Fasnacht: Auch leise Töne vertreiben den Winter
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70?000 bis 100?000 Besucher
«Es ist alles reibungslos und ohne besondere Vorkommnisse verlaufen», sagt Noëlle De Preux, Präsidentin des Vereins Berner Fasnacht, zur 29. Ausgabe des närrischen Treibens. Auch mit den Besucherzahlen seien die Organisatoren zufrieden – noch fehlten indes genaue Zahlen. Im Vorfeld hatte man für den Umzug vom Samstag mit 70?000 bis 100?000 Besuchern gerechnet. Stefan von Below von der Kantonspolizei sagt, dass es an diesem Wochenende zwar zu mehr Einsätzen als gewöhnlich gekommen sei. Ob dies nur mit der Fasnacht zusammenhänge, lasse sich aber nicht sagen. «Auslöser waren meistens Raufereien, Sachbeschädigungen und Ruhestörungen.» (sem/sn)
Früher Samstagmorgen in der Kramgasse: Beim Zytglogge bestaunen Touristen das Glockenspiel. Auf dem Gitter über dem Stadtbach tänzelt eine junge Frau mit Käseschnitte und Glühwein in der Hand und summt vor sich hin. Sonst ist es ruhig. Vom Fasnachtstrubel zeugen einzig die Konfetti in den Bodenritzen, umgestossene Blumentöpfe und zahlreiche Essensstände. Noch sind fast alle in Plastikplanen eingehüllt. Nur ein Asiat frittiert bereits Frühlingsrollen. Der Barkeeper am Bierstand nebenan liest Zeitung und wartet vergeblich auf Kundschaft.
Um zehn Uhr kommt Leben auf beim Brunnen an der Kreuzgasse. Die Gruppe «Ja Täll so geits» präsentiert bereits zum 24. Mal ihr Fasnachtstheater. Jedes Jahr führt sie die Geschichte um Wilhelm Tell mit einem neuen Motto auf. Heuer muss sich der Schweizer Nationalheld im Amerika der Fünfzigerjahre beweisen und gibt in schwarzen Lederklamotten den Alt-Rocker. Mit frechen Sprüchen und Gesangseinlagen sorgen die Schauspieler für muntere Stimmung in der Altstadt. «Auch politische Highlights bauen wir gerne mit ein», sagt Gründungsmitglied Hans Flury. Das Strassentheater ist Teil der sogenannten stillen Fasnacht, die alljährlich am Samstagmorgen stattfindet – als Alternativprogramm zum lauten Fasnachtsrummel. Den Zuschauern gefällts. Auf Treppen und Bänken haben sie sich niedergelassen. Kaum jemand ist verkleidet. Getrunken wird Kaffee statt Glühwein.
Etwas später beim Zähringerbrunnen. Ganz leise bringt die Gugge «Le pipistrelle» ihre Melodien zum Klingen. Mit Akkordeon, Flöten und Perkussionsinstrumenten spielen die acht Frauen klassische Musikstücke. Niemand schunkelt mit, alle hören gebannt zu. «Wir sind dankbar, dass kein Gegröle stört», meinen zwei Frauen. Denn diese Musik sei eine poetische Sache. Die beiden outen sich als ehemalige Mitglieder der «Pipistrelle» und werden etwas wehmütig. Zum ersten Mal sind sie nicht mehr dabei – aber vom Erfolg einer «stillen» Gugge noch immer überzeugt: «Wenn neben der lauten Musik auch leise gespielt wird, kann man viel mehr Leute ansprechen.»
Kurz vor halb drei ist es jedoch definitiv vorbei mit der Stille. Der Nydeggstalden gleicht einem bunten Märchenwald. Dort tummeln sich etwa Schneeköniginnen, Teufel, Schmetterlinge und Piraten. Es ist der Ausgangspunkt des grossen Fasnachtsumzuges. 58 Guggen und Gruppen ziehen bald via Gerechtigkeits-, Kram- und Marktgasse zum Bundesplatz. Bereits vor dem Start geben sie Kostproben ihres Repertoires zum Besten, schreien sich Anweisungen zu und rücken Kostüme zurecht. Zum letzten Mal durch Berns Gassen zieht heuer die Gugge «La Gugga Ratscha». 25 Jahre lang war sie dabei, nun tritt sie in den Ruhestand. «Jetzt wollen wir nochmals alle Highlights ganz intensiv erleben», sagt Beat Egli. Er meint damit etwa den Applaus des Publikums oder die Konzerte in den Altstadtkellern, bei denen Mitglieder verschiedener Guggen spontan miteinander musizieren.
Kurz vor halb fünf auf dem Bundesplatz. Nach und nach versammeln sich alle Guggen zum Monsterkonzert. Es herrscht Festivalstimmung: Die Musiker sitzen herum, plaudern, essen oder trinken – die Ruhe vor dem Sturm. Denn schon bald wird ihnen das Zeichen zum Aufstellen gegeben und dann gib es kein Halten mehr. Mit voller Kraft wird getrommelt, geblasen und posaunt. Und wer sich nicht am Rand des Gedränges befindet, der ist gezwungen mitzuschunkeln.
Später Abend in der Postgasse: In der Ferne ertönt eine Polizeisirene, und die diversen Passagen eröffnen den Blick auf johlende Fasnächtler in der Gerechtigkeitsgasse. Farbige Lampions wehen im Wind und sorgen für besinnliche Stimmung. An einem Tischchen sitzen zwei Guggenmitglieder in Adidas-Jacken und improvisieren mit ihren Instrumenten. Sonst ist es still. (Der Bund)
Erstellt: 22.02.2010, 08:26 Uhr
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