«Es gibt bereits Patientenwartelisten»
Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 07.11.2011
Städter gehen häufiger zum Arzt
«Eine Überversorgung mit Hausärzten ist bei uns kein Thema», sagt Kantonsarzt Thomas Schochat. Angesichts der regionalen Verteilung könnte man aber durchaus auf den Gedanken kommen, dass es vor allem in Bern mit 16,7 Grundversogern pro 10 000 Einwohner zu viele Hausärzte gibt. Laut Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) hat der Kanton hier aber keinerlei Steuerungsmöglichkeiten.
Gibt es in einem Gebiet viele Ärzte, gehen die Leute auch mehr zum Doktor: Auf diese einfache Formel lässt sich eine Studie der Universität Bern bringen, die letzte Woche veröffentlicht worden ist. «Die hohe Dichte an medizinischer Versorgung in den Städten führt manchmal zu einer unnötigen Inanspruchnahme», schreiben die Verfasser. Stadtbewohner generieren im Extremfall bis zu vier Mal höhere Behandlungskosten als die ländliche Bevölkerung. Im Durschnitt gehen Städter 1,6-mal häufiger zum Arzt als Landbewohner.
Ins Gewicht fallen aber vor allem die Behandlungen beim Spezialisten, die in den Zentren in grosser Zahl zu finden sind. «Es ist anzunehmen, dass ein leichter Zugang zu einer unangemessenen Inanspruchnahme führt», so die Autoren der Studie. Professor André Busato vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern empfiehlt denn auch, die Überweisungen von Haus- zu Spezialärzten «etwas kritischer zu beurteilen» – vor allem wohl in den Städten. (
Anzahl Grundversorger pro 10'000 Einwohner: Ärztedichte der Grundversorger (Allgemeine Medizin, Internisten, Praktischer Arzt, Kinder- und Jugendmedizin) im ambulanten Bereich in den Amtsbezirken im Jahr 2009. (Bild: Bund-Grafik kmh/Quelle GEF)
In der Region Bern gibt es fast dreimal so viele Hausärzte wie in Schwarzenburg oder Büren. Während im Zentrum fast 17 Grundversorger auf 10'000 Einwohner kommen, sind es in den Randgebieten teilweise nur 6 (siehe Karte). «Eigentlich haben wir genügend Ärzte, aber die Verteilung stimmt nicht», sagt Kantonsarzt Thomas Schochat. Die Agglomerationen seien grundsätzlich gut versorgt, Spezialärzte gebe es gar zu viele. In den ländlichen Gebieten drohe hingegen ein Ärztemangel. «Es gibt bereits Patientenwartelisten», sagt Schochat. Patienten müssten sich gedulden, um neu von einem Hausarzt aufgenommen zu werden. Die Folge: Wenn eine Konsultation eilt, weisen sie sich selber ins Spital ein und generieren hohe Kosten. «In 90 Prozent dieser Fälle könnte ein Hausarzt das Problem lösen», sagt der Schochat.
Beruf mit Imageproblem
Noch ist das Problem nur in einzelnen Regionen des Kantons akut, das hohe Alter vieler Hausärzte und fehlender Nachwuchs lassen jedoch eine Verschärfung befürchten. Im Amt Büren liegt das Durchschnittsalter der Hausärzte beispielsweise bei 61, in Courtelary bei 60 Jahren. In nächster Zeit werden somit sehr viele Allgemeinpraktiker pensioniert, viele haben Mühe, ihre Nachfolge zu regeln. Die Gründe dafür sind bekannt: lange Arbeitstage, vergleichsweise bescheidenes Einkommen, viele Notfalldienste, schwierige Vereinbarkeit von Job und Familie. Der Beruf hat aber auch ein Imageproblem: «Ein Chirurg gilt unter Ärzten mehr als ein Hausarzt», sagt Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP). Kantonsarzt Schochat weiss jedoch aus Befragungen, dass praktizierende Hausärzte mit ihrem Beruf zufrieden sind: «Mit grosser Eigenverantwortung kann man als Hausarzt viel bewirken.» Leider werde aber zu viel über die Schattenseiten gesprochen.
Mit verschiedenen Massnahmen will der Kanton nun Gegensteuer geben. «Käme die Versorgungssicherheit in Gefahr, müsste der Kanton die Steuerung übernehmen», sagt Perrenoud. Dies wolle man vermeiden. Anders als das Spitalwesen solle der ambulante Bereich privatwirtschaftlich organisiert bleiben. Im Rahmen seiner Möglichkeit sei er aber bereit, Einfluss zu nehmen, so Perrenoud. Den Auftrag dafür hatte ihm der Grosse Rat bereits vor sechs Jahren erteilt. Jetzt legt der Regierungsrat den entsprechenden Bericht vor. Noch sind viele Massnahmen recht vage. Einige Pflöcke hat die Gesundheitsdirektion aber schon eingeschlagen:
•Innovative Kooperationsmodelle wie Gemeinschaftspraxen oder Ärztenetzwerke sollen in den vom Hausarztmangel bedrohten Regionen gefördert werden. Dafür will die Regierung auch Geld in die Hand nehmen und eine zeitlich beschränkte Anschub- oder Teilfinanzierung prüfen.
•Auch für den Notfalldienst soll die finanzielle Unterstützung innovativer Projekte geprüft werden. Ausserdem will die Regierung die Medphone AG weiter unterstützen. Der telefonische Ärzte-Notfalldienst entlastet die Notfalldienste vor Ort.
•Weitergeführt und aufgestockt werden soll auch das Projekt mit Praxisassistenzstellen. Analog zur Assistenz in Spitälern ermöglicht es jungen Studienabgängern, als Assistenzarzt Erfahrungen in einer Hausarztpraxis zu sammeln. Perrenoud will dem Grossen Rat dafür einen Kredit von rund einer Million beantragen.
•Der Kanton will aber auch Gemeinden, Private und Tourismusorganisationen einbeziehen. «Eine gute Gesundheitsversorgung ist für die Gemeinden ein Standortvorteil», sagt Perrenoud. Denkbar wäre, dass Gemeinden Praxisräume oder günstige Betriebskredite zur Verfügung stellten oder Steuererleichterungen gewährten. «Bereits in früheren Generationen ist die Ansiedlung von Hausärzten gezielt gefördert worden», heisst es im Bericht.
•Schliesslich soll «mittelfristig» auch über eine Lockerung oder Aufhebung des Numerus clausus für das Medizinstudium diskutiert werden. Perrenoud sagt dazu jedoch: «Wenn wir mehr Ärzte ausbilden, heisst das nicht, dass wir am Schluss mehr Hausärzte haben.»
Der Grosse Rat behandelt den Bericht über die bernische Hausarztmedizin im Januar nächsten Jahres. (Der Bund)
Erstellt: 07.11.2011, 06:47 Uhr
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