Ein Beruf im Schatten des Lebens
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«Wieso soll man einen Beruf wählen, in dem Zwangsmassnahmen gegen Patienten vorkommen, weil die Pflegenden am Limit sind? Wieso soll man einen Beruf wählen, bei dem der Staat bereit ist, billige Gastarbeiterinnen aus dem Ausland zu holen oder schlechter ausgebildetes Personal einzustellen, statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern? »
Diese Fragen stellen sich Studierende des Berner Bildungszentrums Pflege. Schon in der Ausbildung werden sie mit der Realität im Pflegealltag konfrontiert: Schlechte Entlöhnung, unregelmässige Arbeitszeiten, Zeitdruck sowie zu wenig Personal sind einige Schlagwörter. Nicht zu vergessen: die physische und psychische Belastung – etwa die ständige Konfrontation mit Sterben und Tod.
Beides Themen, die in der Gesellschaft ungern besprochen werden, in der gerontologischen Pflege aber zum Alltag gehören. Sylvia Den, Geschäftsleiterin im Altersheim Domicil Mon Bijou, sieht darin einen der Hauptgründe für das schlechte Image von Altersheimen: «Unsere Gesellschaft verdrängt Alter und Krankheit. Man darf heute nicht mehr alt werden.» Barbara Dätwyler, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen, Sektion Bern, beschreibt es so: «Wegen der Nähe zu Krankheit und Sterben werden wir als Beruf im Schattenbereich des Lebens wahrgenommen.»
Zu wenig ausgebildetes Personal
Das grösste Problem sieht sie jedoch nicht im Beruf an sich, sondern im Mangel an adäquat ausgebildetem Personal. Medikamente gehen vergessen, die Kommunikation funktioniert nicht, Patienten werden falsch therapiert oder ruhiggestellt. Gerade in der immer komplexer werdenden Langzeitpflege brauche es genügend diplomierte Fachkräfte, die weniger gut ausgebildetes Personal führen könnten, sagt Dätwyler. Je nach Team wären rund 50 Prozent Diplomierte ideal. In der Realität sieht es anders aus. Gemäss Vorgaben der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern (GEF) müssen 20 Prozent der Pflegenden in Alters- und Pflegeheimen diplomiert sein und 30 Prozent über den Abschluss Fachangestellte Gesundheit verfügen. Die übrigen 50 Prozent können ungelernte Pflegekräfte sein.
«Ich stelle fest, dass es bei der Langzeitpflege Nachholbedarf gibt. Dennoch ist es möglich, eine Top-Pflegequalität zu erreichen», sagt Peter Marbet, Direktor des Berner Bildungszentrums Pflege. Dafür brauche es eine klare Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Berufsgattungen innerhalb der Pflege. Doch wieso mangelt es an qualifizierten Fachkräften in der Langzeitpflege?
• Hoher Kostendruck: Ein Problem ortet Dätwyler bei der Finanzierung der Pflegeheime. Da viele Heime gewinnbringend arbeiten wollen, werden wohl Abstriche beim Pflegepersonal gemacht. Das schlägt sich sowohl negativ auf die Arbeitsbedingungen als auch auf die Qualität der Pflege nieder. «Mit Altersheimen soll man nicht Geld verdienen», sagt sie. Ziel müsse die Kostendeckung sein. Allerdings sei das eine moralisch-philosophische und politische Frage – letztlich betreffend des Stellenwertes der betagten Menschen. Heimleiterin Den sagt zum Thema Kostendruck: «Sparen müssen heute alle – auch die Altersheime.» Früher habe man sich gar den Luxus leisten können, dass «höchstausgebildete» Mitarbeiter mit den Heimbewohnern spazieren gingen.
• Zu kleine Lohnunterschiede: Obwohl diplomierte Pflegefachleute einen höheren Bildungsabschluss haben als Fachangestellte Gesundheit, sind die Lohnunterschiede zwischen den beiden Gruppen zu gering, findet Dätwyler. Dadurch sei der Anreiz kleiner, eine Ausbildung mit Diplom zu machen.
• Schlechtes Image: Die gerontologische Pflege und die Langzeitpflege gelten nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch innerhalb der Pflegeprofession als wenig attraktiv. «Die Langzeitpflege hat verglichen mit der Pflege in einem Spital oder in einer Psychiatrie ein schlechtes Image», sagt Marbet. So sieht es auch Dätwyler: «Wir haben es verpasst, die attraktiven Seiten der Langzeitpflege – zum Beispiel mehr Kompetenzen und Freiheiten zu haben – in der Berufsentwicklung zu verankern.» Das müsse sich ändern, zumal die Langzeitpflege auch mit Blick auf die demografische Entwicklung sehr zukunftsträchtig sei.
• Steigende Anforderungen: Weil die Menschen älter werden, leiden immer mehr Altersheimbewohner an chronischen Krankheiten oder Demenz. Ausserdem gebe es mehr alte Leute mit psychischen Krankheiten und Suchtproblemen, sagt Ramona Baumann, eine diplomierte, erfahrene Pflegefachfrau aus dem Kanton Bern. Hinzu komme, dass die Anforderungen, welche die Angehörigen an die Heime stellten, massiv gestiegen seien. «Manchmal zu Recht», sagt sie. «Manchmal gründen diese aber vor allem auf ihren Vorstellungen und nicht auf jenen der Bewohner.»
Und wieso entscheidet man sich trotz der widrigen Umstände für den Pflegeberuf? «Weil es ein Beruf mit vielen verschiedenen Facetten ist», sagt Dätwyler. Pflege und Betreuung des Patienten setzten Können und Wissen in vielen Bereichen voraus – unter anderen über Medikamente, die Betreuung von Schülerinnen, das Rapportwesen sowie den Umgang mit Angehörigen. Und die Studierenden antworten: «Wir wählen diesen Beruf, weil wir daran glauben, dass wir an den beschriebenen Problemen etwas ändern können. Und wir lassen uns die Pflege davon nicht vermiesen!» (Der Bund)
Erstellt: 13.10.2011, 07:36 Uhr
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