Eine Stadt voller Baulöcher
Von Nicole Tesar. Aktualisiert am 17.11.2010
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Entlang der Schwabstrasse in Bümpliz klafft alle 50 Meter ein Loch im Boden. Auf einer der grossen Baustellen hantiert ein Tiefbauarbeiter im leuchtend gelben Gewand an einer Seilwinde. Sie wird durch einen Motor angetrieben. Das Seil zieht drei Kunststoffrohre durch einen schmalen Steinkanal im Boden. Die Rohre verheddern sich, und der Arbeiter muss in den breiten Schacht hinabsteigen. Stossen, rütteln, ziehen. Die fünf Zentimeter dicken Rohre, die dem Seil folgen, geben nach, sie ragen nun ausreichend aus dem Kanal.
Die Steinkanäle rund einen Meter unter der Erdoberfläche sind das Kapital von Energie Wasser Bern (EWB). Jeweils vier bis sechs 20 Zentimeter breite Gänge führen unterirdisch durch die ganze Stadt Bern. Zwei Gänge sind in der Regel mit dicken Stromleitungen belegt; die anderen Trassees – gebaut aus flachen ziegelförmigen Steinen – sind leer. Bisher. Ein Trassee beheimatet nun die Glasfaserkabel.
EWB baut 70 Prozent des Netzes
Derzeit bauen EWB und die Swisscom (SCMN 352 0.09%) das leistungsfähige Glasfasernetz in der Stadt Bern, EWB verlegt 70, die Swisscom 30 Prozent des Netzes. In verschiedenen Quartieren sind die Bauarbeiten in Gang. Die Swisscom baut in den Stadtgebieten Mattenhof, im Bollwerk und im Burgernziel. Innert sieben Jahren sollen 90 Prozent der Haushalte, innert zehn Jahren soll die gesamte Stadt Bern angeschlossen sein.
Die Kosten belaufen sich bei EWB auf 140 Millionen Franken. Die Swisscom macht keine Angaben zu den Kosten. Klar ist nur: Der Telecomanbieter trägt deutlich mehr als 30 Prozent der gesamten Kosten für den Bau des Glasfasernetzes. Die Verhandlungen über den Verteilschlüssel mit EWB sind im Gang.
Sind die Kunststoffröhren in den EWB-Kanälen verlegt, folgt das Einziehen der Glasfaserkabel. Mithilfe einer Hochdruckmaschine schiesst der Arbeiter das Kabelbündel durch eines der drei grauen Kunststoffrohre. Die anderen beiden Rohre bleiben vorerst leer.
Je näher die Glasfaserkabel bei einer der zwei EWB-Zentralen in Holligen oder Monbijou verlaufen, desto dicker sind die Kabelbündel. Denn immer mehr Kabel – eine einzelne Faser ist dünner als ein Haar (siehe Bild rechts) – laufen von einer Wohnung bis zur Zentrale zusammen. Jede Faser ist durch einen dünnen Kunststoffmantel geschützt – denn ohne Schutz zerbricht die aus geschmolzenem Glas zu einem dünnen Faden gezogene Glasfaser.
Über 800 Glasfasern führen in den Hausblock mit über 200 Wohnungen in unmittelbarer Nähe des EWB-Mitarbeiters. Denn für jede Wohnung sind vier Fasern vorgesehen. Um die Datenmenge zu bewältigen, reichte eigentlich eine Faser. Die Swisscom will aber eine Faser ausschliesslich für sich nutzen. Damit sichert sie sich beim Glasfasernetz physische Unabhängigkeit. Die Swisscom ist das einzige Unternehmen, welches das Netz baut und gleichzeitig Dienstleistungen für die schnelle Leitung anbietet.
Der Berner Energieversorger EWB nutzt auch eine Faser. Er stellt sie aber zu gleichen Konditionen allen Service-Providern – wie der Zürcher Firma Mygate oder der Finecom in Biel – zur Verfügung. Denn das Stadtwerk ist ausschliesslich für den Bau und den Betrieb des Glasfasernetzes zuständig. Es bietet selbst keine Multimedia- und Telecomdienstleistungen an. Die anderen beiden Fasern sind Reserve – zum Beispiel für ein Telecomunternehmen wie Sunrise.
Um die Kabeldichte in Grenzen zu halten, laufen nur zwei Glasfasern pro Wohnung bis in die EWB-Zentrale. Die zwei ungenutzten Fasern enden in einem der 1000 Interkonnektionspunkte, die über die Stadt Bern verteilt sind.
Auch von der Strasse ins entsprechende Gebäude verlegt EWB die Glasfaserkabel entlang der Stromkabel. Da, wo zwei Glasfasern miteinander verbunden werden, spricht man von Spleissen. Die Glasfasern enden vorerst im Hausanschlusskasten. Ist es so weit, können die Provider die einzelnen Haushalte mit Flyern bewerben.
Erst wenn ein Haushalt die Dienste bestellt, verbindet ein Installateur im Auftrag von EWB die vier Glasfasern mit der Wohnung. EWB verspricht, dass die Dienste ab Bestellung spätestens innerhalb von 15 Arbeitstagen aktiviert sind – egal ob Hochhaus oder Einfamilienhaus. Die Verkabelungskosten im Gebäude tragen EWB und die Swisscom und nicht die Mieter oder Eigentümer. Voraussetzung ist jedoch, dass die vorhandenen Rohre genügend Platz enthalten.
Länggasse bekommt grünes Licht
Aber so weit ist man in Bümpliz noch nicht. Im Gegensatz zur Länggasse. Die Bewohner in diesem Quartier profitieren als Erste vom neuen Netz. Die Swisscom hat dort bereits alle Gebäude erschlossen. Der Telecomriese hat die Kabel entlang des eigenen Kupferkabelnetzes verlegt. Rund 1500 Haushalte können sich seit AnfangWoche bei Bedarf an das neue Glasfasernetz anschliessen lassen.
Für digitale Fernseh- und Radiosender, für die Festnetztelefonie und für schnelles Internet ist nur noch eine Steckdose nötig. Mit Glasfasern gibt es bei der übertragenen Datenmenge nahezu keine Grenzen mehr – es können auch mehrere Digitalfernseher gleichzeitig in einer Wohnung eingeschaltet sein. Die heutige Kupferinfrastruktur erreicht ihre technischen Grenzen. (Der Bund)
Erstellt: 17.11.2010, 06:51 Uhr
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