Ein Pionier der Schweizer Psychiatrie

Auch mit 90 verlangt der emeritierte Berner Psychiatrieprofessor Christian Müller den «Abschied vom Irrenhaus».

Christian Müller feiert heute Donnerstag seinen neunzigsten Geburtstag.

Christian Müller feiert heute Donnerstag seinen neunzigsten Geburtstag. Bild: Valérie Chételat

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«Ich betrachte es heute als eine Hauptaufgabe in der Psychiatrie, dem verzweifelten Kranken ein aufmerksamer, vorsichtiger Begleiter, ein Zuhörer und gelegentlich, in günstigen Momenten, ein Einsicht verschaffender Deuter zu sein»: Das sagte er unlängst in einem «Bund»-Interview. Heute wird der emeritierte Psychiatrieprofessor und Psychoanalytiker Christian Müller, ein bedeutender Pionier für eine psycho- und soziotherapeutisch orientierte Psychiatrie, 90-jährig – und findet diese Umschreibung «nach wie vor treffend».

Der 1921 in Münsingen als Sohn des damaligen Klinikdirektors Max Müller geborene Christian Müller war von 1961 bis 1986 Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Cery in Lausanne. Wie Luc Ciompi, ehemaliger Direktor der Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik Bern, sagt, entwickelte sich die Lausanner Klinik damals zu einem international beachteten «Mekka der Psychiatrie» – dank Müllers «Aufgeschlossenheit für innovative Verfahren wie die systemische Familientherapie oder die therapeutische Nutzung von Film, Musik und Malerei oder die gezielte soziale Wiedereingliederung von Langzeitpatienten».

«Abschied vom Irrenhaus»

Ciompi würdigt Müller auch «als einen der ersten Verfechter der systematischen Verkleinerung der früheren psychiatrischen Monsterspitäler zugunsten eines Netzwerks von kleinen gemeindezentrierten Übergangsinstitutionen».

Dass die Psychiatrie grundsätzlich nicht in grosse Kliniken gehöre, sondern «konsequent zu sektorisieren, gemeindenah zu gestalten und in die bestehenden regionalen Spitäler zu integrieren» sei, postulierte Christian Müller pointiert auch in seinem 2005 erschienenen Buch «Abschied vom Irrenhaus». Darin bezeichnet er die einstige «Idealisierung des psychiatrischen Krankenhauses oder eben der Irrenanstalt» als falsch, zeigt aber trotzdem Verständnis für frühere Psychiater-Generationen: «Sie waren gutgläubig in ihrer Ansicht, dass das psychiatrische Spital der einzig mögliche, ja ideale Aufenthaltsort für Geisteskranke sei. Vergessen wir aber auch nicht, dass es der Zeitgeist war, der zwar die Geisteskranken möglichst ‹human› behandeln wollte, sie aber doch nach heutigen Begriffen diskriminierend kasernierte.»

Werner Saameli, einst Müllers Assistenzarzt in Lausanne und später langjähriger Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Thun, erinnert sich, wie engagiert Müller seinen Weg ging: «1976 wurde er als Ordinarius an die Universität Bern berufen. Nach wenigen Tagen demissionierte er aber bereits wieder, weil die Regierung nicht auf seine Vorschläge zur Dezentralisierung der Psychiatrie eintrat. Dieser Eklat trug in der Folge zu jenem Grossratsbeschluss bei, der die damals neuartigen und heute nicht mehr wegzudenkenden psychiatrischen Dienste an den regionalen Spitalzentren ermöglichte.»

«Mit Liebe, Demut und Respekt»

Müller, der 1980 Ehrendoktor der Universität Heidelberg wurde, habe «als Schizophrenietherapeut und -forscher, in der Alterspsychiatrie, in der Sozialpsychiatrie und in der Versorgungsevaluation Historisches geleistet», sagt Saameli. Er bezeichnet ihn als «Pionier der Schweizer Psychiatrie», würdigt ihn für seine «organisatorischen, didaktischen und wissenschaftlichen Leistungen» – und vor allem dafür, «wie er den psychisch Kranken vorbildhaft mit Liebe, Demut und Respekt» begegnet sei. (Der Bund)

Erstellt: 11.08.2011, 08:25 Uhr

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