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Bern

Die «Waldleute» haben sich emanzipiert

Adelboden feiert ab heute sein 600-jähriges Bestehen. Das kuriose Dorf der Gegensätze ist ein Hort der Freikirchen und Konservativen, aber auch ein Schauplatz des internationalen Ski-Zirkus. Begonnen hat sein Aufstieg 1433 mit einer neuen Kirche.

1918 hielt in Adelboden vor dem Postgebäude das erste Postauto. (zvg)

1918 hielt in Adelboden vor dem Postgebäude das erste Postauto. (zvg)

Das Programm zum Fest

Heute beginnt das Dorffest zu Adelbodens 600-Jahr-Jubiläum um 19 Uhr mit Konzerten der Gruppen Gloom, Sandee und FAB4. Morgen findet ab 19.15 Uhr ein volkstümlicher Abend statt, um 21.15 tritt Bundesrat Ueli Maurer im Dorf auf. Am Sonntag findet um 10 Uhr ein Gottesdienst im Festzelt Gurtnermatte statt und um 14 Uhr startet der Festumzug mit 47 Gruppen. Das Buch «Adelboden Gestern – Heute – Morgen» ist für 35 Franken bei Adelboden Tourismus erhältlich. Informationen zum Dorf, zum Festprogramm und zum Buch finden sich auf www.adelboden.ch. (sn)

Der internationale Ski-Zirkus ist am Weltcuprennen zu Gast. Kuwaitische Investoren wollten 120 Millionen Franken in das sogenannte Alpenbad samt Fünf-sternhotel stecken – sind aber inzwischen abgesprungen. Die Dichte von Freikirchen ist bemerkenswert hoch. Und die ganze Schweiz kennt das Vogellisi, eine sagenumwobene Kräuterfrau: Adelboden ist gewiss ein aussergewöhnliches Dorf im schönen Berner Oberland. Doch nun tut der Ort etwas, was bereits viele Gemeinden vor ihm taten: Er feiert einen hohen Geburtstag und beruft sich dabei auf seine erstmalige urkundliche Erwähnung. In Adelboden wirkt dieses Unterfangen noch etwas willkürlicher als andernorts, stammt doch das bisher älteste Dokument, in dem die Kommune erwähnt wird, aus dem Jahr 1409. Trotzdem beginnt heute die Feier zu Adelbodens 600-Jahr-Jubiläum (siehe Kasten) – sind Berner also doch langsam? «Das Dokument wurde erst im Dezember 2008 von der Kirche entdeckt. Deshalb reichte die Zeit nicht, um schon 2009 ein grosses Fest auf die Beine zu stellen», sagt Gemeindepräsident Jürg Blum zur einjährigen Verspätung. Und ausserdem soll man Feste schliesslich feiern, wie sie fallen, statt sich um Jahreszahlen zu scheren: «Eine Siedlung gibt es an dieser Stelle sicher sowieso schon länger als 600 Jahre», sagt Blum. Ihre Bewohner wurden im Mittelalter «Waldleute» genannt, denn die Gegend war so abgelegen, dass immer nur vom «Wald» die Rede war.

Auch für diese Menschen galt ein «Messezwang», wie im Jubiläums-Buch «Adelboden Gestern – Heute – Morgen» nachzulesen ist – geschrieben wurde es unter anderem von Dorf-Archivar Christian Bärtschi. Und die 16 Kilometer talabwärts in die Kirche von Frutigen waren – gelinde gesagt – eine Zumutung, vor allem im Winter.

«Leichtsinnig» und faul?

Also emanzipierten sich die «Waldleute» eines Tages und bauten 1433 ihre eigene Kirche. «Diese Trotzreaktion gegen den Bischof von Lausanne schweisste uns zusammen», sagt Blum. Damals sei auch der Grundstein zur Religiosität der Adelbodner gelegt worden. «Einige belächeln uns, weil wir konservativ geblieben sind. Aber zum Beispiel bei Überbauungen schadet diese Haltung nicht. Und wenn wir einmal Ja gesagt haben, bleiben wir dabei.» Für «leichtsinnig» und «nicht besonders arbeitsam» hielt dagegen die bernische Baudirektion die Adelbodner 1852 und riet deshalb von einer Strasse ins Dorf ab.

Doch ab den 1870er-Jahren war es vorbei mit den Jahrhunderten der Armut und der Entbehrungen: Der Tourismus hielt Einzug im Dorf. «1926 gab es bei uns mehr Hotelbetten als heute», sagt Blum. Aber noch heute leben die Adelbodner vor allem vom Fremdenverkehr, wobei auch die Bau- und die Viehwirtschaft eine Rolle spielen. Und sie haben sogar einen Industriebetrieb: Die Adelbodner Mineral- und Heilquellen AG, für die mehr als 40 Personen arbeiten. Am Fest heute dürften indes noch andere Flüssigkeiten als das Mineralwasser mit besonders viel Calcium fliessen. (Der Bund)

Erstellt: 03.09.2010, 09:15 Uhr

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