Die Landeskirchen in einem «anderen Film»
Von Dölf Barben. Aktualisiert am 11.06.2010
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Christus lockt die Gläubigen in Massen ins Stade de Suisse
Am Sonntag wird im Stade de Suisse der siebte Christustag seit 1980 gefeiert. Dazu werden rund 30?000 Gläubige erwartet. Im neu eingeführten Vorverkauf wurden bereits 22?000 Eintritte zu einem Preis von 10 bis 65 Franken abgesetzt. Das Budget von 1,8 Millionen Franken ist damit zu drei Vierteln gedeckt. Am Sonntag stehen noch 14?000 Tickets zum Verkauf, wie die Veranstalter an einer Pressekonferenz bekannt gaben.
Im Preis inbegriffen ist die Anreise mit dem Zug. Laut den Organisatoren reisen somit stolze 91 Prozent der Teilnehmenden mit dem öffentlichen Verkehr an. Auch wegen des Berner Frauenlaufs und des Greenfield-Festivals in Interlaken haben die SBB damit das «Wochenende mit den höchsten Frequenzen des Jahres» zu bewältigen. Von den 56 Extrazügen sind 45 für den Christustag im Einsatz, der von den Veranstaltern als «CO2-arme Grossveranstaltung» positioniert wird. Der
Tag steht unter dem Motto «Dominus providebit» (Der Herr wird vorsorgen), das auf dem Rand des Fünflibers steht. In einer speziellen Aktion werden am Bahnhof Fünfliber verteilt. Nach einem «farbenfrohen Gottesdienst» am Morgen folgen Darbietungen zur Frage, wie sich Christen im Alltag «mutig» für das Zusammenleben einsetzen können. Das Programm wird von über 2000 Personen bestritten und enthält viele Lieder. Traditionelle Elemente wechseln sich ab mit freikirchlichen Beiträgen. Als Organisatoren fungieren der Verband evangelischer Freikirchen und Gemeinden, die Schweizerische evangelische Allianz und der Schweizerische evangelische Kirchenbund. (fen)
Verklärte Gesichter, gegen den Himmel gestreckte Arme: Am Sonntag, wenn im Stade de Suisse in Bern der Christustag abgehalten wird, werden solche Bilder zu sehen sein. Der Christustag hat einen evangelikalen Grundcharakter, es ist also ein Tag der Frommen. Die laute Massenveranstaltung steht in offensichtlichem Kontrast zu den nüchternen Gottesdiensten, wie sie in den reformierten Kirchen landauf, landab gefeiert werden. Darum stellt sich die Frage umso mehr, weshalb denn die Landeskirchen und der Schweizerische evangelische Kirchenbund (SEK) am Christustag mitmachen. Herrscht allgemeines Tauwetter?
Die Teilnahme des SEK, dem die reformierten Kantonalkirchen, die Evangelisch Methodistische Kirche der Schweiz sowie eine evangelische Freikirche in Genf angehören, sei nichts Neues, sagt Simon Weber, Leiter Kommunikation beim SEK. Der Kirchenbund habe schon früher solche Veranstaltungen mitgetragen, nur sei dies weniger wahrgenommen worden. Die Frage, ob zwischen den Landeskirchen und den Freikirchen eine Annäherung im Gang sei, stelle sich deshalb gar nicht. Der SEK vertrete seit jeher eine Volkskirche, die verschiedene theologische Strömungen und Frömmigkeitsformen umfasse. Durch die Teilnahme am Christustag bringe der Kirchenbund dies lediglich zum Ausdruck. Das breite Spektrum mache die Volkskirche denn auch interessant, es führe zu spannenden Diskussionen und zu einer «tatsächlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben», sagt Weber.
Die oft gehörte Aussage, landeskirchliche Gottesdienste seien im Gegensatz zu freikirchlichen «blutleer», weist Weber zurück: «Das ist nicht wahr.» In den Landeskirchen seien oftmals Menschen am Werk, die ihren Glauben «anders darstellen, aber doch sehr aktiv sind – und das auch in der Jugendarbeit».
Fasziniert vom Webredaktor
Doch wer sind die Menschen, die an Veranstaltungen wie einem Christustag teilnehmen? Wer sind die Evangelikalen? Die evangelisch-reformierte Monatszeitschrift «reformiert» hat sich in ihrer jüngsten Ausgabe unter dem Titel «In einem anderen Film» mit dieser Frage beschäftigt. Die Redaktorinnen und Redaktoren unternahmen eine Spurensuche – und sind «fasziniert und irritiert» zurückgekehrt, wie Martin Lehmann, «reformiert»-Redaktor in Bern, in seinem Editorial schreibt. Irritierende Begegnungen habe es durchaus gegeben, sagt er. Etwa mit Gemeinschaften, bei denen man auf ein komplett anderes Welt- und Gottesbild gestossen sei und sich nicht bloss in einem anderen, sondern eher «im falschen Film» wähnte. Faszinierend sei dagegen beispielsweise die Begegnung mit einem Webredaktor von Christnet.ch gewesen: Wirklich gläubig zu sein, bedeute für diesen Mann, sich nicht bloss über die üblichen evangelikalen Standardthemen wie Drogen, Abtreibung und Homosexualität aufzuregen, sondern sich in die Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik einzumischen. Lehmann fasst die Erkenntnis aus den Recherchen in einem Satz zusammen: «Die Evangelikalen gibt es nicht.»
«Wirklich engagierte Menschen»
Genauso wenig gebe es die Landeskirche, sagt Lehmann. Rund ein Viertel der 200 000 evangelikalen Christen in der Schweiz gehörten schliesslich einer Landeskirche an. Dabei handle es sich meist um «wirklich engagierte Menschen». Dass sie Platz haben in den Landeskirchen, sei unbestritten. Persönlich verstehe er das Engagement der Landeskirchen am Christustag deshalb nicht als Anbiederung, sondern als «das Ernstnehmen einer Szene», die in der Vergangenheit womöglich nicht immer genügend ernst genommen worden sei, sagt Lehmann.
Also alles in Minne? Nicht unbedingt. Zum Beispiel dann, wenn es ums Missionieren geht. Für den Programmkoordinator des Christustages, Hanspeter Nüesch, demissioniert eine Kirche, die nicht missioniert. Viele Reformierte haben dagegen Mühe mit offensiver Mission. Spätestens dann, wenn Gruppen sich aggressiv gebärden und ihr Missionieren ausgrenzende Züge annimmt, ergibt sich ein Problem – denn für Landeskirchen sind der Respekt vor den Andersgläubigen und der interreligiöse Dialog von grosser Bedeutung. (Der Bund)
Erstellt: 11.06.2010, 07:53 Uhr
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