Bern

Die Quotenfrau wird zur Reformerin

Ihren Vorkämpferinnen ist sie dankbar, doch deren Feminismus ist ihr zu verkrustet: SP-Stadträtin Tanja Walliser hat es sich zum Ziel gemacht, die Gleichstellungsdebatte neu anzukurbeln.

Will die Gleichstellungspolitik der SP reformieren: Stadträtin Tanja Walliser. (Adrian Moser)

Will die Gleichstellungspolitik der SP reformieren: Stadträtin Tanja Walliser. (Adrian Moser)

Stichworte

Zwischen zwei Seminaren nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch. Geschichtsstudentin, SP-Stadträtin, Unia-Angestellte. Tanja Walliser ist viel beschäftigt. Und hat ein schlechtes Gewissen, wenn eines ihrer Engagements wegen der anderen zu kurz kommt: Momentan zum Beispiel ist sie «extrem im Rückstand» mit den Vorbereitungen für die Literaturprüfung, die im Sommer ansteht. Die 25-Jährige wirkt dennoch gelassen: Ganz ohne Opfer ist es eben nicht möglich, eine nationale Debatte über ein modernes Verständnis von Feminismus innerhalb der SP loszutreten.

Walliser ist Co-Autorin des «Manifests für eine visionäre Gleichstellungspolitik der SP Schweiz». Darin werfen zehn junge SP-Politikerinnen und -Politiker die Frage nach der Daseinsberechtigung der Organisation «SP Frauen» auf: Eine separate Politik für Frauenanliegen sei nicht mehr nötig – vielmehr sei es Zeit für eine Gleichstellungspolitik, die Mann und Frau gleichermassen in den Fokus rücke. Walliser bringt ihr Lieblingsbeispiel, um das Anliegen zu erklären: «Bei der Familienplanung stehen viele junge Männer vor dem gleichen Problem wie junge Frauen auch: Es ist nicht einfach, Familie und Beruf zu vereinbaren.»

Die Sache mit dem besseren Sex

Walliser sitzt im Garten eines Cafés nahe der Unitobler in der Länggasse. Ihre Schuhe sind rot, die Tasche ist es auch. Sie zündet sich die zweite Zigarette an. «Natürlich ist es ein Affront gegen die SP-Frauen, wenn wir fordern, die Sektion längerfristig aufzulösen», sagt Walliser. Ob sie sich parteiintern mit dem Anliegen nicht unbeliebt mache? Sie schüttelt den Lockenkopf: «Die Meinung, dass die Frauenpolitik der SP verkrustet ist, teilen viele», sagt sie. Auch aus der SP/Juso-Fraktion im Stadtrat hätte sie bisher keine negativen Reaktionen erhalten.

Das hat möglicherweise mit der gewissen Demut zu tun, mit der die Politikerin das Thema angeht: Immer im Wissen, dass sie ohne die «alten» Feministinnen, die sich vor einem halben Jahrhundert für die Sache der Frau eingesetzt haben, nicht da wäre, wo sie jetzt ist – sondern hinter dem Herd. «Meine Generation wird mit einer viel subtileren Art der Diskriminierung konfrontiert als die Frauen vor uns, die überall an Grenzen stiessen», sagt Walliser, «wir sind ganz klar privilegiert.» Dass die Forderung nach Gleichstellung dennoch kein alter Hut ist, erfährt Walliser immer wieder. Gerade in Gesprächen mit Frauen, wenn sich alte Rollenmuster als hartnäckige Begleiter erweisen. «Wenn mir eine erwachsene Frau erzählt, sie habe bisher nie einen Orgasmus gehabt, doch das sei für sie nicht so schlimm, dann stehen mir die Haare zu Berge: Frauen stellen ihre Bedürfnisse oft noch immer ganz selbstverständlich zurück, anstatt sie zu äussern.» Feminismus, so gar nicht lustfeindlich – Walliser kommt in Fahrt.

Es war just dieses Thema, das ihr kurz nach ihrem Einstand als Stadträtin ein erstes Mal zu medialer Aufmerksamkeit verhalf: Sie verteilte Broschen mit dem Slogan «Feministinnen haben besseren Sex» im Parlament. «Sie fanden reissenden Absatz», erinnert sich Walliser lachend, «und zwar von links bis rechts». Heute ist sie auf der Suche nach einem Feminismus «irgendwo zwischen Alice Schwarzer und Charlotte Roche».

Von Wermuth ermutigt

Ihr politisches Flair hatte seinerzeit schon Cédric Wermuth imponiert, noch lange bevor Walliser Bremgarten im Aargau verliess, um zu studieren. Mit 17 Jahren organisiert sie am Gymnasium, angetrieben von ihrem Gerechtigkeitssinn, einen Sitzstreik gegen den Irak-Krieg. Zwar nahmen nur sechs Leute daran teil, doch der SP-Vize-Präsident in spe wird auf Walliser aufmerksam und lädt sie zu einer Versammlung der Jungsozialisten ein. Walliser wird Mitglied – bleibt aber vorerst noch Zaungast.

Erst als sie 2005 nach Bern kommt, wird sie politisch aktiv. «In der Stadtberner SP hat man mich von Anfang an gefördert», so Walliser. 2009 ersetzt sie gemeinsam mit Lea Kusano Beni Hirt und Daniela Schäfer im Stadtrat. Jahre zuvor hätte sie vielleicht noch eine Extraeinladung gebraucht, um den Posten anzunehmen: Als sie 2008 für die Geschäftsleitung der Juso vorgeschlagen wurde, als «Quotenfrau», wie sie sagt, waren drei Sitzungen und viele Überredungskünste nötig, um sie zu einer Zusage zu bringen. «Ich wusste nicht, ob ich das kann», sagt sie lachend, «ein rechter Frauenkomplex.» Solche Zweifel kennt sie heute nicht mehr: Noch diesen Herbst kandidiert sie für den Nationalrat. (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2011, 06:50 Uhr

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Recommend our website No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie ein Wochenende am Blausee für 2 Personen...

Emil Frey AG Autocenter Bern

Geniessen sie die Strasse mit dem neuen Subaru XV. Nur im Emil Frey Autocenter Bern.

Sanierung und Erweiterung ILFISHALLE

Jetzt bei der Aktion "Helm auf!" mitmachen und in der sanierten ILFISHALLE verewigt werden