Die Hauptstadt der Schnitzer
Von Martin Zimmermann. Aktualisiert am 22.06.2009
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Info-BoDas Schweizer Holzbildhauerei-Museumx
Von Juni bis August an Wochentagen von 8.00 bis 18.30 Uhr geöffnet, an Wochenenden von 9.00 bis 18.30. Öffnungszeiten von September bis Mai und weitere Infos: www.museum-holzbildhauerei.ch
Vor langer Zeit lebte in Brienz ein Holzbildhauer. Sein ganzes Leben lang hatte er tagein, tagaus nur Holzbären geschnitzt – ohne je einen echten Bären zu Gesicht bekommen zu haben. Als der Mann im hohen Alter endlich an den Bärengraben nach Bern fuhr, um einmal in seinem Leben das echte Tier zu sehen, war er nicht sonderlich beeindruckt: «Also ich habe sie immer besser geschnitzt.»
Diese Anekdote zeigt exemplarisch das grosse Selbstbewusstsein, welches die Brienzer Holzbildhauer bis heute besitzen. In einem Holzbildhauerei-Museum kann sich seit Samstag nun ein breites Publikum selbst ein Bild von der Geschichte der Kunst mit Holz in der kleinen Oberländer Stadt machen.
Verkehrte Welt in Brienz
Bis zu 2000 Menschen hätten Mitte des 19. Jahrhunderts in Brienz und der Umgebung vom Holzschnitz-Handwerk gelebt, sagt Martin Mätzener von der Stiftung für Holzschnitzereien Brienz, der Trägerin des Museums. Die Kunstgegenstände seien etwa für Touristen, Haushalte in der Umgebung oder Bahnhöfe gefertigt worden. «Normalerweise ging es zu jener Zeit den Bauern besser als den Handwerkern – in Brienz war das Verhältnis aber genau umgekehrt.»
Mittlerweile ist die kommerzielle Bedeutung der Holzschnitzkunst indes zurückgegangen, wie Mätzeners Kollege Andreas Schaller ergänzt. «Die meisten Brienzer arbeiten heutzutage in der Tourismusbranche oder auf dem Militärflugplatz bei Meiringen.» Aus künstlerischer Sicht sei Brienz aber nach wie vor ein wichtiger Standort. Noch heute gebe es in der Gemeinde eine Schule für Holzbildhauerei. Dort arbeite er, Schaller, als Lehrer.
Unbeholfener Wilhelm Tell
Die ersten Brienzer Holzschnitzer habe jedoch weniger künstlerischer Ausdruckswille als vielmehr die pure Not zu ihrem Handwerk getrieben, sagt Schaller. «Um das Jahr 1820 sorgten Missernten in der Schweiz für grossen Mangel.» In dieser Zeit hätten die Menschen in der Gegend vermutlich versucht, ihr Einkommen aufzubessern, indem sie frühen Touristen Holzfiguren verkauften. Das älteste im Museum ausgestellte Werk – ein aus Birnbaum-Holz geschnitzter Wilhelm Tell – stamme aus jener Zeit, so Schaller. «Die Skulptur erscheint noch etwas unbeholfen. Vermutlich war der Bildhauer Autodidakt.»
Ganz anders ein naturalistischer, herrisch wirkender Tell aus dem späten 19. Jahrhundert: Patriotische Skulpturen wie diese hätten dem damaligen, von nationalen Befreiungskämpfen geprägten Geschmack eher entsprochen, sagt Schaller. Im Zuge der allgemeinen künstlerischen Entwicklung seien die Figuren nach 1900 tendenziell abstrakter geworden. Ihre Einfarbigkeit hätten sie jedoch beibehalten. «Farbige Figuren kamen erst in den letzten zehn Jahren auf», erklärt Schaller. Abgerundet wird die Ausstellung im Museum durch ebensolche zeitgenössischen Werke – etwa ein mit der Motorsäge «geschnitztes» Alphorn. (Der Bund)
Erstellt: 22.06.2009, 08:59 Uhr
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