Die Ungeförderten
Von Simon Jäggi. Aktualisiert am 15.09.2010
«Szene 5, Einstellung 1, Take 1.» Kaum ist die Klappe gefallen, ruft Johannes Hartmann «Schnitt!» Die Perche des Tontechnikers ist im Bild. Take 2, Take 3, Take 4. «Dieser Blick ist gut», sagt Hartmann zu Beat Schlatter, der einen Polizisten spielt. Take 7. «Sehr schön», ruft Hartmann, «gleich noch einen.»
An der Lentulusstrasse 28 in Bern herrscht in diesen Tagen Ausnahmezustand, in einer leer stehenden Stadtwohnung dreht Johannes Hartmann seinen ersten Kurzfilm «Halbschlaf». Dass der Dreh stattfindet, ist nicht selbstverständlich. Das Projekt ist nur zustande gekommen, weil der junge Berner Regisseur über viel Durchhaltevermögen verfügt – und von 19 Leuten unterstützt wird, die an seinen Film glauben. Denn die Filmcrew arbeitet gratis. Und darunter sind immerhin gestandene Namen wie Beat Schlatter («Mein Name ist Eugen»), Roland Suter («Viktors Spätprogramm») und die beiden Berner Hauptdarsteller Nils Althaus («Breakout») und Nina Bühlmann («Räuberinnen»). Dass ein Jungfilmer bei seinem ersten Kurzfilm gleich mit einem solchen Aufgebot auffahren kann, ist ungewöhnlich.
Vor zwei Jahren stellte Hartmann bei der Berner Filmförderung ein Gesuch über 20 000 Franken. Dies wurde abgelehnt – wegen produktionstechnischer Mängel. Hartmann ging gründlich über die Bücher, holte Rat bei erfahreneren Kollegen und überarbeitete sein Dossier. Doch auch diesmal erhielt er negativen Bescheid – das Drehbuch überzeuge nicht, hiess es diesmal. Und auch vom Schweizer Fernsehen und dem Bundesamt für Kultur (BAK) kam ein «Njet».
Den einen gefällt, was andere stört
Hartmann liess nicht locker: Er schickte sein Drehbuch zur Kurzfilmagentur nach Hamburg, um es auf Schwächen abklopfen zu lassen. Und siehe da: Aus Deutschland erhielt er ermutigende Worte – die Drehbuch-Doktoren lobten ausgerechnet, was die hiesigen Subventionsgeber kritisierten. Etwa, dass gerade nicht auf psychologische Hintergründe des Hauptdarstellers eingegangen wird. Im Film geht es um ein Paar, das seine langjährige Beziehung feiert, als es plötzlich an der Türe klingelt – und ein Verwirrspiel beginnt, das unerwartet endet.
Es ist freilich keine Seltenheit, dass ein Film ohne Subventionsgelder realisiert wird. Laut BAK drehen drei Viertel der Filmemacher trotzdem, wenn sie abgeblitzt sind. Und es gibt prominente Beispiele, die ohne Subventionsgelder auskamen – das letzte ist Reto Caffis Kurzfilm «Auf der Strecke», der beim BAK ebenfalls leer ausging und später gar für einen Oscar nominiert wurde.
Keinen Moment habe er den Mut verloren, sagt Hartmann, der mit zwei Kollegen die Produktionsfirma Decoy Collective führt. Aber dies nur, weil er von allen Seiten positive Reaktionen erhalten habe. Als es hiess, dass keine Honorare ausbezahlt würden, zog sich niemand zurück. Statt der 75 000 Franken weist der Film nun ein Budget von 20 000 Franken aus – Mittel, die durch Sponsoring und Spenden beschafft wurden.
«Jeder braucht mal ein Ticket, um weiterzukommen», begründet etwa Beat Schlatter, warum er sich zur Verfügung stellt. Der bekannte Komiker und Darsteller hat bei eigenen Projekten schon mehrmals erlebt, dass Gesuche um Fördergelder abgelehnt wurden. Auch Nils Althaus arbeitet nicht zum ersten Mal gratis. «Mindestens die Hälfte meiner Filme waren nicht ausfinanziert.» Er habe sich das Projekt schon zu eigen gemacht, sich mit der Figur angefreundet – daher sei er an Bord geblieben. Und auch Kostümbildnerin Yvonne Reichmuth hat ein bestechendes Argument, warum sie eineinhalb Wochen Freiwilligenarbeit leistet: «Ich koche ungerne, daher bin ich froh, wenn ich hier essen kann.»
Die Verteilung der Subventionsgelder ist ein alter Zankapfel in der Filmbranche – auch weil die Sparte derart abhängig ist von öffentlichen Mitteln. Hartmann ist zurzeit nicht sonderlich gut aufs Thema zu sprechen. Sein Eindruck: «Problemfilme» haben es leichter, Subventionen zu erhalten. Ein Genre wie der Thriller dagegen habe in der Schweiz einen schweren Stand. Aber er kann dem Absage-Reigen auch Gutes abgewinnen: «Nun bin ich enorm motiviert, es denen zu zeigen.»
(Der Bund)
Erstellt: 10.09.2010, 13:59 Uhr
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