Die Trennung von Mutter und Kind im Gefängnis ist unvorstellbar schwierig

Von Anita Bachmann. Aktualisiert am 08.03.2010

Kleinkinder können in Hindelbank bei den Müttern im Gefängnis leben – aber nur bis dreijährig. Die Entwicklung der Kinder wäre in der unnatürlichen Umgebung zu stark beeinträchtigt. Für Frauen mit langen Strafen bedeutet dies eine schmerzvolle Trennung.


Ihnen bleibt die Trennung erspart – Mutter und Tochter können das Gefängnis bald gemeinsam verlassen. (Valérie Chételat)

Ihnen bleibt die Trennung erspart – Mutter und Tochter können das Gefängnis bald gemeinsam verlassen. (Valérie Chételat)

Als die 28-Jährige im zweiten Monat schwanger war, wurde sie von der Polizei erwischt. «Ich habe Drogentransporte von Ecuador in die Schweiz gemacht», sagt sie. In der Untersuchungshaft habe sie sich überlegt, ob sie das Kind bekommen wolle. «Am Schluss habe ich mich entschieden, das Kind zu behalten. Jetzt hilft es mir.» Ihr drei Monate altes Mädchen hilft der Frau, ihre Strafe im Frauengefängnis Hindelbank abzusitzen. In der Wohngruppe für Mutter und Kind der Anstalten Hindelbank sitzt sie die letzten Tage ihrer Strafe ab.

Seit 1962 können maximal sechs Frauen mit acht Kleinkindern in Hindelbank ihre Strafe verbüssen. Sie leben in separaten Häusern auf dem Gefängnisareal. Im Gegensatz zu den anderen Wohngruppen werden nur die Häuser abgeschlossen und nicht die einzelnen Zellen, weil diese über keine eigenen Toiletten verfügen. In der Wohngruppe für Mutter und Kind seien zurzeit fast nur Südamerikanerinnen, deshalb könnten sie alle miteinander spanisch sprechen, sagt die junge Mutter. Sie stammt aus Ecuador, lebt aber seit ihrem 15. Lebensjahr in der Schweiz. «Die Atmosphäre in der Wohngruppe für Mutter und Kind ist gut, wenn es Probleme gibt, reden wir darüber.»

Streitereien und Tätlichkeiten

«Die Situation hat sich sehr entschärft», sagt Marianne Heimoz, Direktorin der Anstalten Hindelbank. Vor zwei, drei Jahren ging es in der Wohngruppe für Mutter und Kind alles andere als harmonisch zu und her. Heftige Streitereien bis hin zu Tätlichkeiten unter den Insassinnen führten dazu, dass Mütter unter Arrest gestellt und Kinder zu ihrem Schutz innert kürzester Frist fremd platziert werden mussten. «In der Kindererziehung lassen sich Frauen ungern dreinreden», sagt Heimoz. Frauen aus unterschiedlichen Kulturen mit entsprechenden Vorstellungen von Erziehung und Betreuung seien in der engen Wohngruppe immer wieder aneinandergeraten. Die Platzverhältnisse könnten erst mit dem geplanten Teilneubau der Anstalten verbessert werden. Ein neues Betreuungskonzept hat aber bereits zu einer Entspannung geführt.

Seit letztem Frühling arbeiten im Strafvollzug auch die Frauen mit Kindern ganztags. In dieser Zeit werden die Kinder von professionellen Kleinkindererzieherinnen betreut. Zum einen sei dies eine Vorbereitung für nachher. «Die meisten müssen arbeiten gehen, wenn sie draussen sind», sagt Heimoz. Auch die Ecuadorianerin mit abgeschlossener Berufsausbildung wird in der Freiheit wieder einen Job suchen und ihr Mädchen ihrer Mutter zur Betreuung überlassen, wie sie sagt. Andererseits verbrächten die Frauen so weniger Zeit gemeinsam in der Wohngruppe und könnten sich besser aus dem Weg gehen. Zudem hätten die beiden angestellten Kleinkindererzieherinnen die Möglichkeit, mit den Kindern nach draussen zu gehen.

Bereits vorher hätten die grösseren Kinder Spielgruppen in der Umgebung besucht, aber dies sei nicht genug, sagt Heimoz. Mütter in der Freiheit würden ihre Kinder zum Beispiel von klein auf zum Einkaufen mitnehmen oder sich zusammen mit jemandem in einem Café treffen. «Die Kinder sind nicht im Strafvollzug, nur die Mütter», sagt Heimoz

«Jetzt bin ich allein»

Deshalb werden die Kinder auch im Alter von drei Jahren von ihren Müttern im Gefängnis getrennt. Für Babys sei es wichtig, mit der Mutter zusammen sein zu können. Ältere Kinder würden aber in dieser unnatürlichen Umgebung zu stark in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. «Sie eignen sich Dinge an, die sie draussen stigmatisieren», sagt Heimoz. Ein Kind habe etwa angefangen, statt normaler Fenster vergitterte Fenster zu zeichnen. Wenn es im Kindergarten und in der Schule immer noch Fenster mit Gittern zeichne, sei dies problematisch. In der Wohngruppe seien sie zudem die Kinder von allen und redeten in drei, vier Sprachen mit den Insassinnen.

«Das Kind von der Mutter zu trennen, ist aber schwierig. Man kann sich das nicht vorstellen», sagt Heimoz. Die Trennung von ihrer dreijährigen Tochter hat eine vierfache Mutter aus der Dominikanischen Republik gerade hinter sich. «Mein Kind ist drei Jahre und einen Monat alt, deshalb habe ich entschieden, es in die Dominikanische Republik zu meiner Familie zu schicken», erklärt die Frau tapfer. Immer habe sie ihre Kinder bei sich gehabt, jetzt sei sie allein. «Für zwei Jahre war es gut hier, jetzt lebt die Kleine draussen», sagt sie. Zusammen mit ihren beiden jüngeren Kindern und ihrem Ehemann lebte sie in der Schweiz. Aber nur sie habe mit Drogen gehandelt, ihr Mann habe damit nichts zu tun gehabt, betont sie.

Als ihr Jüngstes einen Monat alt war, «kam die Polizei». Sie habe sich entschuldigt und erklärt, alles nur für ihre Kinder getan zu haben, weil sie keine Arbeit und kein Geld gehabt habe. Das Gericht habe sie trotzdem zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Etwa die Hälfte ihrer Strafe hat sie bis jetzt abgesessen.

Ihr Ehemann lebe hier in der Schweiz und telefoniere regelmässig mit ihr. Aber er müsse arbeiten und könne unmöglich die Kinder betreuen. Deshalb seien jetzt alle ihre Kinder in der Dominikanischen Republik bei ihrer Familie. Solange alles gut laufe, gehe es, sagt Heimoz. Aber wenn ein Kind krank sei, einen Unfall habe oder beispielsweise zu stehlen beginne, sei dies für die Mütter unerträglich.

«Ich rufe meine Kinder drei Mal am Tag an», sagt die Dominikanerin. Ihr jüngstes Kind weine jedes Mal und sage, es möchte wieder zu ihr in «ihr Haus» zurückkommen. Sie sage den Kindern, dass sie arbeiten müsse und später zu ihnen kommen werde. Wie ihr Leben nach dem Gefängnis aber aussehen soll, weiss sie noch nicht. «Ich bin sehr verwirrt und weiss nicht, ob ich nachher in der Schweiz bleiben kann und die Kinder zurückkommen können», sagt sie. Bis sie aber wieder mit ihren Kindern zusammenleben kann, werden noch anderthalb Jahre vergehen. Bis dahin hofft sie, dass die Kinder sie vielleicht einmal im Gefängnis besuchen kommen. Weil 80 bis 90 Prozent aller Insassinnen in Hindelbank Mütter sind, gebe es für Kinder, die in der Nähe lebten, mehr Besuchsmöglichkeiten als für andere Besucher, sagt Heimoz.

(Der Bund)

Erstellt: 08.03.2010, 15:23 Uhr

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