«Es war alles so extrem einfach»

Die Unterschriften für die kantonale Initiative «Mühleberg vom Netz» sind bis Ende Woche gesammelt.

Walter Kummer und Franziska Herren mussten erst realisieren, dass das Wort Initiative auf dem Hut stehen müsse.

Walter Kummer und Franziska Herren mussten erst realisieren, dass das Wort Initiative auf dem Hut stehen müsse. Bild: Manu Friederich

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«Initiative Mühleberg vom Netz» steht auf den Kartons, die an den Filzhüten befestigt sind. Die Leute, die sich für dieses Anliegen interessieren, gehen auf die beiden Hutträger zu und setzen ihre Unterschrift auf den Papierbogen, ohne dass dabei viel gesprochen wird. «Ich spreche nicht gerne Leute an», sagt Franziska Herren. Auch liege es ihr nicht, jemanden zu überzeugen. «Wir wollten gar niemanden überzeugen», sagt sie. Franziska Herren und Walter Kummer bilden die Spitze des Komitees für die kantonale Initiative. Fünf weitere parteilose Personen halfen mit, das Initiativkomitee zu gründen, seien aber beruflich stark engagiert.

«Bei schlechtem Wetter sammeln wir sonst nicht», sagt Herren. Eigentlich müssten sie auch gar nicht mehr. 14'646 Unterschriften hatten sie bis vorgestern zusammen. Benötigt werden 15 000 Unterschriften, was wohl bis Ende Woche erreicht sein werde. Zeit hätten sie zwar noch bis Ende März, aber Ende Januar steht bereits der Termin bei der Staatskanzlei, um die beglaubigten Unterschriften zu übergeben.

6000 selber gesammelt

Die sieben Komiteemitglieder seien lediglich dreimal zusammengekommen, sagt sie. Dann legten Herren und Kummer los, die sich von der Ortsplanungsrevision in Wiedlisbach kannten. Zuerst schalteten die beiden eine Internetseite auf, auf der der Unterschriftenbogen heruntergeladen und ausgedruckt werden kann. «Wir hatten die Vision, alles übers Internet zu machen», sagt sie. Dann lachen beide herzhaft. Nach zwei Wochen stellten sie fest, dass es so einfach nicht funktionieren würde. Also entschieden sie, auf die Strasse zu gehen. «Wenn wir auf die Strasse gehen, nehmen wir den Hut», habe er gesagt, so Kummer. Das war Ende September. Seither sammelten die beiden durchschnittlich an drei Tagen die Woche Unterschriften. Zusammen mit den Unterschriftenbögen, die sie per Post erhalten haben, hätten sie 6000 Unterschriften gesammelt.

«Glacemaa» Harder engagiert

Zudem engagierten sie Lukas Harder, der in Bern auch als «Glacemaa» oder Besetzer der ehemaligen Kulturoase Paradisli im Schönbergpark bekannt ist. Harder ist Präsident des Vereins zur Förderung von Bürgerinitiativen und kann in den Städten Bern, Basel und Zürich einen Pool von 500 Leuten zum Unterschriftensammeln mobilisieren.

Was auf dem Unterschriftenbogen steht, hat auch Harder bereits formuliert: Weil der Kanton Bern Mehrheitsaktionär der BKW ist, sind die Bewohner des Kantons Mitbesitzer des bernischen Energieversorgers, welcher das Atomkraftwerk Mühleberg betreibt. Deshalb solle auch jeder Berner selber reflektieren, sagt Herren. Und schliesslich darüber entscheiden, ob der Kanton als Mehrheitsaktionär der BKW für die sofortige Ausserbetriebnahme des AKW Mühleberg sorgen soll – wie es die Initiative verlangt. «Das ist weltweit eine einmalige Gelegenheit», sagt sie. Auf diesen Zug aufgesprungen sind die SP, die im Mai neu gegründete Partei Integrale Politik (IP), die PdA und Greenpeace. «Nicht so begeistert» seien die Grünen, sagt Herren. Die anderen genannten Parteien und Organisationen helfen beim Unterschriftensammeln. Die SP etwa habe in der Stadt Bern 10'000 Briefe verschickt und 600 Unterschriften zurückerhalten. Persönlich habe man das bewusst nicht so gemacht, sagt Kummer. Lieber habe man das Geld ins Team Harder investiert.

Kummer finanziert privat

Bis 60'000 Franken koste die Unterschriftensammlung, sagt Kummer. Er bezahlt das aus dem eigenen Sack. Der ehemalige Unternehmer aus der Blechverarbeitung scheint über das nötige Geld und die Zeit zu verfügen. «Ich kann es mir leisten, das zu tun, was mir gefällt», sagt er. Dank seinen unternehmerischen Tätigkeiten verfügt er auch über rechtliche Kenntnisse. Denn die Initiative ist knifflig, und aus heutiger Sicht ist nicht abschliessend zu beurteilen, ob das Begehren so umgesetzt werden könnte.

Bereits im Jahr 2000 stimmte der Kanton Bern über die Stilllegung des AKW Mühleberg ab, damals zielte das Vorgehen auf eine Statutenänderung der BKW ab. Der Regierungsrat zweifelte daran, ob die Initiative, die dann aber abgelehnt wurde, rechtlich durchgesetzt werden könnte. Die aktuelle Initiative will das AKW vom Netz nehmen, indem der Mehrheitsaktionär Kanton bei einer Generalversammlung einen entsprechenden Antrag stellen würde. Die erste Hürde bezüglich Rechtstaatlichkeit steht im Grossen Rat bevor, der die Initiativen darauf zu prüfen hat.

Herren hingegen ist selbstständig im Gesundheitsbereich tätig, wie sie sagt. Einen Geschäftsbereich habe sie nun aufgegeben, und sie scheint sich nicht nur temporär auf eine neue Tätigkeit eingelassen zu haben. «Das ist mein neuer Beruf», sagt sie. Bezahlt wird sie im Moment ebenfalls von ihrem Mitstreiter Kummer. Sie sei überzeugt, dass Gesundheit nur dann möglich sei, wenn auch die Erde noch intakt sei. Deshalb wolle sie dort anfangen. «Man muss die Leute dafür sensibilisieren, dass wir von der Erde versorgt werden», sagt sie.

Kein Abstimmungskampf

«Wir sind so gelassen, weil wir mitten im Strudel sind», sagt Herren. In den ersten zwei Wochen seien sie mit Informationen überschüttet worden, sagt Kummer. Und genau die Naivität, mit der sie das Ganze angegangen seien, habe ihnen viel spontane Unterstützung eingebracht, sind die beiden überzeugt. Es habe nur wenige negative Reaktionen gegeben, und «es war alles so extrem einfach». Selbst als sie sich einmal in einer Gartenbeiz eine Pause gegönnt hätten und dabei den Hut vergassen abzulegen, seien die Leute zu ihnen gerannt, sagt Kummer.

Ebenso gelassen schauen sie in die Zukunft: «Einen Abstimmungskampf wird es nicht geben», sagt sie. Sie wollten lediglich informieren. Und die Diskussion über AKW sei nach Fukushima ja eigentlich auch gelaufen. (Der Bund)

Erstellt: 08.12.2011, 06:49 Uhr

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