Ein geschichtsträchtiges «Näggi»
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 23.08.2010 1 Kommentar
Nachtrag vom 25. August 2010
Dank eines «Bund»-Lesers kann jetzt noch eine historische Ungewissheit geklärt werden. Und zwar, dass das Einschussloch in der Matteenge tatsächlich aus dem Stecklikrieg stammt – und keine Nachbildungen ist. Dies weiss der Berner Architekt Paul Kaltenrieder zu berichten. Die Überbauung um das Nydegghöfli sei nämlich 1957 nach Plänen seines Bürovorgängers entstanden, des Architekten Hans Weiss.
«Die heutige Gebäudeecke steht genau am Platz der ursprünglichen», schreibt Kaltenrieder. Beim Abbruch des alten Gebäudes sei das «Näggi» genau eingemessen und seien Mauersteine sorgfältig en bloc herausgenommen und in einem Werkhof zwischengelagert worden. Und beim Rohbau seien die Steine wieder exakt auf der gleichen Höhe eingesetzt worden. Kaltenrieder hat sich sogar beim damalige Projektleiter, dem heute 90-jährigen Ernst Fahrer, erkundigt, der sich noch gut an das Baugeschehen erinnern könne.
Ein Spottlied der «geringen» Leute
Acht Berner Schnyder sy i Chrieg / Mit Pfyffe und Trumpete / Mit Trumm, Tschinell und Bumbardung / Mit Klarinett und Flöte.
En einzige-n-isch der Houptma gsy / I schöne gäle Hose / En einzige het e Säbu gha / Mit dem sy si gäg d Franzose.
Und z’Biel da blast der Bumbardung / Mit ere solche Gwalt / Das nebe-n-ihm das Klarinett / Steimustot z’Bode fallt.
Chum hei sy der gueti Chnab im Grab / So gö zwöi Tag herum / Da blast er halt im Neueburg / Der Flötebläser um.
Der Houptma seit: Jetz wird’s mer z’dumm / Wenn das so wyter goht / Simmer bevor mer d’Franzose gseh / Scho allizäme tot.
Er zieht der Säbu us und hout / Der Bumbardung entzwei / Und summidieret: Rechtsumkehrt / Jetz gömmer wieder hei.
Stichworte
Der Stecklikrieg, der Name deutet es an, war kein Ereignis in der eidgenössischen Geschichte, bei dem es besonders blutig zu und her ging. Der grosse Schweizer Historiker Edgar Bonjour nannte ihn gar den «gemütlichsten aller Schweizer Bürgerkriege».
Der Stecklikrieg von 1802 war zwar militärisch betrachtet eine harmlose Angelegenheit, geschichtlich gesehen markiert er aber eine wichtige Zäsur für die Eidgenossenschaft: Er bedeutet das Ende der Helvetischen Republik, die besonders in den konservativen Teilen der Bevölkerung ungeliebt war. Wohl mag der Stecklikrieg vielen nicht mehr geläufig sein – als Berner und Bernerin läuft man aber immer wieder an einem Überbleibsel des Aufstandes vorbei. An einem Haus in der Mattenenge findet sich ein Einschussloch, das von einer der wenigen Kanonenkugeln stammt, die damals durch die Luft flogen.
Das geschichtsträchtige «Näggi» findet sich aber nicht am Haus, das vom Kanonenschuss tatsächlich getroffen wurde. Rund um die Nydeggkirche wurde Ende der 1950er-Jahre nämlich die gesamte Häuserzeile abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Grund für die rege Bautätigkeit der Berner Behörden, die sich über Jahrzehnte erstreckte, waren die prekären Wohnverhältnisse im unteren Teil der Aareschlaufe. Die «Statistik der Todesfälle» belegte, dass die Sterblichkeitsrate wegen der Tuberkulose in der unteren Altstadt und in der Matte am höchsten war.
Das historische Gruseln
Profunde Kenntnis über die Altstadtsanierung besitzt der Architekturhistoriker Dieter Schnell, der das Buch «Rettet die Altstadt!» geschrieben hat. Das Einschussloch in der Mattenenge erwähnt er in seinem Werk zwar auch – etwas weiss aber auch er nicht mit abschliessender Sicherheit: Ob die drei Steine tatsächlich aus dem historischen Haus stammen – oder bloss eine Nachbildung darstellen. «Ich vermute aber, dass es sich um die Originalsteine handelt», sagt Schnell. Und erwähnt zur Unterlegung seiner These eine andere Besonderheit: Der Technische Arbeitsdienst habe 1936 das Originalhaus aufgenommen – dabei hätten die Zeichner den Kanoneneinschlag dargestellt. Völlig unüblich auf einer technischen Zeichnung, da Bauschäden sonst bloss durch einen Strich dargestellt worden seien. Der Techniker habe offenbar das historische Gruseln bekommen, vermutet Schnell: «Das Loch muss heilig gewesen sein.»
Einen anderen Grund, das kriegerische Denkmal zu konservieren, ortet Schnell im damaligen Zeitgeist: Auch in Italien und Deutschland sei es in den 1950er-Jahren «wahnsinnig chic» gewesen, Kriegsruinen zu zelebrieren. Die Gedächtniskirche in Berlin sei ein typisches Beispiel dafür. In der Schweiz seien die Ruinen halt etwas dünner gesät gewesen, so sei auch ein bescheidenes Einschussloch zu einer gewissen Bedeutung gelangt.
Unheilige Allianz
Wie kam es zum Stecklikrieg? Es war die Zeit der Helvetik, die Schweiz eine Tochterrepublik der Französischen Revolution – ganz zum Unmut der früheren «gnädigen» Herren. Als Napoleon die französischen Besatzungstruppen abgezogen hatte, waren die helvetische Regierung und ihre Truppen ziemlich auf sich alleine gestellt. Die konservativen Umstürzler rochen den Braten: Sie hofften auf einen grossen Aufstand im Land. Den ersten Anstoss gaben Berner Patrizier, die geheime Botschaften in die Urschweiz schickten, die sich bereits von der Helvetischen Republik losgesagt hatte. Die Aufständischen bildeten aber ein Zweckbündnis und verfolgten eigentlich unterschiedliche Ziele: Während die bernische Aristokratie die alte Ordnung wiederherstellen wollte, hatten die Verbündeten aus den Landgemeindekantonen und vom Lande ein Demokratieverständnis, das den Aristokraten nicht gefallen konnte. Entgegen kam den Aufständischen die verbreitete Verbitterung über die Verschlechterung der Zustände seit 1798. «Die allgemeine Verelendung führte zu einer starken Wandlung im Urteil über die Helvetische Republik. Das enttäuschte Volk begann, sie für das nationale Unglück verantwortlich zu machen», schrieb Bonjour.
Üble Gerüchte
Die Aufständischen nutzten die Enttäuschung der einfachen Leute: Sie hätten jedes Argument und Mittel für ihre Zwecke genutzt, schreibt der Berner Tausendsassa Urs Hostettler, der sich musikethnologisch mit dem «Stecklikrieg» auseinandergesetzt hat. Die Werber hätten üble Gerüchte über die Patrioten, welche die Helvetik unterstützten, in Umlauf gesetzt; sie hätten Bauern gedroht, ihre Höfe niederzubrennen; und in Baden hätten sie versprochen, die Juden zu vertreiben. In der Liedersammlung «Anderi Lieder» (1980), wo Hostettler Volkslieder der «geringen» Leute ausgegraben hat, präsentiert er ein Spottlied über den Stecklikrieg, in dem ein Bieler Pfarrer die Aufständischen auf die Schippe nimmt, die sich gegenseitig dezimieren, ohne je einen Franzosen zu Gesicht zu bekommen. Hostettler bemerkt, dass die frotzelnden Zeilen die damalige Stimmung wohl besser wiedergäben als historische Abhandlungen, die den Stecklikrieg als «Aufflammen nationalen Geistes» verklärten.
Der Name des Krieges rührt daher, dass die aufständischen Soldaten mit wenig furchterregenden Waffen ins Feld zogen: Die meisten waren bloss mit Sensen, Prügeln oder eben Stöcken bewaffnet. Nach den wiederholten Entwaffnungen des Landes waren Flinten rar geworden – was aber keine grosse Rolle spielte: Die Aufständischen stiessen kaum auf Gegenwehr. Zuerst kam es in Bern zu einem müden Scharmützel, die entscheidende Schlacht wurde am Murtensee geschlagen, forderte aber auch nur die Leben einiger weniger.
Es traf ausgerechnet den Leutnant
Mit drei Sechspfündern griffen die Aufständischen Bern an, zwei Kanonen wurden auf dem Aargauerstalden aufgestellt. Mit einer sprengte Rudolf von Werdt, der an der Spitze der Aufständischen stand, den Weg frei zum Untertor. Doch bevor die Kanone aufgestellt war, wurde der erst 20-jährige Leutnant von einer Kugel getroffen. Sie zerschmetterte ihm erst den Mittelfinger der linken Hand und drang dann in den Bauch ein, wie der Soldat Johann Ludwig Wurstemberger in seinem «Tagebuch des Stecklikriegs» schildert. Ausser von Werdt starben beim Gefecht zwei weitere Aufständische, dazu zwei bis drei Verteidiger der helvetischen Truppen – und ein Pferd.
Der Stecklikrieg mündete in die von Napoleon diktierte Mediationsverfassung, die helvetische Regierung musste nicht abtreten. Soldat Wurstemberger notierte ernüchtert, als er zurückkehrte und Bern voller helvetischer Truppen fand: «Ein End nahm unser Kriegen; der Corsenstrolch ist immer da!» (Der Bund)
Erstellt: 23.08.2010, 09:19 Uhr
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Heinz Brönnimann
Nach einer anderen Quelle (Beat Junker, Band I, S.94) war nicht von Werdt Anführer sondern Ludwig Rudolf v. Erlach, Heissporn und letzter Schultheiss von Burgdorf. Er hatte im März des Jahres 1798 in Oberburg eine Mannschaft zusammengestellt, die in die Schlacht bei Grauholz einngreifen wollte, leider vergebens. mfg Heinz Brönnimann, Burgdorf Antworten