Die grosse Frauenbewegung – einst und jetzt
Von Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 15.03.2010
Eine Berner Stadträtin der Juso verteilte 2009 Buttons mit dem Satz «Feministinnen haben besseren Sex». Gehen den politisch engagierten Frauen heute die frauenpolitischen Themen aus?
Barbara Gurtner: Das denke ich nicht. Wenn ich an die Frauendemonstration vom kommenden Samstag denke, wird klar, dass es durchaus noch Themen gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt. Beispielsweise verdienen Frauen für dieselbe Arbeit noch immer weniger Lohn. Und das vierzig Jahre nach der Frauenbewegung, in der ich aktiv war. Die Aussage auf dem Button ist ja eine lustvolle Aussage, und ich selber habe gerne auch immer lustvoll provoziert.
Sarah Levy: Die Aussage auf dem Button hat meiner Meinung nach etwas mit der Haltung unserer Gesellschaft zu tun. Es herrscht eine gewisse Denkfaulheit und Politikverdrossenheit. In diesem Umfeld und in einer Welt der Informationsflut noch mit den eigenen Anliegen durchzudringen, ist schwierig. So bieten sich Provokationen an, um noch gehört zu werden.
Sie, Barbara Gurtner, haben sich in den 1980er-Jahren im Nationalrat auch Gehör verschaffen wollen und in Leopardenkleidung gegen den Kauf der Leo-Panzer geredet. Sie haben ihren Körper für politische Anliegen gebraucht – etwas, was unter Feministinnen verpönt ist.
Gurtner: Ich war damals einfach überzeugt, dass mich niemand hört, wenn ich mit friedenspolitischen Argumenten gegen diesen Milliardenkauf spreche. Deshalb ist mir die Idee mit der Leopardenkleidung gekommen. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass man diesen Auftritt auch missverstehen könnte. Jedenfalls habe ich mit meiner Kleidung Aufsehen erregt wie kaum jemand zuvor im Parlament. Die Kommunikationsform war so gesehen gut gewählt.
Wird man als Frau denn 30 Jahre nach Barbara Gurtners Auftritt mit seinen Anliegen auch erst gehört, wenn man provoziert?
Levy: Wenn ich in Leopardenkleidung auftreten würde, hätte ich bestimmt viel Aufmerksamkeit. Aber die Verpackung würde vom Inhalt ablenken. Tatsache ist: Ich bin jung und eine Frau, und das ist eine schwierige Kombination in der Politik, um gehört zu werden. Mehrere Male durfte ich in der Sendung «Arena» dabei sein. Meine männlichen Kollegen redeten sehr viel mehr. Ich habe mich wiederholt gemeldet und durfte dennoch in vier Sendungen nur ein einziges Votum halten. Frauen haben proportional gesehen deutlich weniger Redezeiten. Das hat Politologin Regula Stämpfli etwa mit dem Messen der Redezeiten in der Sendung «Arena» nachweisen können. Es ist erwiesen, dass Zuhörer bei einer höheren Stimmlage schneller abschalten. Frauen haben diesbezüglich also quasi einen biologischen Nachteil.
Gurtner: Wir haben in den 1980er-Jahren unsere Anliegen bunt, schrill und frech vorgebracht. Der Frauentag oder die Demonstration am Samstag könnten dazu genutzt werden, mal wieder etwas lauter auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen. Obwohl für junge Frauen Gleichberechtigung in vielen Lebenslagen heute etwas Selbstverständliches ist, das sehe ich bei meinen Töchtern.
Levy: Ihre Töchter hatten in Ihnen eben ein gutes Vorbild. Für viele junge Frauen ist die Gleichberechtigung nach wie vor ein wichtiges und zentrales Anliegen. Wie ich auch sind sie der Meinung, dass sich noch einiges verbessern liesse.
Gurtner: Wenn ich mir vorstelle, dass ich erst mit 28 Jahren stimmberechtigt war oder wie wir uns einsetzen mussten, damit man uns nicht mehr Fräulein nannte, wenn wir nicht verheiratet waren, oder wie wir kämpfen mussten, um auf eine Parteiliste zu kommen – ja dann muss ich sagen, ist doch schon vieles besser geworden. Aber das Problem der häuslichen Gewalt etwa ist nach wie vor nicht gelöst.
Levy: Ich denke nicht, dass das Problem der häuslichen Gewalt gelöst wäre, wenn in unserer Gesellschaft die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann vollkommen erreicht wäre.
Gurtner: Ich finde trotzdem, dass das Thema häusliche Gewalt auch ein gesellschaftspolitisches Element hat und so gesehen mit dem Thema Gleichberechtigung zusammenhängt.
Inwiefern?
Gurtner: Die Frauenhäuser sind beispielsweise eine Errungenschaft der Frauenbewegung. Für Frauen mit Kindern ist es aber häufig sehr schwierig, sich an eine solche Anlaufstelle zu wenden. Sie haben Angst vor der Situation, alleine mit den Kindern zu sein, weil sie wirtschaftlich abhängig sind von ihrem Mann. Spätestens in solchen Momenten zeigt sich, wie wichtig es ist, dass Mütter arbeiten können und für ihre Arbeit einen gerechten Lohn erhalten.
Statistiken zeigen: Frauen arbeiten 30 Jahre nach der Frauenbewegung immer noch häufiger Teilzeit, sind seltener in hohen Managerposten anzutreffen und verdienen im Schnitt weniger Geld als Männer. Könnte es nicht sein, dass Frauen Vollzeitjobs in Toppositionen gar nicht wollen?
Levy: Ich kenne einige Frauen, die sich lieber der Familie als vollzeitlich dem Beruf widmen, und eine solche Wahl soll auch Platz haben in der Gesellschaft. Aber wenn eine Frau Karriere machen möchte, dann muss sie das tun können, und dafür müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ihr eine echte Wahl ermöglichen. Die skandinavischen Länder sind diesbezüglich viel weiter. Es besteht ein fortschrittlicheres, unverkrampfteres Rollenbild, und Frauen müssen nicht einen so riesigen Spagat zwischen Familie und Beruf machen wie bei uns.
Gurtner: Frauen sollen das Leben leben dürfen, das für sie stimmt. Darum heisst das Motto der Demonstration von heute ja auch: Her mit dem schönen Leben.
Wenn Frauen aber tun, was sie wollen, werden sie oft von ihresgleichen kritisiert: Berufstätige Mütter belächeln nicht berufstätige Mütter und umgekehrt. Von Frauensolidarität ist manchmal wenig zu spüren.
Levy: Der Solidaritätsgedanke, den es in der früheren Frauenbewegung gegeben hat, ist wohl etwas verloren gegangen. Es gibt keinen richtigen Kampf mehr für eine gemeinsame Sache. Das liegt wahrscheinlich daran, dass von unseren Vorgängerinnen bereits viel erreicht wurde. Die fehlende Solidarität unter Frauen spürt man ja nicht nur bei der Wahl des Berufs- oder Familienmodells, sondern auch in der Politik. Ich höre oft von meinen männlichen Kollegen: Würden Frauen nur Frauen wählen, bestünde die Hälfte aller Parlamente schon längstens aus Frauen.
Gurtner: Diese absolute Frauensolidarität hat es auch zu unserer Frauenbewegungszeit nicht gegeben. Dafür sind die Frauen zu unterschiedlich. Eine generationen- und parteiübergreifende Gleichstellungspolitik wäre ein guter Ansatz.
Levy: Natürlich steht die parteipolitische Zugehörigkeit gerade bei Sachthemen im Vordergrund. Aber wenn die Frauensolidarität schon nicht über das eigene Gärtlein hinaus spielt, dann sollte sie es wenigstens parteiintern tun.
Gurtner: Gerade in den Parteien müssten Frauen heute noch viel mehr gefördert werden. Ich bin überzeugt: Frauen müssen vorne, vorne und nochmals vorne auf den Listen stehen, damit sie eine Chance auf einen Sitz haben. Das Thema ist doch aber nicht nur die fehlende Solidarität zwischen Frauen, sondern auch zwischen Frauen und Männern. Männer machen Frauen noch immer nicht gerne Platz.
In Norwegen sind heute 44 Prozent der Verwaltungsräte börsenkotierter Firmen weiblich. Die Frauenquote wurde 2003 auf Initiative des damaligen konservativen Wirtschaftsministers eingeführt. Ist die Quote das Rezept, um mehr Frauen in Toppositionen zu holen?
Gurtner: Vielleicht. Solange Frauen in wichtigen Positionen untervertreten sind, so lange würde ich mich wohl nicht wehren gegen die Quote, auch wenn ich der Quotenregelung nicht nur Positives abgewinnen kann.
Levy: Ich spreche mich klar gegen eine Quotenregelung aus. Mit einer Quotenregelung ist niemandem gedient. Sie löst bei den Männern eine Gegenreaktion aus, Frauen werden weniger ernst genommen, wenn sie als Quotenfrauen hinstehen müssen. Die Unternehmen müssen die unbefriedigenden Resultate, die im Einzelfall entstehen können, ausbaden. Man muss die Unternehmen ohne Quotenregelung davon überzeugen, dass es sich auszahlt, wenn sie Frauen in verantwortungsvolle Positionen holen und ihnen gleichzeitig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.
Gurtner: Um noch einmal auf die Politik zu kommen: Ich habe eben das Wahlmaterial bekommen und die Listen durchgeblättert. Auf einigen Listen sind nach wie vor praktisch nur Männer aufgeführt. Das finde ich heute einfach unerträglich. Wir haben damals in unserer kleinen Partei nie über Quoten geredet, aber man hat uns Frauen einfach auf die Liste gesetzt. Und plötzlich war man gewählt, zum Beispiel auch ich. Wenn man mich vielleicht vorgängig gefragt hätte, ob ich das wirklich wolle, hätte ich gesagt: Nein, ich kann das nicht. Manchmal ist es gut, wenn man plötzlich irgendwo mittendrin ist.
Levy: Mit einem hohen Engagement, viel Mut und einer hohen Frustrationstoleranz kommt man als Frau auch ohne Quotenregelung relativ weit.
Gehen Sie heute nun beide auf die Strasse für die Anliegen der Frauen?
Gurtner: Ja klar, ich gehe hin.
Levy: Ich finde es eine gute Sache, kann aber leider nicht teilnehmen. (Der Bund)
Erstellt: 15.03.2010, 08:10 Uhr
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