Bern

Der feine Unterschied

Die Chäsi Thörishaus an der Freiburgstrasse ist die Antithese zum Shoppingcenter in der Agglomeration. Mit grossem Aufwand erhält Brigitta Bonino hier seit 20 Jahren ein Stück heile Einkaufswelt aufrecht.

WEgen Brigitta Bonino-Dänzers Käseplatten und Fondues kommen die Leute auch aus der Stadt nach Thörishaus.

WEgen Brigitta Bonino-Dänzers Käseplatten und Fondues kommen die Leute auch aus der Stadt nach Thörishaus.
Bild: Adrian Moser

Stichworte

Rund um das kleine Dorflädeli in Thörishaus rüsten die Grossen auf. Demnächst öffnen gleich drei Tankstellenshops in der näheren Umgebung. Doch Brigitta Bonino-Dänzer nimmt es gelassen: «Da kann man nichts machen.» Ein bisschen ärgert sie sich aber doch. Eigentlich sei es einfach nicht recht. «Zuerst hungern die Grossverteiler die kleinen Läden mit ihren Einkaufszentren aus, und wenn dann alle Lädeli verschwunden sind, kommen sie mit den Tankstellenshops in die Dörfer und Quartiere.» Doch Jammern ist eigentlich nicht Sache der fröhlichen 55-Jährigen. Allen Widrigkeiten zum Trotz betreibt sie seit 20 Jahren die Chäsi fast am Ende der Freiburgstrasse in Thörishaus. Und hat immer noch Freude an ihrer Arbeit.

Das Lädeli entspricht ziemlich genau dem, wonach sich manche Städter in der glitzernden, anonymen Welt der immer neuen und doch immer gleichen Shoppingcenter sehnen: Die Chefin begrüsst praktisch jeden Kunden mit Vornamen, erkundigt sich nach dem Befinden, spricht übers Wetter. Viele Produkte stammen aus der Region; die Eier aus Oberwangen, das Gemüse von Bauern in Thörishaus, die Butter aus Worb und das Brot aus Mittelhäusern. Auch viele Produzenten ihrer 100 Käsesorten kennt Bonino persönlich. Für die Kinder gibt es natürlich ein Stück Käse zum Probieren oder ein Güetzi, und wenn es ihnen während des Einkaufs langweilig wird, steht ein Trottinett bereit.

Zwar hat die Chäsi, in der schon lange kein Käse mehr hergestellt wird, nur gut 1500 Artikel im Sortiment. Bonino erfüllt darüber hinaus aber praktisch alle Sonderwünsche und besorgt nicht vorrätige Artikel individuell. Nach telefonischer Bestellung stellt sie Einkäufe bereits zusammen, damit sie nur noch abgeholt werden müssen. Schneller einkaufen geht kaum. Weit herum ist der Laden zudem für seine Fondues und Käseplatten bekannt. Dafür fahren die Leute auch mal die ganze Freiburgstrasse von Bern bis nach Thörishaus.

Überraschender Preisvergleich

«Der kleine, feine Unterschied!», steht auf Boninos Namensschildchen. Sie will freundlicher, persönlicher, vielseitiger und flexibler sein als die Konkurrenz mit den grossen orangen Buchstaben. Das scheint bei den Kunden anzukommen. «Hier ist es einfach sympathischer und weniger anonym als beim Grossverteiler», sagt Kathrin Schenk, die im nahen Niederwangen wohnt und praktisch alles in der Chäsi einkauft. Ein allfälliger Preisunterschied falle dabei kaum ins Gewicht. Dass kleine Lädeli teurer seien, sei sowieso nur ein Vorurteil in den Köpfen der Konsumenten, wirft Bonino ein. Ein kleiner Preisvergleich des «Bund» mit einem halben Dutzend Markenprodukten bei Coop bringt tatsächlich Überraschendes zutage: Zwar sind einige Artikel aus der Chäsi tatsächlich leicht teurer, andere hingegen sind in Thörishaus gar billiger als im Coop.

Büroarbeiten am Sonntag

Einige Kunden kaufen nur eine Büchse Bier oder ein nach individuellem Wunsch zusammengestelltes Sandwich in der Chäsi. Erstaunlich viele erledigen hier aber fast ihren ganzen Wocheneinkauf. Barbara Löffel, deren Kinder draussen im Veloanhänger warten, bezeichnet das Lädeli gar als «überlebenswichtig». Ohne Auto sei sie auf Einkaufsgelegenheiten in der Nähe angewiesen. Um ihren Kunden einen Service zu bieten, der weit über das Übliche hinausgeht – und damit wohl auch das Überleben der Chäsi sichert – nimmt Brigitta Bonino aber viel Aufwand auf sich.

Der Arbeitstag der selbstständigen Geschäftsführerin beginnt um 6.15 Uhr und dauert praktisch durchgehend bis 19 Uhr. Nach Ladenschluss richtet sie oft noch Käseplatten her oder kocht an Firmenanlässen oder Familienfesten mit ihrem selbst entwickelten Fonduerad 12 verschiedene Fondues. Am Sonntag erledigt sie die Büroarbeiten. «Zum Glück kann ich 16 Stunden arbeiten, sonst hätte ich noch Stress», scherzt Bonino.

Als die gebürtige Oberländerin vor 20 Jahren die Leitung der Metzgerei Lobsiger an der Spitalgasse in Bern abgegeben und die Chäsi in Thörishaus übernommen hat, erfüllte sie sich einen Traum. Sie wollte eine Familie und trotzdem weiter arbeiten. Möglich war dies nur mit einer Wohnung direkt über dem Laden. Die Doppelbelastung als Mutter zweier Kinder und Geschäftsführerin sei ihr dann aber manchmal doch über den Kopf gewachsen. Als sie sich vor lauter Arbeit kaum noch zu wehren wusste, habe ihr gar einmal eine Kundin die Kinderbetreuung abgenommen. «So sind Beziehungen entstanden», sagt Bonino. Die Kunden gäben ihr mit ihrer Dankbarkeit sehr viel zurück. «Und wir haben es oft auch lustig im Laden.» Das lässt sie auch vergessen, dass sie auf einen sehr bescheidenen Stundenlohn käme, würde sie diese Rechnung tatsächlich anstellen. «Insgesamt überwiegt das Positive», sagt Bonino, während sie dem nächsten Kunden ein Stück Käse einpackt. Ans Aufhören denkt sie noch lange nicht – da können noch so viele Tankstellenshops an der Freiburgstrasse eröffnet werden. (Der Bund)

Erstellt: 15.10.2011, 11:09 Uhr

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2 Kommentare

Nicole Meier

17.10.2011, 08:44 Uhr
Melden

Die Chäsi von Frauenkappelen ist auch der Hammer. Ein Besuch in den kleinen, feinen Läden lohnt sich immer, denn dort stimmen Pries und Qualität. Antworten


Jakob Degler

16.10.2011, 10:19 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Der fantastische Raclettekäse darf auf keinen Fall unerwähnt bleiben!
Jakob
Antworten




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