«Die Kinder gehen oft vergessen»
Von Rahel Bucher. Aktualisiert am 06.07.2011
Kinder vor häuslicher Gewalt schützen
Im letzten Jahr gab es im Kanton Bern 1061 Fälle von häuslicher Gewalt, bei denen die Polizei eingeschaltet wurde. In rund der Hälfte dieser Fälle sind Kinder anwesend, wie Claudia Fopp, Stellenleiterin der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Initiatorin des Pilotprojekts «Kindesschutz bei häuslicher Gewalt», sagt.
Obwohl so viele Kinder von Gewalttätigkeiten zwischen den Eltern oder anderen Familienangehörigen betroffen seien, habe man bisher zu wenig an die Kinder gedacht, sagt sie. Doch das Miterleben von Partnerschaftsgewalt beeinträchtige die psychische Integrität von Kindern.
Mit dem zweijährigen Pilotprojekt erproben verschiedene Behörden des Kantons Bern ein Modell zur Unterstützung von Betroffenen. Fopp: «Es braucht Angebote, um die Ressourcen der Kinder zu stärken.»
Aufbauend auf bestehenden Beratungsstrukturen soll ein Beratungsangebot speziell für Kinder etabliert werden. Gleichzeitig sollen dabei das Wissen und die Sensibilisierung der involvierten Behörden erhöht werden. Zudem müsse man noch erproben, wie die Kinder zu den Beratungen gelangen, sagt Fopp.
Durch das Angebot sollen auch bildungsferne und fremdsprachige Kinder und Familien besser erreicht werden. Das Projekt wird durch eine externe Evaluation begleitet.
Im Kanton Bern gibt es bereits Beratungsangebote für Kinder,
die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Was ist das Neue beim Pilotprojekt «Kindesschutz bei häuslicher Gewalt»?
Im Falle von häuslicher Gewalt, gehen die Kinder oft vergessen. Mit dem Pilotprojekt sollen neben einer Optimierung des Beratungsangebots für Kinder auch die involvierten Behörden und die Öffentlichkeit sensibilisiert werden.
Inwiefern wirkt sich das Projekt auf die Arbeit der Kinderschutzgruppe, die bereits seit 2006 aktiv ist, aus?
Mit dem Projekt soll gezielt für Kinder, die häusliche Gewalt miterlebt haben, ein niederschwelliges und zeitnahes Beratungsangebot geschaffen werden. Zwar gab es schon immer die Möglichkeit, dass Kinder, die von Gewalt im familiären Umfeld betroffen sind, bei uns in die Beratung kommen. Nun wird das Angebot aber öffentlich gemacht.
Vom neuen Angebot sollen vor allem die betroffenen Kinder erfahren. Wie werden sie informiert?
Informieren sollen zum Beispiel Fachstellen wie Vormundschaftsbehörden oder die Polizei – wenn sie wegen häuslicher Gewalt eingeschaltet wird. Es ist jedoch ein freiwilliges Angebot. Dementsprechend müssen die Eltern einverstanden sein, dass die Kinder das Angebot nutzen.
Was konkret erwartet ein Kind, das bei Ihnen in die Beratung kommt?
Wir bieten ihm die Möglichkeit für Gespräche mit einer neutralen Fachperson. Wir wollen ihm helfen, die schwierigen Vorkommnisse besser zu verstehen und einzuordnen.
Kinder, die Sie beraten werden, sind bereits von häuslicher Gewalt betroffen. Kann man Kinder überhaupt vor Gewalt, die im familiären Rahmen stattfindet, schützen?
Die Privatheit der Familie hat viele Vorteile, sie ermöglicht aber auch viel unentdecktes Leid. Von Aussen sieht das niemand, deshalb ist es auch sehr schwierig, ein Kind zu schützen. Das Kind selbst kann sich erst ab einem gewissen Alter schützen. Kleinkinder etwa sind völlig ausgeliefert und können nur durch die Eltern geschützt werden.
Oft werden Bezugspersonen wie Lehrer oder Trainer mit Verdachtsfällen von häuslicher Gewalt konfrontiert. Was sollen sie tun?
Es ist es immer gut, wenn man hingeht und fragt. Für Lehrer gibt es ein klares Ablaufschema, an das sie sich im Falle eines Verdachts halten können. Grundsätzlich kann jede Privatperson eine Gefährdungsmeldung bei der Gemeinde machen, wenn sie den Verdacht hat, dass ein Kind misshandelt wird. Die Vormundschaftsbehörde ist dann verpflichtet, Abklärungen vorzunehmen.
Welches sind heutzutage die häufigsten Ursachen für häusliche Gewalt?
Gewalt passiert häufig aus einer Überforderungssituation heraus. Alles was den Stress einer Familie erhöht, kann gewaltfördernd sein – also etwa Arbeitslosigkeit, eine schwere Erkrankung oder Alkoholismus.
Wie reagieren Eltern, die häusliche Gewalt ausüben, wenn sie damit konfrontiert werden?
Sehr unterschiedlich. Immer wieder erleben wir, wenn wir überforderte Eltern ansprechen, dass sie fast erleichtert sind, dass jemand auf sie zukommt. Selber trauen sie sich oft nicht, Hilfe zu holen. Sie haben Angst, man könnte ihnen das Kind wegnehmen. Diese Angst ist jedoch unbegründet, denn man kann ein Kind nicht einfach aus seiner Familie nehmen. Zuerst sucht man immer nach einer Lösung in Kooperation mit den Eltern, ausser natürlich es besteht eine akute Gefährdung für das Kind.
Was erwarten Sie vom Pilotprojekt?
Wir gehen davon aus, dass bei den Kindern ein Bedürfnis besteht, sich über ihre Erlebnisse aussprechen zu können. Es gibt Erfahrungen aus anderen Städten und Ländern – zum Beispiel Winterthur oder auch aus Deutschland –, die zeigen, dass ein derartiges Projekt eine gute Akzeptanz hat. (Der Bund)
Erstellt: 06.07.2011, 14:13 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
Bern
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Bitte warten





