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Bern

Es rumort im Progr

Seit sechs Monaten gehört der Progr den Künstlern. Doch: Die Neuorganisation ist ins Stocken geraten, die Euphorie verflogen, und die Nebengeräusche nehmen bedrohlich zu. Ein Aufruf zur Debatte.


Der Progr ist für den Kulturstandort Bern «too big to fail» – gerade deshalb muss eine öffentliche Diskussion darüber geführt werden, wie der Progr der Zukunft aussehen soll. (Valerie Chételat)

Der Progr ist für den Kulturstandort Bern «too big to fail» – gerade deshalb muss eine öffentliche Diskussion darüber geführt werden, wie der Progr der Zukunft aussehen soll. (Valerie Chételat)

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Die vier grossen Baustellen

Der Progr befindet sich im Umbau. Dies sind nach Einschätzung des «Bund» die vier grossen Baustellen:

- Das Kuratorium: Im neuen Progr wird aus Kostengründen auf ein Kuratorium verzichtet. Ob sich die kreative Energie im ehemaligen Progymnasium ohne ordnende Kraft sinnstiftend entladen kann, wird von vielen Kulturschaffenden infrage gestellt. Auch der Ruf nach einer Person, die den Progr gegen aussen hin repräsentiert, wird immer lauter.

- Die Kontroverse: Wie der Progr der Zukunft aussehen soll, ist von grossem öffentlichem Interesse. Und ein entscheidender Faktor in der Weiterentwicklung der Kulturstadt Bern. Die Progr-Aktivisten müssen sich dieser Debatte stellen.

- Die Kommunikation: Kein gemeinsames Programm, keine gemeinsame Agenda, kein gemeinsamer Newsletter: Der Progr scheint in seine Einzelteile zu zerfallen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Gerüchte und Halbwahrheiten, die derzeit unwidersprochen kursieren. Die Progr-Aktivisten müssen möglichst bald Transparenz schaffen und dem Getuschel entgegentreten, sonst ist der Vertrauensvorschuss der Stimmbürger sehr bald aufgezehrt.

- Das Kapital: Der finanzielle Druck, der auf der Stiftung Progr lastet, ist gross. Es gibt ferner Hinweise darauf, dass sich der Finanzierungsplan nicht so einfach umsetzen lässt wie angenommen. Die Stiftung wird die Suche nach weiteren Mitteln intensivieren müssen. (len)

Es war nur ein weiteres Newsletter-Mail im Postfach. Doch dieses hier, verschickt letzte Woche aus dem Progr, erzählte mehr über die Schwierigkeiten im jüngsten Berner Kulturhaus als alle Gerüchte, die es derzeit umnebeln. Den Empfängern des Newsletters wurde recht schmallippig mitgeteilt, dass sie bis auf Weiteres keinen Überblick über die Veranstaltungen im Progr mehr erhalten. Stattdessen wird im einstigen Progr-Infomail neu «ausschliesslich über Aktivitäten in der Ausstellungszone» informiert. Konzerte, Partys, Theater, Filmvorführungen, Festivals – Fehlanzeige.

Gerade mal neun Monate ist es her, dass der Berner Öffentlichkeit beigebracht wurde, der Progr sei zu einem international beachteten Modell für ein zeitgenössisches Kulturzentrum geworden. Die erschwinglichen Mieten hätten eine neue kulturelle Vielfalt erblühen lassen. Das gemeinsame Dach garantiere einen befruchtenden Austausch zwischen den verschiedensten Kunstformen und -sparten. Progr bleibt Progr – und alles ist bestens finanziert, so lautete das Versprechen der Künstlerinitiative. Damit bodigte sie das Alternativprojekt, das Gesundheitszentrum des Zürcher Generalunternehmens Allreal. Jetzt, sechs Monate nach der offiziellen Hausübernahme durch die Stiftung Progr, ist zumindest für die Öffentlichkeit vieles anders geworden. Anders heisst vor allem: unübersichtlicher.

Schrebergarten statt Biotop

Das gedruckte Progr-Monatsprogramm, das alle Veranstaltungen im Haus aufführt, erscheint seit Januar nicht mehr. Die Termine sucht man seither auch auf der Progr-Homepage vergebens. Wo früher eine Online-Agenda einen Überblick verschaffte, wird der Besucher nun weitergeleitet auf die Homepages der im Progr wirkenden Veranstalter. Und nun sind die über 100 Künstler und Kulturvermittler im Progr also nicht einmal mehr in der Lage, einen gemeinsamen Online-Newsletter zu verschicken.

Es scheint, als sei das viel beschworene Miteinander der Künstler im Progr einem banalen Nebeneinander gewichen. Statt eines blühenden kulturellen Biotops im Herzen der Berner Altstadt droht nun eine Schrebergartenanlage: Jeder Veranstalter, jeder Künstler schaut nur noch nach seiner Parzelle, nach seinem Pflänzchen. Der Besucher sieht zwar jede Menge Gärtner, sucht aber vergeblich den Koch, der die Ernte sinnstiftend zusammenbringt.

Natürlich, der Progr befindet sich im Umbau, da gibt es Lärm und Staub. Die Stadt Bern hat die finanziellen und personellen Ressourcen, die den Betrieb im Provisorium ermöglichten, Ende Jahr abgezogen. Innert weniger Monate mussten Künstlerinitiative, Mieter und Veranstalter dem Haus neue Strukturen verleihen. Diese nehmen allmählich Gestalt an. Das gewählte Modell basiert auf einer strikten Trennung zwischen Gebäude und Innenleben.

Die Hülle und das Innenleben

Für die Hülle ist die Stiftung Progr verantwortlich. Der Stiftungsrat unter Präsident Peter Aerschmann stellt den Unterhalt, die Verwaltung und die Renovation des Gebäudes sicher. Dafür stehen insgesamt 12 Millionen Franken aus Spenden, Darlehen und Bankkrediten zur Verfügung. Vor Kurzem wurde eine Administrationskraft mit einem 50-Prozent-Pensum für Vermietungen und Koordination eingestellt.

Das Innenleben wird bestimmt von mehreren Gruppen. Einerseits vom Mieterverein, der die Mieterschaft gegenüber der Stiftung vertritt und derzeit etwa über die Bedingungen für Fremdvermietungen von Veranstaltungsräumen wie der Aula verhandelt. Andererseits sind da diverse kleinere Teams, die sich vorgenommen haben, den Progr mitzugestalten. Es gibt eine Leitbildgruppe und eine Programmgruppe. Ferner eine Hof-Gruppe, die Kultur im Innenhof anbieten will. Ausserdem eine Gang-Gruppe, die Kultur in den Fluren des Progr ermöglichen soll, und so weiter.

Nur eines gibt es nicht: eine Kuratorin, eine Integrationsfigur oder eben – einen Koch. Und noch etwas fehlt: eine öffentliche Auseinandersetzung über den Progr der Zukunft.

«Das sind die zwei Hauptprobleme», sagt Christian Pauli, Präsident des Dachverbands der Berner Kulturveranstalter (Bekult) und Ko-Leiter des Kulturzentrums Dampfzentrale. Vor zehn Tagen hat er mit einem Eintrag im «Bund»-Blog «KulturStattBern» einen Versuch unternommen, eine Progr-Diskussion anzustossen. Und geäussert, dass der Progr eine Leitung und eine Figur benötige, die auch für künstlerische Inhalte und nicht nur für Administration hinsteht.

Aber: Ist es denn überhaupt zulässig, solche Ansprüche an ein selbständiges, privat finanziertes Künstlerhaus zu stellen? Ja, aus drei Gründen. Erstens hat der Progr die Topografie der Kulturstadt Bern grundlegend und nachhaltig verändert. Ein öffentliches Interesse an Mitsprache ist schon dadurch gegeben. Zweitens haben die Berner Stimmbürger den gerechten Anspruch, zu erfahren, ob das Versprechen «Progr bleibt Progr» eingelöst wird. Und drittens ist der Kultur-Koloss Progr ganz einfach «too big to fail». Dass solche Akteure einer besonderen Kontrolle durch Staat, Medien und Öffentlichkeit bedürfen, ist inzwischen unbestritten.

Zurück zu Christian Pauli. Er habe sehr viele Rückmeldungen auf seinen Blog-Eintrag erhalten, erzählt er, auch aus dem Umfeld des Progr. «Die meisten waren positiv.» Nur der Stiftungsrat habe bislang geschwiegen.

In der Gerüchteküche brodelt es

Überhaupt, dieses ohrenbetäubende Schweigen. Fast täglich schiessen im Progr neue, immer abenteuerlichere Gerüchte ins Kraut. Dieser Veranstalter wolle den Bettel hinschmeissen. Jener Stiftungsrat bereite seinen Rücktritt vor. Die Turnhalle sei eine Goldgrube. Die Turnhalle sei in ihrer Existenz bedroht wegen der neuen Mietzinse. Der Finanzierungsplan für das ganze Haus stehe auf der Kippe. Obwohl dieses Knäuel aus Halbwahrheiten dem Progr die Luft abzudrücken droht, hat sich bis jetzt niemand berufen gefühlt, den Gerüchten entgegenzutreten. Vom «Bund» auf die Probleme angesprochen, verweisen Künstler und Veranstalter auf laufende Prozesse und schweigen. Die Stiftung Progr liess die auf Mitte Januar in Aussicht gestellte erste Medienorientierung platzen, ohne Verschiebedatum. Auf Druck des «Bund» soll nun am Freitag ein «Mediengespräch» stattfinden.

Unterlassen wurde in den letzten Monaten nicht nur die Information der Öffentlichkeit. Im «Bund»-Blog meldete sich eine Darlehensgeberin zu Wort. Enttäuschend sei, schreibt sie, dass sie von der Stiftung keine Informationen erhalte. So könne sie auf Progr-kritische Kommentare in ihrem Umfeld nicht eingehen. «Die mangelnde Kommunikation», schreibt die Darlehensgeberin, «fördert nicht gerade das Vertrauen.» Die Kommunikation, das ist ganz offensichtlich die dritte Grossbaustelle im Progr.

Der Druck ist gross

Die vierte ist – wenig überraschend – das Kapital. Der finanzielle Druck, der auf der Stiftung lastet, ist gross. Wohl verfügt sie über ein Vermögen von über 12 Millionen Franken, dieses reicht aber nicht aus, um die Sanierung und den Unterhalt des Gebäudes zu finanzieren. Die weiteren erforderlichen Mittel müssen aus dem Betrieb des Progr generiert werden – durch Anhebung der Mieten für Ateliers, Veranstaltungsräume und die Turnhalle, aber auch für eingemietete Festivals wie Auawirleben oder Shnit.

Dies gestaltet sich offenbar schwieriger als angenommen. Die Verhandlungen mit der Turnhalle, dem umsatzstärksten Akteur im Progr, konnten noch nicht abgeschlossen werden. Selbiges gilt auch für Bee-Flat, den aktivsten Veranstalter im Haus. Warum diese Verzögerungen? Die Betroffenen halten sich bedeckt. Dafür kann es eigentlich nur einen Grund geben: Die Stiftung braucht mehr Geld, als Turnhalle und Bee-Flat aufzubringen bereit sind. Nun liegt es an der Stiftung: Pokert sie hoch, droht sie ihre zugkräftigsten Spieler Turnhalle und Bee-Flat zu verlieren – ein Eklat. Geht die Stiftung auf die Anliegen von Bee-Flat und Turnhalle ein, könnte dies den Finanzplan gefährden.

Kommt hinzu, dass im Businessplan die Schaffung einer Kuratorenstelle nicht vorgesehen ist. Sollte sich dies als unumgänglich erweisen, müssten weitere Mittel herbeigeschafft werden.

Die Stadt will nur Mieterin sein

Veronica Schaller, Leiterin der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern, relativiert. «Im Moment gibt es im Progr viele Diskussionen. Aber wenn es ganz schräg laufen würde, hätten wir das bestimmt schon vernommen.» Bislang sei die Stadt Bern von keinem Mieter angerufen worden, eine Vermittlerrolle zu übernehmen. «Wir drängen uns da aber auch nicht auf. Wir stehen im Hintergrund.»

Für die Stadt Bern ist eine finanzielle Unterstützung des Progr kein Thema. «Wir treten im Progr nur als Mieterin auf», sagt Veronica Schaller. Seit Januar verfügt die Abteilung Kulturelles über drei Ausstellungsräume im Erdgeschoss, drei Ateliers und eine Wohnung, für das «Artist in Residence»-Angebot. Alle diese Aktivitäten wurden vom Berner Stadtrat im letzten Herbst zur Kenntnis genommen.

Wohl habe die Stadt ein grosses Interesse daran, dass Veranstalter wie Bee-Flat, Auawirleben, Shnit und so weiter im Progr unterkommen könnten, sagt Schaller. Diese Fragen müssten aber Progr-intern gelöst werden. «Es kann jedenfalls nicht sein, dass die Stadt einzelnen Organisationen oder Veranstaltern Mietzuschüsse gewährt. Eine verdeckte Quersubventionierung des Progr kommt nicht infrage.»

Grollen und Rumoren

Nochmals: Im Progr sind grosse Umwälzungen im Gang – vom staatlich gehegten Künstlerhaus zur privaten Kulturfabrik. Dies mag einige der derzeitigen Schwierigkeiten erklären. Gut möglich auch, dass der Progr schon in einem Jahr als gefestigtes Zentrum dasteht, mit funktionierenden Strukturen und einer positiven Aussenwirkung. Die Energie ist vorhanden, das Potenzial ohnehin. Allein, es fehlt bislang die ordnende Kraft, es fehlt die Transparenz, und schliesslich fehlt auch die Bereitschaft zur Diskussion.

Die Künstler und Kulturvermittler sollten diese Probleme zügig anpacken. Nur so kann es dem Progr gelingen, die durch das ständige Grollen und Rumoren am Waisenhausplatz irritierte Öffentlichkeit weiter im Boot zu behalten. (Der Bund)

Erstellt: 01.02.2010, 08:27 Uhr

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5 Kommentare

Martin Locher

01.02.2010, 18:06 Uhr
Melden

Die gähnende Stille überrascht, den ganzen Tag bis jetzt nur 4 Meldungen. Können oder wollen oder dürfen beteiligte Parteien nichts sagen? Werden wir ausführlich über das Mediengespräch informiert werden oder wird es 'off the record' sein? Momentan bin ich froh, dass ich kein Geld gespendet habe, es scheint, dass im erweiterten bernischen Progr-Kunstkuchen gemauschelt wird wie im alten Rom. Antworten


Boris Nork

01.02.2010, 11:54 Uhr
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Meine Sicht auf den Progr ist auch etwas kritisch, ich muss aber anfügen, dass mir an diesem Ort ein schlecht funktionierendes Kulturhaus immer noch lieber ist als eine perfekt geölte Allreal-Maschinerie. Die SVP kann ja ihren periodischen Reithallenabschaffungsinitiativen noch den Progr als Bonus hinzufügen. Antworten


Max Weber

01.02.2010, 11:43 Uhr
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@N. Meier: Ich glaube kaum das Allread noch Interesse hat. Die werden jetzt zuerst mal von der Stadt das investierte Geld zurückfordern (klagen) und dieses an einem anderen Ort investieren. Falls der Progr scheitert, beginnt das ganze Spiel in 3 Jahren von vorne. Abwarten und Tee trinken ist angesagt. Antworten


andrea müller

01.02.2010, 11:35 Uhr
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Der Proger war von Anfang eine Übergangslösung. Gut wenn leerstehende Gebäude für Kultur genutzt werden, allerdings war auch klar, dass die Künstler nicht freiwillig gehen werden. Die Stadt hat eine möglichst gute Lösung gesucht, die Künstler wollten bleiben, Sie wollten ds Füfi und ds Weggli. Und wieder mal wurde im Namen der "Kunst" viel Geld den Bach ab geschickt, damit dann alles scheitert.. Antworten


Nicole Meier

01.02.2010, 10:58 Uhr
Melden

Selbständig werden ist nicht schwer, aber es sein und bleiben schon. Wo sind jetzt all die klugen Köpfe die vor der Abstimmung da waren? Es kann und darf aber nicht sein das die Stadt hier Unterstützung gibt, in welcher Art auch immer. Wenn das Vorhaben gescheitert ist, dann ist es so, somit käme wieder das Gesundheitszentrum ins Spiel. Antworten



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