Bern
Der liberale Grüne mit «Sommaruga-Potenzial»
Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 08.10.2011 1 Kommentar
Dossiers
Artikel zum Thema
Wer Alec von Graffenried zuhört, möchte an die Kraft der Vernunft glauben. So plädiert der AKW-Gegner der ersten Stunde zum Beispiel für den Ausbau bestehender Pumpspeicherwerke in den Alpen. «Unterdessen unterstütze ich auch den Ausbau der Grimsel-Staumauer», sagt er bestimmt. Und fügt leise hinzu, dass er diese Frage vor zehn Jahren, als der AKW-Ausstieg noch nicht zur Debatte stand, anders beurteilt habe.
«. . . näher bei der CVP»
Für den Geschmack vieler Grüner hat der 49-jährige Jurist von Graffenried bei seinem Wandel vom Jungpolitiker zum Pragmatiker etwas übers Ziel hinausgeschossen. Gemäss der vom Politforscher Michael Hermann publizierten Analyse von 4300 Abstimmungen im Nationalrat weicht von Graffenried deutlich vom Mainstream seiner Partei ab und markiert den «bürgerlichen Rand des linken Lagers». Von Graffenried selber ist mit der Einstufung, dass er sich vom «Hauptharst der Fraktion» abgrenze, grundsätzlich einverstanden. Für die Grünliberalen hege er zwar Sympathien, deren europaskeptische Haltung lehne er aber ab. «Auch in sozialen Fragen unterscheide ich mich von den Grünliberalen. Da fühle ich mich näher bei der CVP.»
«Grüne Altlinke sterben aus»
Von Graffenried sei innerhalb der grünen Fraktion ein Exot, sagt eine Nationalratskollegin. Eher überraschende Offensiven wie der Aufruf, die Hintergründe der 9/11-Attentate neu zu untersuchen, dürften solchen Einschätzungen noch Auftrieb gegeben haben. Heute würde er diesen Appell nicht mehr unterzeichnen, sagt von Graffenried. «Man kann zu diesem Thema keine Fragen stellen, ohne in die Spinner-Ecke abgedrängt zu werden.»
Parteiintern brächte die Wahl in den Ständerat wohl auch einen Zuwachs an «Narrenfreiheit», da parteipolitische Standpunkte in der kleinen Kammer eine untergeordnete Rolle spielen. Von Graffenried sieht aber nicht sich selber, sondern eher die tonangebenden Exponenten seiner eigenen Partei zunehmend isoliert. «Bei den Grünen ist ein Generationenwechsel im Gang.» Die «Altlinken» würden «aussterben». Die junge Generation der Grünen habe den Sozialismus überwunden. Pragmatische Parteikolleginnen seien etwa Christine Häsler, Aline Trede oder Kathy Hänni. Auch die Stadtberner Gemeinderätin Regula Rytz, die in den Nationalratswahlen gute Chancen hat, den Sitz der zurücktretenden Therese Frösch zu erobern, verfolge einen undogmatischen Ansatz. Rytz’ Zugehörigkeit zum eher linkslastigen Stadtberner «Grünen Bündnis» (GB) spiele dabei keine Rolle, sagt von Graffenried. Ressentiments gegen die einstige Konkurrentin bei den Stadtberner Gemeinderatswahlen 2008, die ihn nach einer Nachzählung mit einem Vorsprung von bloss 19 Stimmen distanziert hatte, hegt von Graffenried keine. «Ich bedaure einzig, dass Regula Rytz bei den Gemeindewahlen 2012 nicht Berner Stadtpräsidentin werden will.»
Handicap auf dem Land
Der Berner Politologe Adrian Vatter hat von Graffenried «Sommaruga-Potenzial» attestiert. Im Unterschied zur einstigen Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz, die bei den Ständeratswahlen 2003 ein Spitzenresultat erzielt hatte, dürfte die Wählerbasis des Direktors für nachhaltige Entwicklung bei der Baufirma Losinger jedoch kleiner sein – insbesondere auf dem Land. Dies ist auch von Graffenried bewusst. Und so wanderte er denn im Wahlkampf während sechs Tagen durchs Berner Oberland und stattete den anderen Kantonsteilen mit dem Velo einen Besuch ab. Wahlkämpfer von Graffenried ist überzeugt, dass es ein grünes Wählerpotenzial auf dem Land gibt – auch wenn die Berner Grünen im Nationalrat zurzeit mit keinem einzigen ländlichen Mitglied vertreten sind. Dass er bei den letzten Nationalratswahlen just zwei grünen Kandidatinnen aus dem ländlichen Raum vor der Sonne stand, sei ein dummer Zufall gewesen. «Ich habe Kathy Hänni und Christine Häsler ja nicht absichtlich verdrängt.»
«Amstutz wird abgewählt»
Zu seinen persönlichen Wahlchancen will sich von Graffenried nicht äussern. Für ihn ist aber klar, dass es zu einem zweiten Wahlgang kommen wird, bei dem sich Grüne und SP auf einen Kandidaten einigen werden – auf denjenigen Kandidaten, der im ersten Wahlgang mehr Stimmen erzielt hat. Dieser Kandidat werde schliesslich gemeinsam mit dem bisherigen Werner Luginbühl (BDP) gewählt. Der bisherige Adrian Amstutz (SVP) werde abgewählt. «Wer Luginbühl wählt, wählt nicht Amstutz.» (Der Bund)
Erstellt: 08.10.2011, 09:44 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
1 Kommentar
Wir alle wollen szoziale Sicherheit und mehr Gerechtigkeit. Deshalb tun wir gut dara, wenn wir SP; Grüne oder EVP in den Ständerat wählen. Wir Stadt Berner können es uns nicht weiterhin leisten zwei Bürgerliche im Ständrat zu haben.
Hervorheben möchte ich noch, dass Christine Häsler als neue Nationalrätin einiges mit bringt. Sie hat eine behinderte Tochter heute 21 Jahre adodopiert
Antworten
Bern
Online-Wettbewerb
Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.
Alles für Abonnenten und Abonnentinnen
Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".
Jetzt wechseln und sparen
Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.

Bitte warten



























