Bern

«Die Politik ist ein Hort der Humorlosigkeit»

Von Sebastian Meier. Aktualisiert am 18.02.2010 1 Kommentar

Ab heute tanzt der Bär in den Gassen der Berner Altstadt. Die moderne Gassenfasnacht existiert erst wieder seit knapp 30 Jahren. Inzwischen ist sie die drittgrösste der Schweiz. Zwei Fasnachtsveteranen erzählen von Traditionen, Tabubrüchen und Vorurteilen.

Martin Vatter (links) und Hans Flury mit selbst gemachten Masken aus alten Zeiten. (Adrian Moser)

Martin Vatter (links) und Hans Flury mit selbst gemachten Masken aus alten Zeiten. (Adrian Moser)

Stichworte

Zum 29. Mal geht heute um 20 Uhr die Berner Fasnacht los. Nach bekanntem Drehbuch wird der «Mutz» aus dem Winterschlaf geweckt und aus dem Käfigturm befreit. In den kommenden Tagen ist die Altstadt fest in der Hand der Narren. Morgen Freitag stimmen die Kinder, am Abend dann die Hexen in das ausgelassene Treiben ein. Am Samstag ziehen 58 Guggen durch die Altstadt und lassen die Sandsteinfassaden erzittern, bevor sie sich schliesslich auf dem Bundesplatz zum grossen Finale – dem Monsterkonzert – versammeln. Spätestens dann sollte der Winter endgültig vertrieben sein.

So will es die Tradition in Bern. Im letzten Jahr lockte allein der Fasnachtsumzug 70 000 Fasnächtler und Fasnachtssympathisanten in die Altstadt. Damit ist die Berner Fasnacht die drittgrösste der Schweiz. Das war aber nicht immer so. 1982 weckten einige Unentwegte die Berner Gassenfasnacht aus einem rund 300-jährigen Dornröschenschlaf: eine Gruppe von «Querulanten», die den Bernern die Ausgelassenheit zurückgeben wollten. «Man kann uns durchaus als Urgestein bezeichnen», sagt Martin Vatter, Schulpsychologe im Ruhestand. «Er ist etwas urgesteiner als ich», ergänzt Hans Flury, ein pensionierter Zahnarzt. Vatter gehörte 1982 zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Berner Fasnacht (VBF). Flury stiess 1984 zum Verein, mauserte sich aber bald zu einer zentralen Persönlichkeit bei der Wiederbelebung des Brauchs.

Das Vorhaben habe damals dem Zeitgeist entsprochen, sagt Vatter. In der Gesellschaft habe es verschiedene Strömungen gegeben, die sich gegen die bieder-bürgerlichen und religiös-moralischen Sittenwächter in der Beamtenstadt auflehnten. Im Zuge dieser Entwicklung habe man die jahrhundertealte, verlorene Tradition des Tabubruchs neu entdeckt. In der Region Bern – in Ittigen und im Gäbelbach beispielsweise – seien damals Fasnachten entstanden. «Wir standen in regem Austausch», erinnert sich Vatter. «Auch heute noch stammt gut die Hälfte der Guggen aus der Region», erklärt er.

Der anfangs noch überschaubaren Fasnächtlergruppe blies in Bern ein eisiger Wind entgegen. Nicht nur in bürgerlichen und religiösen Kreisen sorgte das närrische Treiben laut Vatter für Unmut. Die Presse belächelte den Anlass, und mit den Behörden kämpfte man noch über ein Jahrzehnt um die offizielle Anerkennung der Festlichkeiten. Dort wog man die Sehnsucht nach der organisierten Unordnung gegen das Ruhebedürfnis der Altstadtbewohner ab – und entschied regelmässig zugunsten des Letzteren.

Mit spektakulären Fasnachts-Gags wollten die Fasnächtler in den Folgejahren die Berner Herzen für den neuen alten Brauch erwärmen. Etwa mit einer an die Heiliggeistkirche angelehnten, zehn Meter hohen Statue des heiligen Christophorus – des Schutzpatrons der Reisenden, der bis ins 19. Jahrhundert über dem gleichnamigen Berner Stadttor wachte. Die Fasnachtsfigur zeigte mit dem Finger auf das Gewusel auf dem Bahnhofplatz und schüttelte den Kopf. Oder der «Biselbär» auf dem Meret-Oppenheim-Brunnen. Der tat exakt, was sein Name versprach. Er sei zwar über Nacht gefroren, am Tag habe er dann aber «fröhlich prostatierend» sein Geschäft verrichtet.

«Meret Oppenheim hat die Aktion gefallen», weiss Vatter. Im Gemeinderat führten die oft ohne Bewilligung durchgeführten Gags aber zu heftigen Debatten. «Die Politik ist ein wahrer Hort der Humorlosigkeit», findet Flury. Einmal hätten die Fasnächtler jedem der Räte eine venezianische Maske auf den Sitz gelegt. «Raten Sie, wie viele von denen die Maske aufgesetzt haben», fragt er rhetorisch. Die Humorlosigkeit der Berner Classe politique sei übrigens nicht parteispezifisch und auch heute noch allgegenwärtig. In diesem Jahr dürften die «Zibelegringe» ihre Schnitzelbänke erstmals seit Jahren nicht im Ratssaal zum Besten geben, sagt Flury. «Regierungspräsident Käser finde das eben nicht so lustig», spottet Vatter.

Auch in der Stadtverwaltung wollten die Fasnächtler Sympathien gewinnen. So habe sich Flury einmal in Gestalt des Adrian von Bubenberg auf dem Balkon des damaligen Polizeidirektors versteckt. Als er dann mit pompösem Auftritt ins Büro schritt, sei der Magistrat sehr ergriffen gewesen, erinnert er sich. Fortan habe man bei den Aktionen der Fasnächtler das eine oder andere Auge zugedrückt.

Mit der Zeit wurden die Pressestimmen freundlicher. Der «Bund» titelte 1987: «Eine Baslerin sagt immerhin: ,Mir heimelets». 1994 machte Stadtpräsident Klaus Baumgartner die Fasnacht zur Chefsache und übernahm das Patronat der Feierlichkeiten. Und auch in den Gassen wurde es immer enger – und bunter.

Es schwingt Stolz mit, wenn die beiden Fasnachtsveteranen in den Erinnerungen schwelgen. Viele Traditionen hätten die Jahrzehnte überdauert, andere hätten sich gewandelt, neue seien hinzugekommen. Die Bärenbefreiung habe in den Anfängen die Fasnacht beendet. «Erst später sind wir auf die Idee gekommen, den ,Mutz am 11. 11. einschlafen zu lassen und zum Auftakt der Gassenfasnacht wieder aufzuwecken», erzählt Vatter. Es sei nie die Idee gewesen, eine bestimmte Form des Feierns festzuschreiben. Dennoch müsse der Grundgedanke der Fasnacht gegen die kommerziellen Events verteidigt werden. «Es geht nicht nur darum, die Sau rauszulassen», sagt Vatter und ergänzt: «das auch, aber nicht nur». Er sieht in der Fasnacht auch kulturelle, pädagogische und politische Funktionen. Sie sei nicht zuletzt eine Art Volkstherapie.

Flury sorgt sich nicht um die Zukunft der wiederbelebten Tradition. «Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, jemand anderes zu sein», sagt er. Es dürfte schwierig werden, den Bernern das Verkleiden wieder zu verbieten. (Der Bund)

Erstellt: 18.02.2010, 16:29 Uhr

1

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 Kommentar

Corinne Mathieu

24.02.2010, 14:55 Uhr
Melden

Dass die "Zibelegringe" dieses Jahr keinen Auftritt mehr im Stadtrat hatten, haben sie sich selber zuzuschreiben. Ihre Sprüche wurden von Jahr zu Jahr niveauloser und waren schlussendlich nicht mehr lustig, sondern nur noch dumm. Dies wollten wir uns nicht mehr antun. Antworten




DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.