Der zerknirschte Berner Stadtpräsident verspricht Besserung
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 05.03.2010 5 Kommentare
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Nach dem YB-Sieg gegen den FCZ am Samstag war die Stimmung in der Berner Quartierbeiz Luna Llena ausgelassen. Die Trash-Band Mani Porno spielte – und der Stadtpräsident sang auf der Bühne mit, selbst als der Text ins Zotige abglitt («Bund» von gestern).
Wieder einmal hat sich Alexander Tschäppät (sp) in eine peinliche Situation manövriert. «Die Liedtexte stammen nicht von mir», hält der zerknirschte Stapi fest, «aber: mitgesungen – mitgehangen.» Der Auftritt sei in der Euphorie passiert, sagt das Bundesstadtoberhaupt. «Es war unvorsichtig und nicht schlau, und ich bedaure das.» Er werde das «nie mehr machen», so Tschäppät. Auf die Nachfrage, ob das nach diversen Tritten in den Fettnapf keine zu gewagte Behauptung sei, bekräftigt er: «Ich werde mich an diesem Versprechen messen lassen.»
Stadträtin Natalie Imboden (gb) findet, ein Politiker habe eine Vorbildfunktion. Da vertrage es gewisse Dinge nicht – etwa jene Krawatten mit Pin-up-Girls, die Tschäppät früher trug. Amtsinhaber sässen im Glashaus, sagt Imboden: «In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass sich der Stadtpräsident dessen bewusst geworden ist.»
SP hebt Leistungsausweis hervor
Gar nicht glücklich über den Vorfall ist SP-Fraktionspräsidentin Giovanna Battagliero (sp): «Er hat sich zu einer unüberlegten Aktion hinreissen lassen.» Für die SP sei das aber kein Politikum: «Für uns zählt sein Leistungsausweis, der sich sehen lassen kann.»
Durchaus ein Politikum ist Tschäppäts Verhalten für den jungfreisinnigen Stadtrat Bernhard Eicher. Es sei unhaltbar, wenn Alt-Bundesräte – konkret ging es um Samuel Schmid und Christoph Blocher – als «motherfuckers» tituliert würden. «Leider sind dies nicht die ersten verbalen Entgleisungen», hält Eicher fest. In einer dringlichen Motion fordert er deshalb für Gemeinderatsmitglieder inklusive Stadtpräsident einen verbindlichen «Verhaltenskodex».
Die Jungsozialistinnen und -sozialisten lassen nichts auf den Stapi kommen, der «keine verurteilenswerten Äusserungen gemacht» habe. Die Jusos verstehen die «Aufregung und Skandalisierung des Vorfalls» nicht. Gegen einen volksnahen Stapi, der mit Fussballfans feiere und «mal ein bisschen überschwänglich» sei, könne niemand etwas haben. Vor dem nächsten YB-Spiel vom 14. März wollen die «solidarischen» Jusos vor dem Stade de Suisse T-Shirts verkaufen mit der Aufschrift: «Christoph Blocher Motherf***er».
«Risiko» Tschäppät lange bekannt
Die ehemalige SP-Stadt-, Gross- und Nationalrätin Barbara Geiser – einst präsidierte sie das Stadtparlament – ist sensibilisierter. Wer ein öffentliches Amt bekleide, müsse beim Alkohol und bei der Wortwahl Grenzen beachten: «Solche Ausdrücke billige ich nicht.» Tschäppät habe «seine brillanten Seiten, doch wenn er sich vergisst, was er selbst zugibt, dann besteht ein Risiko.» Dieses mache aber nur zu einem kleinen Teil seine Persönlichkeit aus, sagt Geiser.
Stapi ist nicht Herr Meier
«Er muss wissen, dass er der Stadtpräsident ist und nicht Herr Meier», sagt Stadträtin Dolores Dana (fdp). Tschäppäts Grenzüberschreitungen in Form «anzüglicher Bemerkungen» gegenüber Frauen seien bekannt und auch bei Genossinnen verpönt. Umso lächerlicher sei es, dass das Gleichstellungsbüro ausgerechnet in der Direktion von «Macho» Tschäppät angesiedelt sei, findet Dana.
EVP-Stadträtin Barbara Streit-Stettler, die in der Vergangenheit mehrere Vorstösse zur Alkoholprävention eingereicht hat und sich bei Tschäppät diesbezüglich nicht sehr ernst genommen fühlt, ist über seinen Auftritt konsterniert. «Was soll man Jugendlichen über Prävention erzählen, wenn sich sogar der Stadtpräsident so verhält?», fragt die Stadträtin rhetorisch. Es nütze bei Jugendlichen nichts, wenn man auf sie einrede: «Sie reagieren am besten auf konsequente, glaubwürdige Vorbilder.»
«Niemand ist fehlerfrei», sagt Tschäppät, «auch ich habe meine Stärken und Schwächen.» Zum Vorwurf der Grenzüberschreitungen sagt er: «Wenn man einen Ruf hat, dann hat man ihn, ob er gerechtfertigt ist oder nicht.» Es sei ein Problem in diesem Amt, dass man «kaum mehr ein Privatleben hat». (Der Bund)
Erstellt: 05.03.2010, 07:30 Uhr
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