Ein Selbstversuch am Tag des weissen Blindenstocks

In den letzten Jahren tauchten sie vermehrt auf: die weissen Linien am Boden, welche Blinden zusammen mit dem weissen Stock zur Orientierung dienen. Dank ihnen getrauen sich mehr Blinde durch den Bahnhof. Wie ein Selbstversuch in Worb zeigt, ist die Orientierung jedoch trotz dem Hilfsmittel schwierig.

Der sehende Jean-Claude Bouille versucht sich in der blinden Fortbewegung. (Marcel Bieri)

Der sehende Jean-Claude Bouille versucht sich in der blinden Fortbewegung. (Marcel Bieri)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit Louis Braille vor 200 Jahren die Blindenschrift erfunden hat, sind weitere Hilfsmittel zur Erleichterung des Lebens von blinden und sehbehinderten Menschen erfunden worden. Eine davon ist der Blindenstock beziehungsweise der weisse Stock. Zum 40. Mal findet am 15. Oktober der internationale Tag des weissen Stocks statt. Aus diesem Anlass führte die Berner Sektion des schweizerischen Blindenverbandes (SBV) am Samstag in Worb eine Standaktion durch. Statt trockene Informationsblätter zu lesen, konnten sich Sehende in der Fortbewegung mit dem weissen Stock entlang den taktil-visuellen Markierungen versuchen. Auch wir haben uns eine Schlafkappe über die Augen gezogen und versucht, mit dem Stock den Weg entlang den weissen Linien, wie sie heute in fast allen Bahnhöfen gang und gäbe sind, zu finden. Es ist ein eigenartiges Gefühl, sich von den Unterschieden in der Bodenbeschaffenheit führen zu lassen. Das Raum- und Orientierungsgefühl leidet enorm. Zunächst versuchten wir den Stock nur wenig hin und her zu bewegen, was allerdings nicht weiterhilft. Der Stock muss grosszügig vor dem ganzen Körper umhergeschwungen werden. So erkennt man auch eine Kurve im Weg. Es zieht einen förmlich nach links, wenn die Linien nach links abgeknickt sind. Das verblüffende daran: Man schätzt den Knick, obwohl man ihn vorher gesehen hat, völlig falsch ein. Der Winkel scheint viel schärfer, als er tatsächlich ist.

Jean-Luc Perrin (im Bild links von Bouille) berät Städte und Bahnen beim Aufbau der weissen Linien an Bahnhöfen und in der Stadt. Er ist zudem Ausbildner für den SBV. Zum Orientierungsproblem der Sehenden als Blinde meint er: «Das ist normal, man schätzt Drehungen falsch ein. Die Ausbildung am Stock dauert bei durchschnittlich begabten Leuten etwa 50 Stunden.» Um sich in die Welt der Blinden einfühlen zu können, musste sich Perrin selber während einiger Zeit wie ein Blinder fortbewegen: «In Zürich hatte ich in einigen Quartieren Sehverbot», sagt er. Dabei habe er gelernt, Geländer zu «hören» oder sich das Ende eines Vordachs als Orientierungspunkt zu merken. Denn mit den weissen Linien ist es längst nicht getan: «Vieles muss auswendig gelernt werden», sagt Perrin.

Wenn ein Blinder an eine Kreuzung kommt, merkt er dies zwar mit dem Stock, aber woher soll er wissen, in welche Richtung er gehen muss? «Da gibt es viele Strategien. Man kann die Verzweigungen abzählen oder sich ein Geräusch merken, das an dieser Stelle immer gleich ist», sagt Perrin. Trotzdem sind die weissen Linien wichtig für die Blinden. «Manche Blinde getrauten sich ohne diese Linien nicht durch den Berner Bahnhof», sagt Perrin. Noch heute geht Perrin mit den Blinden erst am Schluss in den Bahnhof. «Das ist das Meisterstück auf dem Weg zur Selbstständigkeit.»

Lisabeth Käser, Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit der Berner Sektion des SBV, hat die Standaktion an diesem regnerischen Samstag organisiert. «Uns geht es darum, dass Nicht-Blinde das System kennenlernen.» Viele Leute wüssten nicht, wozu die Linien dienten. Entsprechend blieben sie auf dem Orientierungssystem für Sehbehinderte stehen oder stellten das Gepäck dort ab: «Das sind Hindernisse, die das Fortkommen für Menschen mit dem weissen Stock erschweren», sagt Käser. Sie selbst ist nicht blind, sieht aber alles bloss sehr verschwommen und kann nur dank einer Augenoperation Farben unterscheiden. «Auch ich orientiere mich im Bahnhof an den Linien», sagt sie. Bis 2014 müssen diese Linien an allen Bahnhöfen angebracht werden. «Das ist gut, aber es braucht auch die Rücksicht der Sehenden», sagt Käser. Seit die Bahnhöfe derart überfüllt seien, sei dies keine Selbstverständlichkeit mehr. «Jeder schaut für sich, man wird öfter angerempelt.» (Der Bund)

(Erstellt: 12.10.2009, 09:05 Uhr)

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Nachtschicht: US-Soldaten bereiten sich in der Provinz Nangarhar, Afghanistan, auf einen Spezialeinsatz vor. (19. Dezember 2014)
(Bild: Lucas Jackson) Mehr...