Ein eigenes Kind von fremden Eltern
Von Andrea Mantel. Aktualisiert am 03.09.2011
Pflegekinder-Aktion
Die Fachstelle Pflegekinder-Aktion Bern (PAB) existiert seit 1991. Was damals mit der Vermittlung von freien Pflegeplätzen und 50 Stellenprozent begann, entwickelte sich in den letzten 20 Jahren zu einer Fachstelle mit 270 Stellenprozenten und einem umfassenden Dienstleistungsangebot.
Die PAB ist ein finanziell unabhängiger Regionalverein der Pflegekinder-Aktion Schweiz und gestaltet sein Angebot eigenständig. Dies enthält die Platzierung in begleitete Pflegefamilien, Vermittlungen, Beratungen, Begleitaufträge, Abklärungsaufträge, Bildung für Pflegeeltern und Vermitteln von spezifischem Fachwissen.
Das Jubiläum wird morgen, 4. September, von 13 bis 17.30 Uhr im röm.-kath. Kirchgemeindehaus in Langenthal gefeiert.
www.pflegekinder-be.ch
Vor etwa 16 Jahren haben Sie Deborah als Pflegekind aufgenommen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Annegret Lüthi: Mein Mann und ich haben selber drei Kinder. Als unser jüngster Sohn im Kindergarten war, habe ich bemerkt, dass ich, da ich bewusst zu Hause blieb, um meine Kinder selbst zu betreuen, noch Kapazität hätte, um ein weiteres Kind aufzunehmen. Wir haben Kurse bei der Pflegekinder-Aktion Bern (PAB) besucht, uns informiert und uns anschliessend für ein Pflegekind entschieden. Unser einziger Wunsch war lediglich, dass das Kind jünger als unsere eigenen Kinder ist. Und so wurde uns die zweieinhalb Jahre alte Deborah vermittelt, wir wussten jedoch nicht für wie lange. Denn wie lange ein solches Pflegeverhältnis dauert, ist variabel. Im Zentrum der PAB steht das Wohl des Kindes, und so wird immer wieder individuell geschaut, was für das Kind sinnvoll ist. Es kann auch sein, dass eine Rückplatzierung zur Herkunftsfamilie vorgenommen wird. Deborah Graf: Für mich war jedoch immer klar, dass ich nicht zu meinen leiblichen Eltern zurückkehren würde. Darüber habe ich mir einfach keine Gedanken gemacht.
Wieso mussten Sie fremd platziert werden, Frau Graf?
Deborah Graf: Meinen Eltern war es zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, mich aufzuziehen und zu betreuen.Annegret Lüthi: Hintergrund der Fremdplatzierung war eine Suchtproblematik.
Gab es schwierige Situationen im Anpassungsprozess in der neuen Familie?
Annegret Lüthi: Auf der einen Seite war es sehr unproblematisch, auf der anderen Seite auch problematisch. Deborah war aufgrund ihrer Vergangenheit im Umgang mit anderen Menschen relativ distanzlos und offen. Dies war eigentlich ganz praktisch. Aber genau diese Tatsache war manchmal ein Problem. Da die leiblichen Eltern bei Pflegesituationen immer integriert werden, war es auch ein ewiges Hin und Her für das Kind. Der Bezugspunkt war nicht klar. Es war für Deborah eine Zerreissprobe. Deborah Graf: Aus Erzählungen weiss ich lediglich, dass ich bei Lüthis sofort gespielt habe. Ansonsten habe ich an die Anfänge kaum Erinnerungen.
Sie erwähnen die Integration der leiblichen Eltern. Wie muss man sich das vorstellen?
Annegret Lüthi: Nach dem ersten Schock des Kindesentzugs fasste die leibliche Mutter, die nach der Scheidung von ihrem Mann das Sorgerecht zugesprochen bekam, Vertrauen zu uns. So waren wir schliesslich in der glücklichen Lage, als Dreiergespann, so gut es die Situation zuliess, gemeinsam für eine Sache zu arbeiten. So konnten wir Deborah immer eine sichere Grundlage bieten. Diese Tatsache war sicherlich das Rezept für das lange Durchhalten aller Beteiligten.
Aber sicherlich war es auch für Deborah nicht immer einfach, die Prioritäten zwischen Pflegeeltern und leiblichen Eltern zu setzen . . .
Deborah Graf: Grundsätzlich war ich nicht hin und her gerissen. Es gab einzelne Anlässe oder Tage wie Weihnachten, wo die Prioritätensetzung nicht ganz einfach war, ja. Aber wir haben dann gemeinsam immer eine Lösung gefunden, die für alle mehr oder weniger befriedigend war. Auch gab es Situationen, in denen meine leibliche Mutter einen gewissen emotionalen Besitzanspruch geltend machte und sagte, dass ich doch ihre Tochter sei und auch für sie da sein sollte . . . Annegret Lüthi: Solche Situationen waren für dich nicht einfach. Du wolltest es auch möglichst allen recht machen und dadurch entstanden gewisse Konflikte.Deborah Graf: Aber meine «richtigen» Eltern sowie meine wichtigsten Bezugspersonen waren und sind immer meine Pflegeeltern.
Wie sieht das Verhältnis zu den leiblichen Eltern heute aus?
Deborah Graf: Die Situation bei meiner Mutter hat sich insofern verändert, als sie an MS erkrankt ist und dadurch oft im Spital ist, aber der Kontakt ist da. Ich besuche sie ab und zu und telefoniere mit ihr. Mein Vater hat vor etwa zwei Jahren wieder geheiratet – ihn sehe ich hingegen nur etwa zweimal pro Jahr. Und das stimmt so für mich.
Zurück zu den Anfängen. Wie reagierten Ihre leiblichen Kinder, als da noch ein viertes hinzukam?
Annegret Lüthi: Ganz am Anfang war es sehr unproblematisch, und Deborah wurde sehr gut aufgenommen. Erst später, ungefähr nach zwölf Jahren, als Deborah in die Pubertät kam, gab es mit der eigenen Tochter, die bereits aus der Schule war, Reibereien. Es entstand eine ausgeprägte Rivalität. Wir hätten diesbezüglich eigentlich früher mit Konflikten gerechnet und nicht erst nach so vielen Jahren.
Die Pubertät ist auch in Familien mit leiblichen Kindern nicht immer einfach ...
Deborah Graf: Bei uns hat dann das Zusammenleben nicht mehr wirklich geklappt. Mit 15 wechselte ich für meine Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau in eine sozialpädagogisch betreute Wohngruppe in Wabern. So wurden die ersten beiden Jahre meiner Ausbildung durch Fachpersonen begleitet. Annegret Lüthi: Die Identitätsfrage war für Deborah eine grosse Hürde. Plötzlich zu realisieren, «ich gehöre hier ja gar nicht richtig dazu – ich habe eine eigene Herkunftsfamilie», hat sie massiv negativ reagieren lassen. Unsere Familienbegleiterin hat uns dann geraten, eine weiterführende Wohnsituation ins Auge zu fassen – womit wir uns anfänglich etwas schwergetan haben. Aber wir wollten die Beziehung zu Deborah schützen und bewahren. Wir wollten keinen Bruch riskieren, nur weil es momentan grad etwas schwierig war. Uns war bewusst, dass wir die einzigen Ankerpunkte in ihrem Leben und dadurch sehr wichtig waren. Deshalb haben wir schliesslich zu dieser Lösung Ja gesagt.
Wie sieht die aktuelle Wohn- und Beziehungssituation aus?
Deborah Graf: Ich wohne nicht mehr in der WG, sondern mit meinem Freund zusammen in einer Wohnung in Bethlehem. Meine Lehre habe ich abgeschlossen und arbeite nun im Verkauf. Der Kontakt zu den Pflegeeltern ist gut – mal intensiver, mal weniger. Annegret Lüthi: Deborah regelt das für sich, dass es für sie stimmt, und wir akzeptieren das. Die Türen sind immer offen, aber sie hat diese Distanz gebraucht für ihre Entwicklung. Ich denke, dass bei Pflegekindern in Bezug auf die Selbstständigkeit eventuell eine gewisse Trotzreaktion entstehen kann, da ihnen früher immer mehrere Menschen gesagt haben, was sie zu tun haben. So ist das Bedürfnis, früh auf eigenen Beinen zu stehen, wohl ausgeprägter als bei anderen Kindern.
Das klingt nach kleinen Schwierigkeiten beim Loslassen vonseiten der Mama . . .
Annegret Lüthi: Stimmt. Manchmal habe ich emotional noch etwas Mühe, loszulassen. Aber man versucht, sein Möglichstes zu tun. Sie ist und bleibt halt mein viertes Kind, das ist nicht wegzudiskutieren. Die Tatsache, dass Deborah in ihrem Leben noch etwas auf der Suche ist und dass bei ihr manchmal noch nicht alles so ganz klar ist, macht es für mich nicht einfacher.Deborah Graf: Es gibt sicher Bereiche, in denen ich noch nicht erwachsen bin, aber das finde ich auch noch alles heraus. Dies braucht Zeit, aber ich bin zuversichtlich. (Der Bund)
Erstellt: 03.09.2011, 09:30 Uhr
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