäftigten nicht unvorbereitet. Schon seit Sommer ist der Weihnachtsverkauf das Thema. Erst werde das Sortiment bestimmt. Dann dürfen die Teilnehmerinnen die Werbung mit vorbereiten, die Schaufenstergestaltung planen, Geschenkverpackungen gestalten. Für Menschen, die «den Stress der Arbeitslosigkeit» kennen, seien die Weihnachtswochen also streng, aber auch anregend: «Alle sind mit grosser Ernsthaftigkeit an der Sache.» Das sei bemerkenswert, zuweilen sogar «berührend», denn längst nicht alle seien freiwillig im Verkaufstraining. Einzelne müssen auf Geheiss der Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle (RAV) antraben.
Realistisches Bild vermitteln
Das Fachteam bietet während der hektischen Wochen mehr Unterstützung als sonst. «Aber wir wollen nicht jeden Druck wegnehmen und möchten ein realistisches Bild der Arbeitswelt vermitteln», sagt Barbara Limberger. Schliesslich bleibe das Ziel der Wiedereinstieg. Man begleite also – übrigens im Auftrage des Beco – Menschen «an der Schnittstelle zwischen Arbeitslosigkeit und der Arbeitswelt». Zum möglichst realistischen Bild der Arbeitswelt gehöre, dass auch ein Laden wie Pico Bollo Umsatzziele erreichen wolle und in den beiden letzten Monaten des Jahres jeweils rund ein Drittel seines Umsatzes erzielen müsse. Für die Teilnehmerinnen heisse dies, dass sie alle Schlüsselkompetenzen entwickeln und beweisen müssten: «Nicht nur die Stresstoleranz, sondern auch Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, gutes Kommunikationsverhalten.»
Alles picobello?
Dreizehn Trainingsarbeitsplätze offeriert das Pico Bollo. Die meisten Teilnehmerinnen sind für drei Monate hier. Jedes Jahr durchlaufen deutlich mehr als fünfzig Stellensuchende das Angebot. Klingt nach einer wunderbaren Weihnachtsgeschichte: Flora Saiti und Silvia Glauser und rund fünf Dutzend weitere werden weitergebildet, lernen Bewerbungen schreiben, stehen an der Verkaufstheke, führen Kundengespräche, leiden nicht wirklich am Weihnachtsverkauf – im Gegenteil sogar – und sind nach einigen Monaten fit für den ersten Arbeitsmarkt. Alles picobello? «So einfach ist es natürlich nicht», sagt Limberger. Man dürfe sich keine Illusionen machen: «Nicht alle finden eine Anschlusslösung. Erfreulich viele finden zwar während oder im Anschluss an ihre Zeit im Pico Bollo eine Stelle. Andere bleiben aber auf Stellensuche.» (Der Bund)
Erstellt: 09.12.2011, 09:10 Uhr
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