Gastroerlebnisse abseits des Punktekults
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 06.01.2012
Neue Gastroführer
Martin Jenni: Eine Runde Schweiz; Werd-Verlag Zürich (ISBN 978-3-85932-671-2); 2011; ca. Fr. 34.90;
Guide Fischelin, Ausgabe 2012, 3 Franken plus Versand, zu beziehen bei der Geschäftsstelle in Aarwangen: Telefon 062 923 47 14 oder info@goldenerfisch.ch.
Der «Guide Fischelin» führt zu Restaurants mit guter Fischküche – der Beizenführer «Eine Runde Schweiz» hingegen führt grösstenteils am Kanton Bern vorbei. Ein Lokalpatriot könnte erbleichen, wenn er die Landkarte im Gastroführer «Eine Runde Schweiz» studiert: In manchen Gegenden häufen sich die Pünktchen mit empfohlenen Beizen, während in Bern Leere herrscht.
Doch der 52-jährige Basler Autor Martin Jenni, bekannt als Gourmet-Experte aus dem «Migros-Magazin», hat nicht Gegenden bevorzugt oder andere benachteiligt. Bern kommt nur zweimal vor, weil es das Konzept des Buches ist, aus jedem Kanton zwei Lokale vorzustellen. Das grosse Bern wird gleich behandelt wie das winzige Appenzell Innerrhoden, was so gerecht oder ungerecht ist wie die Verteilung der Ständeratssitze.
Auch eine Metzgerei kann ein Genussort sein
Jenni ist bekannt dafür, dass er nicht auf ausgetretenen Pfaden durchs Land streift, sondern Entdeckungen zutage fördert. Eine solche ist das Restaurant Zum Wilden Mann in Ferrenberg bei Wynigen, in dem es Rauchwurst mit Essigzwetschgen gibt – und ein Fumoir in einem alten Zirkuswagen. Oder dann das Gasthaus Bäregghöhe in Trubschachen, in dem eine saisonale Bioküche gepflegt wird. Immerhin gibt es noch die Seite «Best of the Rest», auf der in Kurzform weitere Genussorte abgehandelt werden: ein Bergrestaurant, ein Gasthof, ein Rebhaus am Bielersee, eine Brennerei, eine Brauerei oder eine Metzgerei in Bern (Lehmann’s).
Etwas vertrackter ist die Zählweise im «Guide Fischelin», wie der Führer der Tafelgesellschaft zum Goldenen Fisch scherzhaft genannt wird. Hier spaltet sich das bernische Territorium in Netze auf: Bielersee-Solothurn, Aare-Bern, Berner Oberland. 25 Restaurants auf Berner Boden werden aufgelistet. Wer im Fischführer aufgenommen werden will, braucht – wie bei Jenni – keineswegs in der gehobenen «Gault Millau»-Gourmet-Gewichtsklasse zu kämpfen, muss aber eine gepflegte Fischküche mit einem breiten Angebot aufweisen. Ein Verlegenheits-Pro-Memoria-Pangasius-Knusperli reicht bei weitem nicht.
Die Vereinigung propagiert seit 1969 den Genuss von Fisch, insbesondere des einheimischen Speisefisches. Dabei kommen Rituale und das Gesellige nicht zu kurz. Netzmeister der Distrikte bemänteln sich gerne mit blauen Talaren wie Hochmeister einer Loge, und das Info-Blättchen der Vereinigung strotzt vor gut gelaunten Herrschaften, die sich in einem Fischrestaurant mit Weisswein zuprosten. Allerdings hat die jetzige Leitung der Vereinigung das Brimborium stark zurückgefahren. Das war anders, als ein bernisches Restaurant vor einigen Jahren die blaue Plakette erhielt. Als die Ansprachen von Talarträgern nicht enden wollten, seufzte der geehrte Wirt schliesslich: «Das huere Cabaret.» (Der Bund)
Erstellt: 06.01.2012, 11:43 Uhr
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