Elf Schweizer Herzen schlugen am Chuenisbärgli für Norwegen
Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 11.01.2010
Stichworte
«Norwegen? Viel Vergnügen. Der Svindal fährt heute ja nicht.» Samstag, 7 Uhr früh auf dem Flugplatz Reichenbach: Es ist noch dunkel, als sich eine nicht enden wollende Fahrzeugkolonne auf den Grossparkplatz für das 54. Adelbodner Weltcuprennen drängt. Trotzdem hat ein Angereister die blau-rot-weisse Fahne auf dem Rücken von Nadine Meier entdeckt. Sie gehört zu den Ersten der elf Mitglieder des offiziellen Aksel-Lund-Svindal-Fanclubs, die zum Riesenslalom am Chuenisbärgli angereist sind. Die Schweizer wissen seit dem Vorabend, dass ihr Aksel heute nicht antreten wird. «Es ist definitiv», sagt Weiss. Der 27-jährige Norweger hat sich eine Grippe eingefangen und wollte sich nicht zum Start zwingen. Doch der Fanklub ist trotzdem angereist, schliesslich gibt es auch noch andere Fahrer des norwegischen Teams zu unterstützen. Was zähle, sei die gute Stimmung am Skifest, sagt Esther Häusermann. Egal, wer zum Schluss gewinne.
Hauptsache nordisch
Doch einen Sieger wird es in Adelboden erst am Sonntag geben. Der Riesenslalom ist zum Geduldspiel geworden. Der Start verzögert sich, weil eine Nebelbank die obere Pistenhälfte einhüllt. Die Rennleitung korrigiert die Startzeit mehrmals. Schliesslich gibt der Sprecher im Zielraum doch bekannt, dass das Rennen eröffnet ist – mit einer Stunde Verspätung und auf einer verkürzten Strecke.
Für den Schweizer Norwegen-Fanklub gibt es neben Svindal andere Lieblinge: Kjetil Jansrud und der erst 22-jährige Leif Kristian Haugen etwa. Oder der Schwede Markus Larsson, der am Samstag seinen 31. Geburtstag feiert. Dieses Detail ist nicht nur dem Ansager bekannt. Die Geburtstage ihrer Lieblingsfahrer kennen die Fans auswendig. «Eigentlich mögen sich Schweden und Norweger überhaupt nicht», sagt Astrid Weiss. Doch die Mitglieder des Svindal-Fanclubs sehen das nicht so eng. Alle haben ein Faible für den hohen Norden. Nationalitäten sind da nicht ausschlaggebend. «Eigentlich bin ich sehr schwedenlastig», sagt Häusermann. Die Vorliebe für das Land kennt sie seit Kindheit. Aber erst als Erwachsene hat sie den Norden bereist. Die Begeisterung ist seither nur noch angewachsen. «Ich träume von einem eigenen Bed & Breakfast in Stockholm», verrät sie, als die 32 000 Zuschauer noch immer beunruhigt eine dichte Nebelwand am Chuenisbärgli beäugen. «Vielleicht war ich in einem früheren Leben Wikingerin», sagt Häusermann. Gut möglich, mag sich manch einer denken, der die Wirtin aus Aeschi mit ihrer Wikingerhelm-Kappe und den falschen roten Zöpfen sieht. Häusermann hätte Svindal noch nach Aeschi einladen wollen. Das «Gourmet-Stübli Bergblick», das sie mit ihrem Mann betreibt, hat sie zum offiziellen Fanlokal ausgeschmückt. Seither hat sie sich den Gästen oft für die ungewöhnliche Norwegen-Ecke erklären müssen.
«Fanen» in der Minderheit
Bald wird klar, dass die Nordländer zumindest am Samstag nicht überzeugen können. Jansrud, der nach Svindals Ausfall eigentlich die norwegischen Kohlen aus dem Feuer holen sollte, wie der Speaker den Zuschauerrängen anpreist, liegt im Ziel schon fast zwei Sekunden hinter dem Führenden. «Schade», so der knappe Kommentar der Fans, doch die Enttäuschung scheint nicht allzu gross zu sein.
Jansrud ist kaum im Ziel angekommen, als die Zuschauer auf den Tribünen und neben der Piste zu toben beginnen. Wie wild schwenken sie zu Hunderten ihre Schweizer Fähnchen. Didier Cuche ist gestartet. Doch auch der frischgebackene Sportler des Jahres kann die Erwartungen nicht erfüllen. Ein Verschneider im steilen Zielhang genügt, und Cuche ist weg vom Fenster. Ein Fehler, den er nie wieder machen werde, verspricht der Neuenburger dem Publikum. Gemessen am Applaus kommt im Adelbodner Kessel nur einer annähernd an Cuches Beliebtheit heran: Alt-Bundesrat Adolf Ogi wird als Ehrengast willkommen geheissen. Norweger und Schweden erhalten weniger Aufmerksamkeit. «Damit muss man umgehen können», sagt die Vereinspräsidentin Monika Bieri. «In Norwegen wäre es andersrum.»
Männer mit Zug
Es gibt nur wenige Schweizer Fanklubs von ausländischen Skifahrern. Der Svindal-Fanklub ist der einzige Verein weltweit, der den 13-fachen Weltcupsieger und amtierenden Kombinationsweltmeister unterstützt. Die 30 Mitglieder kommen neben der Schweiz und Norwegen auch aus Holland, Österreich und Slowenien. Den Norwegern selber sei das «Fanen» fremd. «Die kämen nie auf die Idee, einen Fanklub zu gründen», sagt Astrid Weiss. Anders Monika Bieri: Sie hob den Klub vor drei Jahren in Lyss aus der Taufe. Svindal hat sie vor sechs Jahren kennengelernt, als der Norweger noch Rennen im Europacup bestritt. «Ich habe schon damals gesehen, dass er die Klasse der norwegischen Skistars Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus erreichen könnte», sagt die 36-Jährige. Anhängerin des norwegischen Ski-Teams ist sie seit zwanzig Jahren: «Damals war es nicht unwichtig, dass Kjus und Aamodt schöne Sportler mit blauen Augen waren. Das will ich gar nicht bestreiten.»
Doch auch andere Qualitäten Svindals begeistern Esther Häusermann und Astrid Weiss. «Er ist das Sinnbild des Nordländers», sagt Häusermann. Als bodenständig und sehr anständig beschreibt sie ihn. Dieser Charakter schlage sich auch im Fahrstil der Nordländer nieder, glaubt sie. «Sie fahren überlegt – nie über das Limit», sagt Häusermann, «manche nennen das vielleicht langweilig.» Natürlich sei «Aksel» kein Showman à la Bode Miller. Doch im Gegensatz zum Amerikaner kämen die Norweger auch ins Ziel. Darin wird Häusermann recht behalten. Miller wird vom Publikum frenetisch angefeuert, doch seine Fahrt ist schon im oberen Streckenteil zu Ende.
Eine Chance für Aksel
Es ist kein nordischer Tag. Esther Häusermann zittert mit Jansrud und Jansson nur noch um die Qualifikation für den zweiten Lauf. Sie liegen auf den Rängen 26 und 30. Da darf nichts mehr geschehen, wollen sie sich auf der Piste ein zweites Mal präsentieren. Doch es kommt anders: Kurz vor dem Ende des ersten Laufs erstreckt sich der Nebel bis in den Zielraum. Es wird klar: Das Rennen muss abgebrochen werden.
«An einen zweiten Lauf war unter diesen Bedingungen nicht zu denken», wird Peter Willen, OK-Präsident des Adelbodner Weltcups, am Abend sagen. Die berüchtigte Bisenlage hat in Adelboden wieder zugeschlagen. «Das wissen wir nicht erst seit diesem Jahr», sagt Willen. Schon vor zehn Jahren konnte der Weltcup wegen Nebels nicht stattfinden. Ärgerlich für die angereisten Fans. Doch der Svindal-Fanklub nimmt den Rennabbruch mit fast nordischer Gelassenheit. Die Fans gehören zu den wenigen, die dem Entscheid Positives abgewinnen können. «Natürlich ist das nicht fair. Aber so verliert Aksel immerhin keine Weltcup-Punkte», sagt Esther Häusermann. Die Ski-Fans werden zumindest am Sonntag mit gutem Wetter belohnt – der Svindal-Fanklub durfte sich über zwei Nordländer auf den Rängen 5 und 12 freuen.
(Der Bund)
Erstellt: 11.01.2010, 07:42 Uhr
Kommentar schreiben
Bern
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!





