Ein «Lernprojekt» für Serben und Könizer
Von Marc Lettau. Aktualisiert am 27.05.2010
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Gegensätzlicher könnten die Orte nicht sein: hier die propere, urbane Gemeinde Köniz, dort der multiethnische, südserbische Ort Prijepolje mit seiner äusserst bewegten jüngeren Vergangenheit. Und doch verbindet einiges die beiden Orte. Zu Zeiten des UNO-Embargos gegen das frühere Jugoslawien setzte sich insbesondere der damalige Könizer Gemeindepräsident Henri Huber vehement für Hilfslieferungen in die serbische Stadt ein. 1993 erstritt sich Köniz die Zusage des UNO-Flüchtlingskommissariats, das Embargo durchbrechen zu dürfen, denn Prijepolje war kaum noch in der Lage, den Zustrom innerjugoslawischer Flüchtlinge zu bewältigen. Der intensive Kontakt zu Serbien war aus damaliger schweizerischer Perspektive ein geradezu ungehöriger Akt. Er rief aber ins hiesige Bewusstsein, wie sehr auch die serbischen Kommunen unter Krieg, Embargo und den Folgen von Flucht und Vertreibung litten.
Verein ist noch nicht am Ziel
Inzwischen ist der Kontakt zwischen Köniz und Prijepolje längst ein fast «gewöhnlicher» Austausch geworden, bei dem sich die beiden Partner auf gleicher Augenhöhe begegnen. Weil die Kontakte längst mehr nicht nur zwischen Behördendelegationen stattfinden, strengt sich Köniz gegenwärtig an, die Partnerschaft zu einer Angelegenheit der Könizerinnen und Könizer zu machen. Mit einem im letzten Jahr gegründeten Förderverein sollen all jene angesprochen werden, die der Partnerschaft in Zukunft das erforderliche breite Fundament geben wollen. Am Ziel ist der Förderverein noch keineswegs. Ob das breite Fundament für die Partnerschaft entsteht, dürfte sich im Laufe dieses Jahres zeigen, vermutet Vereinspräsidentin Verena Berger: Im laufenden Jahr werde der Verein nämlich grössere Aktivitäten entwickeln. Damit werde sichtbar, warum die Partnerschaft überhaupt nötig und wertvoll sei. Laut Gemeinderat Ueli Studer, der das Bindeglied zwischen Verein und Könizer Behörde darstellt, ist die Partnerschaft zur serbischen Stadt bereits jetzt verlässlich und herzlich: SVP-Mann Studer ersetzt heute den Begriff «Partnerschaft» oft und gerne durch «Freundschaft».
Könizer Serbientournee
Apropos Aktivitäten: Sie sind gleich von Beginn weg unbescheiden. So wird das Jugendorchester Köniz Anfang Juli zu einer einwöchigen Konzertreise nach Serbien aufbrechen, begleitet vom Chor des Gymnasiums Kirchenfeld. Insgesamt sind somit 140 Jugendliche als musikalische Botschafter unterwegs. Ein serbisches Kamerateam begleitet den Tross. Es will in Ton und Bild dokumentieren, welches Serbienbild sich die jungen Schweizerinnen und Schweizer machen, welche Einschätzungen sie korrigieren oder halt eben bestätigt finden.
Protic: «Irritierende Vielfalt»
Serbiens Botschafter in der Schweiz, Milan Protic, würdigte das Könizer Engagement in Serbien sehr wohlwollend. Die freundschaftliche Beziehung zu Köniz sei für die Menschen in Prijepolje wichtig, um zu spüren, «dass sie nicht verloren sind in den Bergen des südlichen Balkans». Prijepolje sei für Köniz zudem die richtige, aber anspruchsvolle Wahl, denn im südserbischen Ort verdichte sich die ganze «serbische Komplexität»: Prijepolje sei ebenso bergig wie mediterran, sei sowohl typisch orientalisch wie typisch christlich. Laut Protic sei die Partnerstadt von Köniz somit «ein falltypisches Beispiel für die irritierende Vielfalt Serbiens». Seit zeitgleich mit der EU auch die Schweiz die Visabestimmungen für Serbien gelockert hat, gebe die neue Reisefreiheit Partnerschaften wie jener zwischen Köniz und Prijepolje neue Möglichkeiten. Für die Serben sei die Reisefreiheit «der Beginn eines grossen Lernprojektes». Und für die Schweizerinnen und Schweizer sei sie die Einladung, in Serbien «die Schönheit der Verschiedenheit» zu erfahren. Lernten beide Seiten Neues, dann bringe dies auch beide Seiten weiter. (Der Bund)
Erstellt: 27.05.2010, 08:32 Uhr
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