Die Fussball-Therapie
Von Martin Zimmermann. Aktualisiert am 22.06.2010
Fussball-WM 2010
Fussball schauen ohne Alkoholkonsum? Geht nicht, werden wohl die meisten Leute sagen – geht ja wohl, heisst es in der psychiatrischen Klinik Wyss in Münchenbuchsee. Für die Dauer der Fussball-WM in Südafrika wurde dort ein ziemlich ungewöhnliches Public Viewing eingerichtet – wobei der Ausdruck «Private Viewing» den Kern der Sache eher trifft: Das Angebot ist nämlich nur für die Patienten und das Personal der Privatklinik gedacht. «Wir haben hier halt viele Fussballfans – sowohl unter den Patienten wie unter dem Personal», erklärt der Kommunikationsbeauftragte Nico Gurtner. Seit der WM 2006 würden die grossen Turniere deshalb auf einer Leinwand übertragen.
Doch zurück zum Alkohol: Für die Patienten ist dessen Genuss – wenig überraschend – verboten. Statt Bier gibt es während den Spielen zum Beispiel einen Frucht-Cocktail. Die verordnete Abstinenz scheint den Patienten indes wenig auszumachen, wie ein Augenschein während der Pause des Spiels Schweiz-Chile zeigt. «Der Alkohol fehlt mir überhaupt nicht», sagt etwa ein Patient um die 40 im Garten der Klinik. Der Mann hält seine Zigarette in die Höhe: «Ich habe schon eine andere Sucht.»
Er sei wegen Depressionen bereits zum zweiten Mal in der Klinik, sagt der Patient. Mit seinem Krankheitsbild ist er nicht allein: «Wir haben hier viele Leute mit Depressionen oder Angststörungen», sagt Nico Gurtner. Entsprechend ist die Stimmung während des Spiels etwas gedämpft – was aber auch ein Stück weit an der Niederlage der Schweizer liegen dürfte, wie Gurtner nach dem Abpfiff einwirft. «Beim Match gegen Spanien waren die Leute ein bisschen besser drauf.» Zur Erinnerung: Die Schweiz verlor den gestrigen Match nach zähem Ringen mit 0 zu 1.
Das soll indes nicht heissen, dass im schön dekorierten Raum – der Fussboden etwa wurde extra mit einem grünen Teppich belegt – überhaupt keine Atmosphäre aufkomme: Die rund 30 Patienten, Ärzte und Pfleger fachsimpeln über die verschiedenen Aufstellungen. Als klar wird, dass der Basler Stürmer Alex Frei in der Startaufstellung spielt, geht ein Murren durch die Reihen. Für besonderen Unmut sorgt indes die rote Karte für Stürmer Valon Behrami. «Der Schiedsrichter wurde doch bestochen», hört man von allen Seiten zornig flüstern. Als dann das erste Tor der Chilenen wegen eines Offsides des Torschützen aberkannt wird, brandet gar kurzer Jubel auf. Umso grösser ist dann die Enttäuschung nach dem verpatzten Ausgleichstreffer von Eren Derdyiok in der 90. Spielminute.
Es sind genau diese Augenblicke, die die besonderen Begleitumstände dieses «Private Viewing» für kurze Zeit vergessen lassen. Dies sei letztlich der psychologische Sinn hinter der ganzen Übung, erklärt Gurtner: «Die Krankheit der Patienten soll für ein, zwei Stunden in den Hintergrund rücken» – Fussball-Schauen quasi als Therapie also.
Bei den Patienten scheint dieses Konzept anzukommen. Die WM als Ausgleich zur regulären Therapie zu nutzen, sei schlicht «genial», sagt beispielsweise eine gut 40-jährige Frau, die über Erschöpfungszustände klagt. «Es ist gut, wenn wir alle zusammensitzen und uns auf ein Ziel konzentrieren können.» Die Begeisterung über den Fussball kann manchmal aber etwas auch übers Ziel hinausschiessen, wie Gurtner lachend beifügt: «Eine Patientin sagte nach dem Spiel gegen Spanien, sie sei so aufgeregt, dass sie jetzt etwas zur Beruhigung brauche.» (Der Bund)
Erstellt: 22.06.2010, 08:10 Uhr
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