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«Dütschlers Deutungen»: Ein fast unsichtbares Paralleluniversum

Von . Aktualisiert am 12.04.2011

Vielleicht haben Sie gestern im «Bund» das Porträt über den freiwilligen Mitarbeiter des SRK-Fahrdienstes gelesen. Bei der Vorbereitung jenes Textes ist mir aufgefallen, dass es in unserer Gesellschaft so etwas wie ein Paralleluniversum gibt. Viele von uns kennen nur das «Normale»: Das Universum der Arbeit, der Leistung, des Termindrucks, der Konzentration, des Outputs. Agenda, E-Mail-Box und Auftragsbücher sind voll. Manchmal wird der Druck zu hoch, und man landet im «Paralleluniversum», ehe man sichs versieht.

Dort ist alles anders. Die Menschen führen höchstens eine Agenda, um mit Arztterminen, Therapiesitzungen, Untersuchungen und Nachkontrollen kein «Gheu» zu bekommen, oder weil die Terminkärtchen nicht mehr auf die Kühlschranktüre passen. Oft sind es Betagte, von denen niemand mehr etwas verlangt. Sie verzehren ihre Rente, für die sie ein Leben lang gearbeitet haben. Sie gehören aber nicht mehr zu den glücklichen Golden Agers, die sich zu fast jedem beliebigen Zeitpunkt ein Car-Fährtli an den Vierwaldstättersee, einen Städtetrip mit Konzert in Salzburg oder eine Kreuzfahrt in der Karibik leisten können.

Der Aktionsradius der Leute im «Paralleluniversum» ist sehr klein, oft kaum grösser als ein Bett oder ein Zimmer in einem Alters- oder Pflegeheim. Ihre Ausflugs-Destinationen heissen Cafeteria im Parterre oder Bänkli im Garten. Wenn die Freiwilligen des SRK-Fahrdienstes diese Menschen für kurze Zeit aus der Nische herausholen, gewinnen sie einen Einblick ins «normale» Universum. Sie sehen, wie sich der Chauffeur durch den dichten Verkehr kämpft, wie auf Baustellen gelocht und gehämmert wird, wie Tausende an die Arbeitsstelle im Spital strömen, in dem die Patienten ihre Dialyse machen lassen oder ihre Bestrahlung.

Nicht alle im «Paralleluniversum» sind alt und krank. Manche sind gesund und stehen sogar in der Blüte ihrer Jugend. Trotzdem gehören sie nicht zum aktiven Universum. Gemeint sind nicht die Arbeitslosen. Die haben ganz schön zu tun mit dem Studieren des Stellenanzeigers, dem Zusammenstellen von Bewerbungsdossiers, Vorstellungsgesprächen, Weiterbildungskursen und Zwischenbeschäftigungen. Gemeint sind die Sozialhilfeempfänger. Sie sind vom ökonomischen Zwang fast gänzlich dispensiert. Im schlimmsten Fall belässt man sie im «Paralleluniversum», verlangt nichts mehr von ihnen, gibt sie auf, lässt sie am Geldtropf vor sich hin existieren. Die Botschaft heisst unterschwellig: Eigentlich braucht es dich nicht, du bist überflüssig.

Der pensionierte Mann, der als freiwilliger SRK-Fahrer seinen Dienst mit Hingabe versieht, empfindet sein Engagement nicht als Opfer, sondern als einen Quell der Freude und Befriedigung. Bestimmt bekäme auch ein Sozialhilfeempfänger dieses Gefühl, wenn er so etwas machen könnte – der eine sofort und voller Begeisterung, der andere erst nach einem Schubs. Wenn der Staat, die Gesellschaft, die Steuerzahler ihm das Dasein finanzieren, könnte er im Grunde wöchentlich bis zu 40 Stunden für gemeinnützige Arbeiten aufgeboten werden. Dieser Gegenwert stünde der Gesellschaft zu. Die alten und kranken Bewohner des «Paralleluniversums», die sich abgemeldet fühlen, hätten mehr Teilhabe, weil sie Betreuung erfahren, die derzeit nicht bezahlbar ist. Und jene, die im «Paralleluniversum» gelandet sind, obwohl sie dort nicht hingehören, verlören den Kontakt mit dem Universum der Leistung und Verantwortung nicht: eine Win-win-Situation. (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2011, 08:29 Uhr

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