Expertenkritik an Mühleberg häuft sich

Heute will die Atomaufsicht Ensi über den Schutz der AKW vor Hochwasser informieren. Auch von wissenschaftlicher Seite gerät das Ensi zunehmend unter Druck.

Nicht nur das ENSI soll die momentanen Bauarbeiten am AKW Mühleberg abnehmen.

Nicht nur das ENSI soll die momentanen Bauarbeiten am AKW Mühleberg abnehmen. Bild: Adrian Moser

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Nach Fukushima hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) eine Serie von Sicherheitsüberprüfungen der Atomkraftwerke in der Schweiz angeordnet. Heute will das Ensi über die Ergebnisse beim Schutz der AKW vor Extremhochwassern informieren. Kurz zuvor setzte die bernische Kantonsregierung nun das Ensi unter Druck, wie sie gestern mitteilte: In einem Schreiben forderte sie das Ensi auf, «die laufenden und geplanten Arbeiten zur Erhöhung der Sicherheit am AKW Mühleberg zusätzlich auch durch unabhängige Experten zu überprüfen und abnehmen zu lassen». Das Ensi solle dies unverzüglich für sämtliche Nachrüstungen anordnen. Eventuell seien die nötigen Experten auch im Ausland zu suchen.

«Dieses Vorgehen entspricht dem Vieraugenprinzip, wie es bei vielen Bau- und Ingenieurarbeiten üblich ist», begründete die mehrheitlich rot-grüne Regierung ihre Forderung. «Bei etwas so Wichtigem wie der Nachrüstung eines AKW muss es ebenfalls eine unabhängige Fachmeinung geben», sagte Energiedirektorin Barbara Egger-Jenzer (SP) auf Anfrage.

Das Ensi wies die Forderung der bernischen Regierung jedoch postwendend zurück. Die BKW habe die Verantwortung für den sicheren Betrieb von Mühleberg, schrieb Ensi-Direktor Hans Wanner in seiner Antwort. Und das Ensi wache als unabhängige Aufsichtsbehörde darüber, dass die BKW ihre Verantwortung wahrnehme. Wanner: «Damit ist das Vieraugenprinzip erfüllt.» Falls der Kanton Bern als Mehrheitsaktionär der BKW Zweifel an der AKW-Sicherheit habe, sei es seine Pflicht, selber Expertisen in Auftrag zu geben. Es sei zudem für das Ensi «selbstverständliche Praxis, regelmässig die Meinung von in- und ausländischen Experten einzuholen».

Expertenkritik häuft sich

Derweil häuft sich die Expertenkritik an der eigentlichen Grundlage des Hochwassernachweises für Mühleberg: der Art und Weise, wie die BKW mit Einwilligung des Ensi das Extremhochwasser berechnet hat, welches das Werk ohne nuklearen Störfall überstehen müsste.

Für den Standort Mühleberg hat die Betreiberin BKW «ein mutmasslich grösstes Hochwasser» berechnet. Eine massgebende Grösse dabei ist der «mutmasslich höchste Niederschlag». Für das Einzugsgebiet der Aare nimmt die BKW «ein zweitägiges (48-stündiges) Niederschlagsereignis mit einem ganzflächigen Blockniederschlag von 250 Millimetern» an. Die BKW stützt sich dabei auf die Studie «Flächen-Mengen-Dauer-Beziehungen von Starkniederschlägen und mögliche Niederschlagsgrenzwerte in der Schweiz» von 1998.

Auf Anfrage des «Bund» erklärte Dietmar Grebner, der leitende Autor der Niederschlagsstudie, die Anwendung des Grenzwertes als korrekt. Er kritisierte allerdings die Beschränkung auf 48 Stunden. «Es ist unbestritten und zu berücksichtigen, dass es Starkniederschlagsphasen über 48 Stunden Dauer geben kann», sagte der inzwischen pensionierte Lehrbeauftragte der ETH Zürich, der als Kapazität für sein Fachgebiet gilt. «Unsere Studie ermittelt, wie hoch Niederschlagsmengen während einer gewissen Dauer in einem gewissen Gebiet der Schweiz ausfallen würden», erklärte Grebner.

Die Studie wurde mit Niederschlagsereignissen von 3, 24 und 48 Stunden berechnet, weil dafür eine solide Datenbasis vorhanden war. «Die Beschränkung auf bis zu 48 Stunden war datentechnisch erforderlich», sagte Grebner. «Sie ist nicht ein Untersuchungsergebnis über die Niederschlagsdauer. Für die Anforderungen der BKW müssten noch Grenzwerte für längere Dauern erarbeitet werden.» Grebner drückte es bildlich aus: «Unsere Studie ist ein solider Pfeiler. Wenn man eine Brücke bauen will, benötigt man jedoch weitere Pfeiler.» BKW-Sprecher Antonio Sommavilla wollte sich dazu nicht direkt äussern. «Wir haben gut und konservativ gerechnet», sagte er lediglich.

Grebner ist schon der zweite Experte, der die Interpretation seiner Forschung durch die BKW kritisiert. Die BKW hatte sich auch auf die Extremhochwasserstudie des Kantons gestützt. Daran hatte das geowissenschaftliche Büro Geo7 mitgearbeitet. Auch diese Studie lasse sich nicht eins zu eins auf das Extremhochwasser übertragen, das Mühleberg notfalls überstehen müsste, kritisierte der Geschäftsleiter von Geo7, Peter Mani.

Dialog mit Kritiker unverbindlich

Mehrfach hatte zudem der Klimahistoriker Christian Pfister die Annahme eines maximal 48-stündigen Dauerregens als zu tief kritisiert – dies gestützt auf historische Rekonstruktionen von Überschwemmungskatastrophen seit dem Mittelalter. Ensi und BKW haben erklärt, sie wollten die Studie von Pfister prüfen. Mit der BKW fand auch eine Sitzung statt. Sie sei konstruktiv und freundlich verlaufen, sagte Pfister auf Anfrage. Allerdings habe man keinen neuen Termin vereinbart. Pfister: «Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie an einem Austausch im Sinne einer Problemlösung interessiert sind.» Als «fehl am Platz» bezeichnete Sommavilla diese Kritik: «Wir sind am Dialog interessiert.»

Überrascht hat Pfister, dass Hermann Ineichen von der BKW kurz nach der Sitzung erklärte, Mühleberg würde auch ein Hochwasser nach 72 Stunden Dauerniederschlag überstehen. Pfister: «Meines Wissens hat die BKW dies nicht berechnet. Die Folgen von drei und mehr Tagen schwerem Dauerregen für das Werk wären eben noch zu klären.» (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2011, 11:41 Uhr

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