«Eine wo lost, was d Lüt so säge»
Von Alexander Sury. Aktualisiert am 14.05.2010
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«Heit dir scho bschteut? / Wär het öppis bschteut? / Hesch du öppis bschteut? / Ig ha nüt bschteut. /Ig ha öppis bscheut.» Doch, bestellt hat er schon. In der Gerechtigkeitsgasse sitzt er im Restaurant Webern, umgeben von den Stätten seiner Kindheit, und lächelt bei einem Bier auf die ihm eigene melancholisch-verschmitzte Art. Schüchternheit trifft auf Schalk. Soeben ist vom dreifachen Familienvater unter dem Titel «Ging Gang Gäng» eine Auswahl von Mundart-Sprechtexten erschienen, die Beat Sterchi in den letzten Jahren meistens für Bühnenauftritte der Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall» geschrieben hat.
«Mantras» und «Minidramen»
Dieses dem Alltag abgelauschte verbale Sammelgut sortiert der Sprachmüll-Aussteller Sterchi, orchestriert und rhythmisiert es und entlarvt in diesen «Mantras» und «Minidramen» unseren oft automatisierten Umgang mit Sprache. Laut gelesen, legen die auf den ersten Blick oft banal wirkenden Texte, in denen der Leser teils an Leerstellen zum Mitdichten eingeladen wird, durch das kunstvolle Arrangement alltäglicher Kommunikationspannen ihr komisches Potenzial frei. In gedruckter Form entsteht teils gar konkrete Poesie: Der Text zum «Gotthelfdenkmal» etwa hat die Form einer Statue auf einem Sockel; der «Kopf» klingt so:
O Gott O Gotthäuf O Gotthäuf Gott häuf mir Gott häuf dir Gott o
Jeremias Gotthelf ist ein zentraler, höchst lebendiger Referenzpunkt für Sterchi, der lange mit dem Programm «Bitzius» unterwegs war. Aber Denkmäler mag er nicht besonders – das gilt auch für die eigene Person. Der 60-jährige Autor von Reportagen, Hörspielen und Theaterstücken («Anne Bäbi im Säli», «Nach Addis Abeba»), der auch an der Volkshochschule Bern und am Literaturinstitut Biel doziert, legt unter seinem immer noch beneidenswert vollen Haupthaar die Stirn in Falten und weicht mit dem Oberkörper leicht zurück: «So, so, über ‹Blösch› müssen wir jetzt auch reden.» Die Empörung in seiner Stimme mag zwar gespielt sein, ein gewisser Widerwille, über seinen ersten und immer noch einzigen Roman («mein literarisches Kapital bis heute») zu reden, ist aber durchaus spürbar.
Nein, nostalgische Anwandlungen, eine Art «Heimweh» gar nach diesem modernen Heimatroman über die einander spiegelnden Passionswege des spanischen Fremdarbeiters Ambrosio und der im Schlachthof endenden Kuh Blösch sind von Beat Sterchi bei diesem Thema nicht zu erwarten. Eher wäre dieser Kommentar von ihm denkbar: «Glych isch es ja gäng chly angers. / Isch ja gäng glych chly angers. / Isch ja glych gäng chly angers. / Ä chly angers isch es glych gäng.»
«Sprachliches Heimweh» empfand Sterchi indes Anfang der Achtzigerjahre in Montreal, wo er als Deutschlehrer am Goethe-Institut unterrichtete. 1970 war er nach Kanada ausgewandert und studierte in Vancouver. 1975–77 hielt er sich in Honduras auf, von 1984 bis 1994 lebte er ein Jahrzehnt in Spanien, in einem Dorf in der Nähe von Valencia. Vielleicht erklärt auch diese Aussenperspektive, dass Beat Sterchi weniger Berührungsängste mit der Mundart hat als andere Autoren.
Prophetisch und hochliterarisch
Der 1949 geborene und in der Berner Altstadt aufgewachsene Metzgerssohn – der selber eine Metzgerlehre absolviert hatte – liess sich von Familienmitgliedern gegen das Heimweh Bücher über den Atlantik schicken; bei der Lektüre der Schweizer Neuerscheinungen staunte er allerdings oft, «weil es zwischen den Buchdeckeln nicht schweizerisch tönte und somit die Sprachrealität nicht abgebildet war». Er wollte es in der Fremde besser machen: sprachmächtig, expressiv und gleichzeitig mit unverkennbarer helvetischer Färbung.
In der frankokanadischen Metropole arbeitete Sterchi zu dieser Zeit an seinem Debüt, das 1983 im Diogenes-Verlag erschien und im Rückblick angesichts virulenter Themen wie Tierschutz, Bio-Nahrung oder Rinderwahnsinn prophetische Qualitäten aufweist. Die Kritik war einhellig begeistert; das Buch fahre in die «dünnblütige Literaturwelt hinein wie einst ‹Die Blechtrommel› in die Nachkriegsliteratur», befand der «Spiegel». Beat Sterchi avancierte als ein Dialekt und Hochsprache virtuos legierender Sprachmagier über Nacht zum hoffnungsvollen Jungstar der deutschsprachigen Literatur. Diese Last hat er lange gespürt.
Für die Gleichstellung von Mundart und Hochsprache setzt er sich bis heute ein, was sich nicht zuletzt auch im «Kleinen Manifest» der Formation «Bern ist überall» (der u. a. auch Pedro Lenz, Michael Stauffer und Guy Krneta angehören) niederschlägt: «Hier und heute werden viele Sprachen gesprochen. Sprachen schliessen sich nicht aus. (...) Sprachen entfalten sich im Mund. Es gibt keine hohen und niederen Sprachen.»
Auf einer sprachpädagogischen Mission sieht er sich allerdings mit «Bern ist überall» nicht. «Wir wollen einfach zeigen, dass Mundart sehr kreativ ist im Gegensatz zur normierten Standardsprache.» Ausserdem eigne man sich, ist Sterchi überzeugt, die Sprechkompetenz am besten in seiner Mundart an.
Die «Bern ist überall»-Gruppe sei vorab aus dem Wunsch entstanden, mit Kollegen etwas gemeinsam zu machen. «Aber wir haben mit unseren Mundarttexten schon einen gewissen Einfluss ausgeübt. Unsere Performances richten sich auch gegen den Geniekult des allein einen Lesegottesdienst abhaltenden Autors.» Die Mundart wurde, da ist Sterchi zweifellos beizupflichten, in den letzten Jahren literarisch wieder salonfähiger – die Frucht dieser Arbeit erntet gegenwärtig nicht zuletzt Pedro Lenz mit seinem höchst erfolgreichen Mundartroman «Dr Goalie bin ig».
«Ich schnurre süsch scho gnue»
«Roman» ist das Stich- und Reizwort: Auf eine grössere Prosaarbeit warten Beat Sterchis Leser bis heute. «Blösch» als Geburtsstunde eines grossen Romanciers blieb ein uneingelöstes Versprechen. Sterchi arbeitet zwar seit längerem an einem grösseren Text, über den Inhalt will er aber nichts verraten: «Ig schnurre süsch scho gnue.» Der Anflug eines Grinsens huscht über sein Gesicht. Wer partout wolle, könne den Stoff leicht recherchieren, er habe darüber schon einiges publiziert. Nach «Blösch» habe ihm schlicht ein «zwingender Stoff» gefehlt, hat Sterchi einmal zu Protokoll gegeben. «Ich musste das Buch schreiben, das Thema wählte mich.» Er dürfe ohne Übertreibung sagen, «dass sich nur wenig literarisch interessierte Menschen bei Themen wie Schlachthof so ausgekannt haben wie ich».
Die Form des Romans verbindet Sterchi mit dem Anspruch, eine meist ausgeblendete Realität ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken. Er erzählt von einer Schuhverkäuferin, die ihm schrieb, nach der Lektüre von «Blösch» habe sie ihre Stellung gekündigt. Auch davon handelt dieser Heimatroman: von Entfremdung in der Arbeit. Es ist diese intime Kenntnis des Milieus, gepaart mit epischer Fabulierlust und einem unverwechselbaren Ton, die «Blösch» auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen eine raue und gleichzeitig hochpoetische Kraft verleiht.
Lesung an Originalschauplätzen
Von «Blöschs» Qualitäten kann man sich nun auch akustisch überzeugen; Ende Mai erscheint erstmals ein Hörbuch zum Roman. Die 16 Stunden dauernde Lesung (Sprecher: Sebastian Mattmüller) wird nicht nur mit sparsam eingesetzter Musik einer schrägen Ländlerkapelle aufgelockert, die Aufnahmen sind auch mit unaufdringlich präsenten Geräuschen von Originalschauplätzen unterlegt: ein Stall auf der Alp «Guetfläck» im Simmental und ein Hof im Unterland für die Welt des «Knuchelhofs», der Schlachthof Basel als metallisch scheppernder Sound zum industrialisierten Töten der Tiere.
«Was isch ä Dichter?», fragt er in dem Rudolf von Tavel eher ironisch zugeeigneten Text: «Eine wo lost / was d Lüt so säge / was ne uflyt / uf ihrne Mäge / u uf angri Wäge / drgäge / cha säge / was anger Lüt / vowäge / nid so grad chöi säge.» Und das kann Beat Sterchi, in der grossen als auch in der «kleinen» Form.
Beat Sterchi: Ging Gang Gäng. Verlag Der Gesunde Menschenversand, Luzern 2010, 23 Fr. «Blösch» ist derzeit nicht lieferbar, der Diogenes-Verlag plant aber dieses Jahr eine Neuauflage. Das Hörbuch «Blösch» erscheint Ende Mai im Merian-Verlag.
(Der Bund)
Erstellt: 14.05.2010, 10:55 Uhr

















