«Die Aufregung war umsonst»

Laute Musik macht die Jugend schwerhörig: Dieser Satz ist so alt wie die Popkultur. Eckhard Hoffmann begräbt diesen Mythos. Ein Gespräch über Musik, Lärm und schwerhörige Eskimos.

Ohne Lautstärke keine Ekstase – doch die Hörschäden der Jugend haben andere Ursachen: Ein Beatles-Konzert im Jahre 1964.

Ohne Lautstärke keine Ekstase – doch die Hörschäden der Jugend haben andere Ursachen: Ein Beatles-Konzert im Jahre 1964. Bild: Keystone

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Seit Generationen wird von der Schädlichkeit lauter Musik gesprochen. Sie haben eine gross angelegte Studie zum Thema gemacht und kamen zu einem überraschenden Schluss. War die ganze Aufregung umsonst?
Aus meiner Sicht war sie das. Natürlich kann überlaute Musik potenziell das Gehör gefährden. Doch die Hörschadenursache Nummer eins ist die Musik sicherlich nicht. Meine Studie hat ergeben, dass zwar tatsächlich viele 18- bis 25-Jährige unter einem Hörschaden leiden, die überwiegende Mehrheit dieser Schäden jedoch nur auf einem Ohr auftritt. Das deutet darauf hin, dass sie nicht an Konzerten, sondern eher durch Knall-Traumata entstanden sind. Unterschätzt wird beispielsweise auch die Lautstärke von Spielzeugen. Eine Spielzeugpistole direkt am Ohr abgefeuert erreicht einen Pegel von 180 Dezibel. Ein solches Ereignis schädigt das Gehör sicherlich mehr als 20 Jahre Discomusik.

Dann stimmt es also nicht, dass Musikmuffel besser hören als regelmässige Konzertgänger?
In meiner Studie wiesen regelmässige Discobesucher kein schlechteres Gehör auf als Leute, die nie in die Disco gehen, keine mobilen Musikabspielgeräte nutzen und keine Popkonzerte besuchen. Laut einer anderen Studie haben beispielsweise Eskimos, die kaum die Möglichkeit haben, laute Konzerte zu besuchen, ein sehr schlechtes Gehör, weil sie bereits als Kinder ohne Gehörschutz auf die Jagd gehen. Die Panik rund um die laute Musik wird übertrieben. Auch das Umwelt-Bundesamt in Deutschland hat eine grössere Untersuchung unter Discobesuchern gemacht und ist letztlich auf das gleiche Ergebnis gekommen. Lustigerweise hat das gleiche Bundesamt danach eine Pressemitteilung veröffentlicht, wonach jeder vierte junge Erwachsene Hörschäden aufgrund der Musik aufweise. Analysiert man die Studie, finden sich zwar die Hörschäden, aber kein einziges Indiz auf einen kausalen Zusammenhang zur Musik.

Wie kommt das?
Der politische Wille stand hier wohl höher als der wissenschaftliche Beweis. Man muss sich Zahlen ehrlich anschauen. Wenn eine Gefahr vorhanden ist, muss man davor warnen, wenn sie es nicht ist, muss man immer noch versuchen, das Extreme zu verhindern, weshalb ich ja auch für vernünftige Lautstärke-Grenzwerte eintrete. Doch man muss endlich damit aufhören, Musik mit Lärm gleichzusetzen. Lärm am Arbeitsplatz ist akustischer Abfall. Und zu viel Abfall gilt es zu vermeiden. An einem Konzert setze ich mich aber etwas aus, was mir Freude bereitet.

Kann das Ohr denn wirklich zwischen gutem und schlechtem Schall unterscheiden?
Da gibt es tatsächlich Unterschiede. Ein deutscher Forscher hat einen interessanten Versuch gemacht: Er hat Leute mit Maschinenlärm und mit klassischer Musik beschallt – beides in derselben Lautstärke. Die Reaktion des Ohres war unterschiedlich, die Vertäubung war beim Maschinenlärm stärker. Unser Ohr ist also nicht bloss ein simpler und passiver Schallsammler, es spielt eine Rolle, womit man es füttert. Deshalb halten auch diese Hochrechnungen, die Musik wie Lärm behandeln, der Wirklichkeit nicht stand.

Trotzdem: Es gibt immer wieder Studien, die zu anderen Ergebnissen gelangen, etwa die Studie von Wolfgang Babisch, auf welche immer wieder verwiesen wird. Wie erklären Sie sich das?
Man muss zwei Sachen unterscheiden. Das eine sind Studien, für welche effektiv Hörtests gemacht wurden, so wie ich sie durchgeführt habe. Hier wird eruiert, wie gut die Hörfähigkeit tatsächlich ist. Und es gibt Studien, in denen nur gerechnet wird. Da wird von einer ISO-Norm ausgegangen, nach welcher eruiert wird, welche Hörverluste bei welcher Lärmbelastung am Arbeitsplatz zu erwarten sind. Wenn man diese Zahlen für den Musikkonsum junger Leute einsetzt, dann kommt man zu den Hörverlusten, die für diese Zielgruppe wahrscheinlich sind. In der Praxis findet man jedoch deutlich weniger Schäden. Die Hörverluste bei den Orchestermusikern zum Beispiel, deren Schallbelastung nun tatsächlich ziemlich hoch ist, ist weit geringer, als es nach den Berechnungen zu erwarten wäre. Wenn man bedenkt, dass viele Musiker bereits im Alter von fünf zu spielen beginnen und somit einer langjährigen Belastung ausgesetzt sind, hören sie gar ausgesprochen gut.

Ihre Studie kam ja sogar zum Schluss, dass Discogänger über ein besseres Gehör verfügen als Leute, die selten Musik hören. Kann man das Gehör trainieren?
Tatsächlich kam meine Studie zum Ergebnis, dass moderate Discobesucher bedeutend weniger Hörschäden aufweisen. Ein sogenannter Trainingseffekt ist jedoch sehr schwer nachzuweisen. Andererseits: Von der Physiologie des Menschen kennen wir solche Effekte. Unser Körper gewöhnt sich an alles, was wir machen. Wenn ich eine Woche passiv im Bett liege, bildet sich meine Muskulatur zurück, und ich gehe kaum gestärkt daraus hervor. Es ist zu erwarten, dass es auch Anpassungsprozesse im Ohr gibt, aber wir können nicht genau sagen, wie sich diese auswirken.

Wo würden Sie denn die Lautstärkelimite festlegen? Wie laut darf Kultur sein?
Ein Wert von 100 db(A) scheint mir vernünftig. Damit ist gewährleistet, ein Konzert so zu fahren, dass ein physisches Erlebnis möglich und das Risiko tragbar ist.

Ein solcher Wert ist in der Schweiz nur erlaubt, wenn ein Club über die baulichen Voraussetzungen verfügt, Ausgleichszonen zu schaffen, Gehörschutze verteilt, Messungen aufzeichnet und keine Nachbarn hat, die sich darüber beschweren. In Bern darf das National wegen eines Nachbarn nur noch Konzerte bei 90 dB abhalten, dem Wasserwerk-Club riet die Behörde, die Anlage nur noch auf 80 dB aufzudrehen.
(Lacht.) Das ist ein schlechter Scherz. Okay, wenn bloss fünf Leute im Publikum sind, die sich zudem sehr ruhig verhalten, könnte man bei 80 dB vielleicht noch etwas mitbekommen.

Sie plädieren für mehr Eigenverantwortung?
Wer in einen Club geht, der tut das doch aus einer Lust heraus. Man kann einem Clubgänger zumuten, selber zu entscheiden, ob er sich einen Abend lang Musik anhören will, in einer Lautstärke, die er zu Hause nicht geniessen kann, oder ob er lieber ein Lokal aufsucht, wo er mit seinen Freunden plaudern kann. Mein Vorschlag: Man setzt eine obere Limite von 100 dB, was darunter ist, sollen die Clubs selber bestimmen können. Ein wenig Gestaltungsfreiraum muss sein. Doch in einem Punkt sind die Veranstalter durchaus in der Pflicht: Je besser die Anlage, desto weniger Pegel brauche ich, um einen subjektiv satten Sound zu erreichen, und umgekehrt.

Ein relativ schlecht erforschtes Phänomen ist der Tinnitus. Sie leiden seit einigen Monaten selber darunter. Warum kann es vorkommen, dass nach einem Konzert 10 000 Menschen zufrieden nach Hause gehen, und einer erleidet einen Hörsturz?
Man weiss es nicht. Es gibt offensichtliche Randbedingungen, die einen Tinnitus begünstigen können. Dazu gehören der Stress, das Rauchen, eine Erkältung, die Luftqualität, mangelnde Flüssigkeitszufuhr oder die persönliche Vulnerabilität des Gehörs. Ich erlitt meinen Tinnitus bei einem technischen Fehler während eines Kopfhörer-Experiments. Vier weitere Studenten waren demselben Knall ausgesetzt, doch nur ich habe einen Schaden davongetragen.

Welches sind die gefährlichsten Ereignisse für das Gehör?
Das sind die Ereignisse, auf die man sich nicht einstellen kann. Nehmen wir das Beispiel des Fussball-Schiedsrichters. Im Normalfall weiss er, wann er pfeift. Er empfindet seinen Pfiff deshalb als weit weniger laut als ein Spieler, der mit dem Rücken zum Schiedsrichter steht. Und ein Knall, etwa von einem Böller, kann ein Gehör in kürzester Zeit um 50 Jahre altern lassen.

Ist denn nicht meistens Musik im Spiel, wenn es zum Tinnitus kommt?
Nein. Die Musik kann eine von vielen Ursachen sein. Das Knalltrauma ist die wohl bekannteste. Ich habe Hörtests nach Knalltraumata durchgeführt, da hörten 20-Jährige auf dem betroffenen Ohr gerade noch so gut wie 70-Jährige. Ich kenne keinen einzigen Hörtest von Leuten, die durch Musik so geschädigt wurden. Tatsache ist aber, dass das Tinnitus-Risiko bei Lautstärken über 100 dB zunimmt.

Dann gilt es wieder einmal abzuwägen, wie viel Genuss erlaubt sein soll und ab wann die Behörden die Menschen vor sich selber schützen sollen?
Jeder Genuss ist mit einem gewissen Risiko verbunden. Ein Null-Prozent-Risiko zu fordern, ist auch in Sachen Musikkonsum unsinnig und für eine ganze Industrie einschneidend. Dann müsste man in derselben Konsequenz auch das Skifahren ausserhalb der blauen Pisten verbieten und ein Geschwindigkeitslimit von 20 km/h einführen. Das wäre zwar sicher, würde aber keinen Spass mehr machen.

Man hat den Eindruck, die Welt werde immer lauter. Hören die Menschen auch immer schlechter?
Die Suva hat im April dieses Jahres eine Studie veröffentlicht, wonach der Anteil an Hörschäden bei jungen Leuten in den letzten zwei Jahrzehnten sogar gesunken ist. Die grösste Studie, die es zum Thema gibt, stammt aus Norwegen. Da hat man 51'000 Menschen zwischen 20 und 100 Jahren getestet, und man hat weder bei exzessiven Walkman-Hörern noch bei Disco- und Konzertgängern auffällige Werte gefunden. Ich bin also nicht der einsame Rufer in der Wüste. Aber unser Umgang mit Lärm hat sich verändert. Lärm bedeutet für uns oft Stress. Es ist die Botschaft des Schalls, die uns ärgert. Wenn der unbeliebte Anwohner am Samstagmorgen seinen Rasen mäht, dann reagiert man auf denselben Pegel anders, als wenn es die hübsche Nachbarin tut, welche die Anlieger am Abend zu einer Grillparty eingeladen hat. Es gibt in unserer Welt kaum noch Orte, an denen man die ungestörte Natur geniessen kann, ohne Strassenlärm, Fluglärm oder Industrielärm zu hören. Beides sollte man geniessen können: die Musik in einem packenden und genügend lauten Livekonzert und die Ruhe der Natur mit all ihren herrlichen Geräuschen.

(Der Bund)

(Erstellt: 29.07.2011, 08:41 Uhr)

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Zur Person

Eckhard Hoffmann ist Professor für Audiologie und Akustik an der Hochschule Aalen. Er hat diverse Bücher und Artikel zu Themen wie «Die Wahrnehmung und Bewertung unserer akustischen Umwelt» oder «Der Einfluss von Popmusik auf das Gehör und Konsequenzen für die Prävention von Hörschäden» veröffentlicht.

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